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	<title>Dr. med., Dipl. Phys. Wolfgang Hoffmann &#187; Allgemeines</title>
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	<description>Ärztlicher Psychotherapeut (Tiefenpsychologie, Logotherapie und Existenzanalyse) und Coach.</description>
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		<title>Burnout &#8211; wenn das Feuer erlischt!</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Jul 2009 13:07:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Hoffmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>

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		<description><![CDATA[Vortrag von Wolfgang Hoffmann, gehalten auf dem AOK-Gesundheitsforum der AOK Hohenlohe in Öhringen und Künzelsau am 1. und 15.07.2009
Diesen Artikel gibt es natürlich auch im PDF-Format zum Ausdrucken:
wolfgang-hoffmann_burnout.pdf
1) Burnout-Syndrom &#8211; Definition
Der amerikanische Psychoanalytiker Herbert Freudenberger (1) benutzte erstmals den Begriff Burnout-Syndrom, als er  1974 einen schwerwiegenden Zustand körperlicher, emotionaler und geistiger Erschöpfung bei Ärzten beschrieb, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vortrag von Wolfgang Hoffmann, gehalten auf dem AOK-Gesundheitsforum der AOK Hohenlohe in Öhringen und Künzelsau am 1. und 15.07.2009</p>
<div class="download">Diesen Artikel gibt es natürlich auch im PDF-Format zum Ausdrucken:<br />
<a href="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2009/07/wolfgang-hoffmann_burnout.pdf" target="_blank">wolfgang-hoffmann_burnout.pdf</a></div>
<h3>1) Burnout-Syndrom &#8211; Definition</h3>
<p>Der amerikanische Psychoanalytiker Herbert Freudenberger (1) benutzte erstmals den Begriff Burnout-Syndrom, als er  1974 einen schwerwiegenden Zustand körperlicher, emotionaler und geistiger Erschöpfung bei Ärzten beschrieb, der in einem schleichenden, sich manchmal über Jahre und sogar Jahrzehnte erstreckenden Prozess durch andauernde und wiederholte Belastungen entstanden war. „Burn-out“ beschreibt also einen Erschöpfungszustand durch das Bild des „Ausgebranntseins“. Ebenso konnte man das Bild eines entladenen, d. h. nicht mehr nachgeladenen Akkus oder eines anderen entleerten Energiespeichers, z. B. Tanks, gebrauchen, der dennoch Höchstleistung abgeben soll. Burisch (3) spricht von lang dauernder zu hoher Energieabgabe für zu geringe Wirkung bei ungenügendem Energienachschub; d. h. „Geben-müssen-und-nicht nehmen-können“.<br />
Eine einheitliche Definition des Burnout-Syndroms gibt es nicht! Das Burnout-Syndrom ist auch keine anerkannte psychiatrische Erkrankung. In Deutschland versteht man i. a. unter einem Burnout-Syndrom einen <span style="text-decoration: underline;">arbeitsbedingten</span> anhaltenden Erschöpfungszustand, der sich als das „Ergebnis eines Prozesses der insuffizienten Bewältigung stressreicher Arbeitssituationen und innerlich nicht akzeptierter Diskrepanzen“ (T. Bergner (2)) einstellt. Ein englisches Zitat fasst den Burnout-Prozess in einem Satz zusammen: „<em>I`ve done too much for too many for too long with too little regard for myself</em>“. Entscheidend dafür, ob eine Burnout-Prozess in Gang kommt, ist, mit welchen individuellen Charaktereigenschaften eine Person den Bedingtheiten seiner Umwelt gegenüber tritt, wie er sie emotional erlebt und bewältigt. Für die Gesundheit der Person ist wichtig, dass ihr emotionales Erleben und ihr Bewältigungsverhalten angemessen aufeinander abgestimmt sind und dass sich die externen und internen Anforderungen mit den externen und internen Ressourcen im Gleichgewicht befinden &#8211; entsprechend den körperlichen, psychischen und geistigen Charakteristika (Gegebenheiten) der betroffenen Person (Abb. 1).<br />
<em> </em></p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-55" title="abb1_erleben-und-verhalten-des-individuums_wolfgang-hoffmann" src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2009/07/abb1_erleben-und-verhalten-des-individuums_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Erleben und Verhalten des Individuums (Wolfgang Hoffmann)" width="500" height="400" /></p>
<p><em>Abb. 1: Erleben und Verhalten des Individuums zwischen Umwelt und persönlichen psycho-physischen Merkmalen (Charakteristika).</em></p>
<p><span id="more-54"></span>Die <span style="text-decoration: underline;">externen Ressourcen</span> können sich z. B. auf Werkzeuge, Räumlichkeiten, Mitarbeiterstrukturen, zwischenmenschliche Kontakte, Arbeitsgestaltungsmöglichkeiten, Delegationsmöglichkeiten, Machtverhältnisse, soziokulturelle Werte, positives Feedback (Anerkennung, Prestige) etc. beziehen. <span style="text-decoration: underline;">Interne Ressourcen</span> stellen z. B. Bereichswissen, fachliche und soziale Kompetenz, Autonomie, Vertrauen zu sich und anderen Konzentrationsfähigkeit, Ausdauer, Schnelligkeit, Koordinationsvermögen, psycho-physische Kraft, physische Gestalt, Stimme etc. dar. <span style="text-decoration: underline;">Externe Anforderungen</span> sind z. B. Arbeitsaufgaben, Arbeitsanfall, Zeitvorgaben, Normen, Regeln etc. <span style="text-decoration: underline;">Interne Anforderungen</span> sind intrinsische Motivation, Ideale, Verantwortungsübernahme, Selbstbild etc.</p>
<p>Wenn die internen und externen Ressourcen den internen und externen Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein scheinen, kommt es irgendwann zu dem emotionalen Erleben von Erschöpfung und einem mangelhaftem Bewältigungsverhalten. Letztendlich führt das zu einer Beeinträchtigung der psycho-physischen Gesundheit.  Burnout ist daher gekennzeichnet durch: subjektiv erlebte Hilflosigkeit und Ohnmacht in einer Arbeitssituation (<span style="text-decoration: underline;">Kontroll- und Autoritätsverlust</span>) infolge rigider, hochgesteckter Werte und Ziele einerseits (<span style="text-decoration: underline;">Fixierung auf Wunschvorstellungen, Realitätsverlust</span>) und der Unmöglichkeit ihrer Realisierung andererseits (<span style="text-decoration: underline;">Gestaltungsverlust</span>). Allgemein könnte man sagen, Burnout entsteht durch mangelnde Passung zwischen Situation und Individuum.</p>
<h3>2) Typische Symptome im Verlauf des Burnout-Prozesses</h3>
<p>Burnout ist ein langsam voranschreitender Erschöpfungsprozess aufgrund innerer oder äußerer Überforderungen. Wann und wodurch sich jemand überfordert fühlt, ist höchst individuell unterschiedlich. Dem entsprechend unterscheidet sich das Burnout-Geschehen von Mensch zu Mensch. Trotzdem gibt es typische Leitsymptome, insbesondere Müdigkeit und Rückzug aus sozialen Beziehungen. Oft lässt sich der Verlauf des Burnout-Prozesses in Phasen beschreiben (z. B. 5 Phasen bei Eckhart H. Müller (4) oder 12 Phasen der Arbeitsgemeinschaft für Präventivmedizin Österreich (zitiert nach Paul Ostberg (6)). Ich möchte den Vorgang in 8 Abstufungen beschreiben, wobei ich wie Eckhart Müller das Bild des erlöschenden Feuers gebrauche (Abb. 2):</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-56" title="abb2_verlauf-des-brunout-geschehens_wolfgang-hoffmann" src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2009/07/abb2_verlauf-des-brunout-geschehens_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Verlauf des Burnout Geschehens (Wolfgang Hoffmann)" width="500" height="400" /><br />
<em>Abb. 2: Verlauf des Burnout-Geschehens</em></p>
<p>Zu diesen 8 Phasen ist folgendes anzumerken:</p>
<h4>(1) „Lodernde Flamme“</h4>
<p>Um auszubrennen, muss man erst mal „Feuer und Flamme“ gewesen sein, d. h. anfangs herrschen oft vor:</p>
<ul>
<li>große Begeisterung, ungebremster Idealismus,</li>
<li>verstärkter Arbeitseinsatz bis zur überschäumenden Arbeitswut,</li>
<li>der Wille bzw. der Zwang sich zu beweisen,</li>
<li>erhöhte Erwartungen an sich selbst</li>
<li>Übersehen eigener Grenzen und Zurückstellung eigener Bedürfnisse,</li>
<li>freiwillige Übernahme neuer Aufgaben verbunden mit Mehrarbeit und (unbezahlten Überstunden auch an freien Tagen &amp; Wochenenden und im Urlaub) und</li>
<li>Gefühl der Unentbehrlichkeit, Unfähigkeit zu delegieren</li>
</ul>
<p>Die eigene Selbstüberschätzung, „die überhöhten Zukunftshoffnungen und die unrealistischen Erwartungen erschweren die Wahrnehmung der tatsächlichen äußeren Situation und verhindern das Ausrichten einer sensiblen Antenne nach innen“ (s. Müller (4)).</p>
<hr />
<h4>(2) „Brennende Flamme“</h4>
<p>Irgendwann kehrt man auf den „Boden der Tatsachen“ zurück. Die Flamme brennt, aber sie lodert nicht; d. h. es herrschen vor:</p>
<ul>
<li>ökonomische, zielstrebige, kraftvolle und sinnvolle Nutzung seiner Ressourcen,</li>
<li>Sicherheit und Vertrautheit mit den Anforderungen und Möglichkeiten,</li>
<li>realistische Einschätzung der vorhandenen Fähigkeiten und des Machbaren,</li>
<li>ausgeglichene Balance zwischen Enthusiasmus und Pragmatismus und</li>
<li>ausgewogenes Verhältnis zwischen Beruf und Privatleben, Anspannung und Erholung.</li>
</ul>
<p>Die benediktinisch geprägten Nonnen und Mönche werden durch das „ora et labora“ offenbar weitgehend vor einem Burnout geschützt – mir ist jedenfalls kein Burnout-Fall im Ordensbereich begegnet, obwohl viele Ordensleute permanent „im Dienst“ stehen.</p>
<hr />
<h4>(3) „Vermehrtes Verheizen von Brennmaterial“</h4>
<p>Geht man jedoch nicht ökonomisch mit seinen Reserven um, löst man nicht realistisch und pragmatisch seine Aufgaben und sorgt man nicht für einen Wechsel von Anspannung und Entspannung, weil man ständig den Ruf der Pflicht vernimmt, so gehen die Energie- und Kraftreserven schnell zur Neige. So kann der erste Schritt in das Burnout-Syndrom getan sein.<br />
Das Warnlämpchen sollte aufleuchten, wenn Folgendes passiert:</p>
<ul>
<li>dauernde Vernachlässigung eigener Bedürfnisse und sozialer Bindungen,</li>
<li>Aufgeben von Hobbys,</li>
<li>gesteigerter Bedarf von Kaffee, Aufputschmitteln, Zigaretten,</li>
<li>vegetative Begleiterscheinungen wie Schlafstörungen und</li>
<li>Muskelverspannungen und Kopfschmerzen.</li>
</ul>
<p>Der Übergang in die nächste Stufe ist vorprogrammiert:</p>
<hr />
<h4>(4) „Ermattender Funkenflug“</h4>
<p>Die inneren Kraftreserven sind verbraucht. Man sieht sich auf verlorenem Posten kämpfen. Das Engagement lässt nach und man hat das Gefühl, nichts mehr auf die Reihe zu bekommen.<br />
Es treten auf:</p>
<ul>
<li>Energiemangel, Schwächegefühle,</li>
<li>Lustlosigkeit, stagnierende Leistungen,</li>
<li>Abnahme des Gefühls von Kompetenz und erfolgreicher Arbeitsausführung</li>
<li>Fehlleistungen (Vergessen von Terminen und versprochener Aufgaben-Erledigung),</li>
<li>Stimmungsschwankungen und Launenhaftigkeit,</li>
<li>Angst, den Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein,</li>
<li>Gefühle des Versagens,</li>
<li>abnehmendes Interesse am Beruf und</li>
<li>Motivationsverlust bis zum Arbeitsüberdruss.</li>
</ul>
<hr />
<h4>(5) „Schalten auf Sparflamme“</h4>
<p>Abstumpfung und Aufmerksamkeitsstörungen nehmen zu. Die Arbeit wird als frustrierend empfunden. Die ursprünglichen Wertvorstellungen verblassen. Folgen sind:</p>
<ul>
<li>Gehemmtheit, aber auch Rastlosigkeit und Ruhelosigkeit,</li>
<li>Angstgefühle,</li>
<li>Gesteigerte Kränkbarkeit und Reizbarkeit,</li>
<li>zynische und aggressive Reaktionen,</li>
<li>Meiden privater, als belastend empfundener Kontakte und</li>
<li>Probleme mit dem Partner (Zeichen des „Beziehungs-Burnouts“).</li>
</ul>
<hr />
<h4>(6) „Mattes Glimmen“</h4>
<p>Das Gefühl, mehr geben zu müssen als nehmen zu können, führt zu:</p>
<ul>
<li>Gefühl mangelnder Anerkennung,</li>
<li>Desillusionierung,</li>
<li>Neigung zu negativen Generalisierungen,</li>
<li>wachsender Widerstand, täglich zur Arbeit zu gehen,</li>
<li>reduziertes Engagement für Klienten, Kunden, Patienten, Schüler,</li>
<li>Schalten auf Autopilot,</li>
<li>Arbeitszeiteinstellung im Sinne der „inneren Kündigung“,</li>
<li>evtl. Aufblühen nach Feierabend (Chrysalis-Phänomen),</li>
<li>Fluchtphantasien und</li>
<li>vermehrte Fehlzeiten, verspäteter Arbeitsbeginn, vorverlegter Arbeitsschluss.</li>
</ul>
<p>Der Rückzug hat begonnen, aber meist werden die auftretenden Probleme noch verleugnet!</p>
<hr />
<h4>(7) „Erlöschende Glut“</h4>
<p>Die Arbeit macht keinen Sinn mehr, an dem man sich orientieren könnte. Es besteht auch keine Hoffnung auf Besserung mehr. Der Rückzug erscheit als die einzige sinnvolle Konsequenz. Das Verhalten verändert sich. Man fühlt sich ohnmächtig, wird apathisch und bedauert sich selbst. Es kommt zu einer Verflachung des sozialen Lebens mit schwindender persönlicher Anteilnahme an anderen, aber eventuell gleichzeitig mit exzessiver Bindung an Einzelne, die man dann als Krücke missbraucht. Beruflich-soziale Kontakte werden gemieden, da man sich sowieso von Freunden und Kollegen nicht verstanden fühlt.</p>
<p>Die Folgen sind:</p>
<ul>
<li>verringerte Initiative und verringerte Produktivität (Dienst nach Vorschrift),</li>
<li>Abbau der kognitiven Leistungsfähigkeit (z. B. Konzentrationsstörungen),</li>
<li>Ungenauigkeiten, Desorganisation, Entscheidungsunfähigkeit,</li>
<li>Eigenbrötelei mit ärgerlichen Reaktionen auf gut gemeinte Zuwendungen,</li>
<li>Einsamkeit,</li>
<li>Gefühl innerer Leere</li>
<li>Gleichgültigkeit</li>
<li>angestrebte, aber nicht erfüllte Ersatzbefriedigung durch Essen, Alkohol, Drogen, Spielen,<br />
Einkaufen, Sexualität in exzessivem Ausmaße,</li>
<li>Gewichtsveränderung,</li>
<li>Psychosomatische Reaktionen (Herzklopfen, Bluthochdruck, Durchfall, Verstopfung) und</li>
<li>Depressive Verstimmungen mit Sinnlosigkeitsgefühlen.</li>
</ul>
<hr />
<h4>(8) „Leer gebrannte Stätte“</h4>
<p>Der Endzustand der totalen Erschöpfung ist erreicht. Starke schmerzhafte Emotionen wechseln sich mit dem Gefühl des inneren Abgestorbenseins ab. Die Betroffenen vereinsamen. „Die Entwertung der anderen schlägt um in die Entwertung der eigenen Person“ (Volker Faust (8)). Die manchmal unternommenen Versuche, sich durch exzessive sinnliche Befriedigungen wie z. B. durch Kaufrausch, Fressattacken und exzessiven, aber nicht befriedigenden Sex zu trösten, scheitern. Am Ende kommt es zu Krankheiten incl. Suchterkrankungen, Arbeitsplatzverlust mit anhaltender Arbeitslosigkeit. Das Scheitern der Ehe sowie ein sozialer Abstieg sind dann nicht selten die Folge. Am Ende besteht eine existentielle Verzweiflung. Die „Lebensaufgabe“ wird dann zur „Lebens-Aufgabe“ (T. Bergner), was sich zeigt in:</p>
<ul>
<li>Verlust des Gefühls für die eigene Persönlichkeit,</li>
<li>automatenhaftes Funktionieren,</li>
<li>psychosomatische Reaktionen treten noch mehr in den Vordergrund,</li>
<li>angegriffenes Immunsystem (rezidivierende Infekte!), Herzkreislaufprobleme, Magen Darm-Erkrankungen,</li>
<li>Angststörungen, Soziale Phobien und Panikattacken,</li>
<li>Schmerzstörungen (Somatoforme Störungen)</li>
<li>Posttraumatische Störungen, Anpassungsstörungen,</li>
<li>Suchtkrankheiten,</li>
<li>lebensfeindliche Einstellungen,</li>
<li>Verbitterung,</li>
<li>Hoffnungslosigkeit,</li>
<li>Wunsch nach Dauerschlaf,</li>
<li>manifeste Depression mit Gefühl des Abgestorbenseins und</li>
<li>Existentielle Verzweiflung, Selbstmordgedanken, Selbstmordgefahr.</li>
</ul>
<p>Die völlige Burnout-Erschöpfung betrifft damit sowohl die körperliche, als auch die psychische als auch die geistige als auch die soziale Dimension des Menschseins und sie ist  lebensbedrohlich!</p>
<p>Die Einteilung des Burnout-Prozess in Phasen dient nur der Orientierung, denn dieser Prozess verläuft nicht immer in derartigen geordneten Phasen.</p>
<h3>3) Differentialdiagnose des Burnout-Syndroms</h3>
<p>Wer kennt nicht den Zustand der Erschöpfung nach harter körperlicher oder geistiger Arbeit? Normalerweise kann man sich aber davon auch wieder erholen z. B. nach einem schönen Wochenende oder Urlaub. Dem Burnout-Patienten gelingt es dagegen nicht, aus seinem chronischen Erschöpfungszustand herauszukommen.<br />
Chronische Erschöpfung und chronische Müdigkeit können als unspezifische Symptome natürlich auch Folgen körperlicher Erkrankungen sein wie z. B. Vitamin-, Elektrolyt-, Hormon-, Stoffwechselstörungen, schädliche Ernährungs- und Lebensgewohnheiten, Schlafmangel, toxische Umwelteinflüsse, Tumorerkrankungen, Entzündungen, Infektionen, Autoimmunkrankheiten, Leber- und Nierenstörungen etc. Chronische Erschöpfung und chronische Müdigkeit finden sich auch bei Psychosen wie z. B. einer endogenen Depression. Daher sind zunächst diese Erkrankungen durch entsprechende klinische Untersuchungen auszuschließen.<br />
Das Burnout-Syndrom ist dadurch gekennzeichnet, dass der Betroffenen mehr und mehr zuerst in seiner Arbeit und schließlich, wenn es zum „Infarkt der Seele“ gekommen ist, auch in seiner ganzen Existenz keinen Sinn mehr sieht. Ein Sinn-Verlust liegt nicht nur dem Burnout-Syndrom zugrunde, sondern auch chronischem Stress, dem Phänomen der Inneren Kündigung, dem Mobbing, bestimmten Formen von Depressionen (sog. „noogene Depressionen), vielen Angstkrankheiten, Suchtkrankheiten und insbesondere auch dem mangelhaften (Selbst-) Vertrauen zugrunde (vgl. Abb. 3).</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-58" title="abb3_die-zentrale-rolle-des-sinn-verlustes_wolfgang-hoffmann" src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2009/07/abb3_die-zentrale-rolle-des-sinn-verlustes_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Die Zentrale Rolle des Sinn-Verlustes (Wolfgang Hoffmann)" width="500" height="400" /><br />
<em>Abb. 3: Die zentrale Rolle des Sinn-Verlustes bei mit Erschöpfung einhergehenden Störungen</em></p>
<p>Diese Störungen sind alle miteinander verflochten und können u. U. in einander übergehen. Trotzdem sollte man sich über die Unterschiede im Klaren sein:</p>
<p><strong>Chronischer Stress</strong> entsteht immer dann, wenn ich etwas tue bzw. tun muss, was ich innerlich nicht will, zumindest nicht so tun will, z. B. wenn ich etwas nicht unter Zeitdruck tun will, wenn ich also in meiner Tätigkeit keinen Sinn sehe, weil ich keine Entscheidungsfreiheit und keine Kontrolle mehr über das Geschehen habe und dafür auch keine Selbstverantwortung übernehmen kann. Galeerensklaven z. B. litten unter Stress und entfremdeter Arbeit, aber sie hatten realistische Erwartungen, insbesondere erwarteten sie keine Belohnungen. Zum Burnout dürfte es bei ihnen nicht gekommen sein, worauf Burisch (3) hinweist. Beim <strong>Burnout</strong> habe ich im Unterschied zum Stress anfangs wenigstens mein volles, oft begeistertes Einverständnis zu meiner Tätigkeit gegeben. Zum Burnout kommt es erst, wenn  meine Erwartungen (z. B. auf Anerkennung) von der inneren und äußeren Realität nicht mehr erfüllt werden, wenn also eine mangelnde Passung zwischen Situation und Individuum besteht. Der Betroffene sieht dann in seinem Tun keinen Sinn mehr und erlebt sich fremdbestimmt. Der voran schreitende Burnout-Prozess ähnelt zunächst sehr stark dem chronischem Stress und am Ende schließlich einer Depression.<br />
Beim <strong>Mobbing</strong> wird dem Betroffenen von seiner Umwelt auf verschiedene Weise mitgeteilt, dass er an seinem Arbeitsplatz ungeeignet ist und versagt, was sein Selbstvertrauen untergräbt. Das wird dadurch noch gesteigert, dass er z. B. degradierende, sinnlose oder überfordernde Aufgaben erhält, dass er „kaltgestellt“ wird und dass er Übergriffe erfährt. Wieder macht die Arbeit keinen Sinn mehr. Wieder geht die Kontrolle über das Geschehen verloren und der Betroffene erlebt sich als fremdbestimmt. Die Arbeit wird mehr und mehr zum chronischen Stress und das Ganze kann in einen Burnout-Prozess und in eine Depression münden.</p>
<p>Zur sog. „<strong>Inneren Kündigung</strong>“ kommt es nicht selten im Verlauf eines Burnout- oder Mobbing-Geschehens. Aber auch andere Ursachen für eine „Innere Kündigung“ kommen in Frage, wie z. B. veränderte Arbeitsbedingungen, Vertrauensverlust zu Vorgesetzten oder Kollegen etc., so dass die Arbeit ihren Sinn für die jeweilige Person verloren hat. Typisch für diejenigen, die bei ihrem Unternehmen innerlich gekündigt haben, ist, dass sie nach der Arbeit aufblühen (Chrysalis-Phänomen) und sie sich außerhalb der Firma neue Tätigkeitsfelder erschließen, was jemandem in einem fortgeschrittenen Burnout-Prozess später nicht mehr möglich ist.</p>
<p>Das <strong>Selbst-Vertrauen</strong> ist bei allen diesen Arbeitsstörungen angeschlagen; denn man erlebt sich fremdbestimmt, indem für einen Sinnloses tun muss bzw. Sinnlosem unterworfen ist. Am Ende können sogar Zweifel an der Existenzberechtigung stehen, so dass das lebenswichtige Urvertrauen dahinschwindet. Dann kann es leicht zu Angststörungen, zu Depressionen mit entsprechenden Ohnmachtsgefühlen und „erlernter Hilflosigkeit“ und zur Flucht in diverse Süchte kommen.</p>
<h3>4) Burnout-Ursachen</h3>
<p>Klaffen die Erwartungen, die man an die Arbeit stellt, und die Arbeitsrealität auseinander, so lebt man in einer Stress-Situation. Leicht fühlt sich der Betroffene mit seiner Arbeit überfordert. Die Ursachen für die Überforderung können vielfältig sein. Die Überforderungen<br />
können individuellen, interpersonelle, institutionelle und/oder soziokulturelle Ursachen<br />
haben (vgl. Abb. 4). Wie diese Überforderungsgefühle subjektiv erlebt werden, ist natürlich von Mensch zu Mensch sehr verschieden – genauso wie die ganz unterschiedlichen Gegebenheiten, von denen sie ausgehen.</p>
<p><a href="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2009/07/abb4_vier-ursachen-fuer-ueberforderung_wolfang-hoffmann.gif"><img class="aligncenter size-full wp-image-59" title="abb4_vier-ursachen-fuer-ueberforderung_wolfang-hoffmann" src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2009/07/abb4_vier-ursachen-fuer-ueberforderung_wolfang-hoffmann.gif" alt="Vier Ursachen für die Überforderung (Wolfgang Hoffmann)" width="500" height="400" /></a><br />
<em>Abb. 4: Die vier Möglichkeiten der Überforderung</em></p>
<p>Zu den möglichen soziokulturellen und institutionellen Ursachen eines Überforderungsgefühls gehört, dass wir heute in unserer westlichen Kultur und Gesellschaft eine Vielfalt von sich z. T. widersprechenden bzw. miteinander konkurrierenden Wertsystemen haben. In der Wirtschaft wird dabei der Effizienz der Arbeit der größte Stellenwert eingeräumt. Diese Effizienz lässt sich als das Verhältnis von Output zu Input verstehen. Die Kriterien dafür, was die Effizienz = betriebswirtschaftliche Leistung ausmacht, werden von außen durch Wirtschaft, Politik und Gesellschaft festgelegt (vgl. Abb.12). Immer mehr setzt sich dabei der wirtschaftliche Aspekt von Effizienz durch:</p>
<blockquote><p>Effizienz (betriebswirtschaftliche Leistung) = Verhältnis von Gewinn zu Kosten.</p></blockquote>
<p>Man versucht dann ständig, die Effizienz = betriebswirtschaftliche Leistung vornehmlich durch a) positive Verstärker (z. B. Prämien, Incentives etc.), b) „Rationalisierungen“ und Sanierungen und c) Überwachung und bürokratische Kontrolle zu steigern. Manchmal wird Effizienz auch durch negative Verstärker gedrosselt wie z. B. bei Bauern und Ärzten, wenn eben diese Effizienz einer anderen, als wichtiger angesehenen Effizienz im Wege steht.</p>
<p>Belohnung und Kontrolle bewirken i. a. nur eine kurzfristige Leistungssteigerung aber eine eventuell länger andauernde Schwächung des Selbstwertgefühls; denn wird bei Belohnungsanreizen und ausufernder Kontrolle (d. h. Überwachung bzw. Bürokratie) nicht insgeheim auch unterstellt, dass der Mitarbeiter eigentlich ein fauler Mensch ist, der nur durch diese Maßnahmen dazu gebracht werden kann, dass er Leistungen erbringt? Das Selbstwertgefühl wird auch dadurch nicht gerade gefördert, wenn man von „Rationalisierungen“ und „Sanieren“ durchführt, denn wörtlich verstanden heißt das ja, dass das Unternehmen und damit auch die Mitarbeiter „unvernünftig“ und „krank“ sind. Eine langfristige Leistungssteigerung ist dagegen doch nur mit starken Persönlichkeiten zu erreichen, die Sinn und Werte verwirklichen wollen!<br />
Infolge der Effizienzsteigerung werden die Anforderungen am Arbeitsplatz immer größer und höher (s. Abb. 5). Der Zeitdruck und der Konkurrenzdruck nehmen zu. Huber sieht in der derzeitigen Wettbewerbskultur eine rituelle Umsetzung von aufgestauter Aggression. Die Wettbewerbskultur fordert den Einzelnen ständig zum Vergleich heraus. Wenn er diesem Vergleich nicht standhalten kann, ist in erster Linie er selbst daran schuld. So schwindet seine Selbstsicherheit dahin. Die Unsicherheit wächst weiter durch die fehlende Verwurzelung in ein stabiles familiäres System und in allgemein gültige Wertesysteme. Dazu kommen dann die nicht mehr zu bewältigende Wissensexplosion, die ständigen Neuerungen und am Ende die Kündigungen. So beobachtete man eine 40% höhere Sterblichkeit bei Menschen, die 8 Jahre lang erleben mussten, wie in ihrem Umfeld Entlassungen vorgenommen wurden. Der lebenslange Beruf ist häufig zum nur vorrübergehendem Job geworden. Bei dieser Hektik reduziert sich auch die Zeit für Kommunikation, für Supervision, für Entfaltung von Kreativität und für Problemlösungen.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-60" title="abb5_moegliche-gesundheitliche-folgen-der-effizienzsteigerung_wolfang-hoffmann" src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2009/07/abb5_moegliche-gesundheitliche-folgen-der-effizienzsteigerung_wolfang-hoffmann.gif" alt="Mögliche gesundheitliche Folgen der Effizienzsteigerung (Wolfgang Hoffmann)" width="500" height="400" /><br />
<em>Abb. 5: Mögliche gesundheitliche Folgen der Effizienzsteigerung</em></p>
<p>Die Arbeit verliert an Transparenz, was durch eine bürokratische Überregulierung auch nicht kompensiert wird. Immer weniger Einfluss auf die Arbeit ist möglich. Die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen in Firma, Arbeitsphilosophie, Vorgesetzte und Mitarbeiter schwinden. Die Arbeit wird als Sinn-entleert und zermürbend empfunden und die Motivation geht verloren. Der steigende Arbeitsstress kann schließlich zu Gesundheitsstörungen und Burnout-Syndrom führen, besonders wenn dazu noch wenig Unterstützung und Anerkennung von oben und unten erfolgt. Viele Menschen fühlen sich ihrer Arbeit nicht mehr gewachsen.</p>
<h4>Alarmierende Ergebnisse zeigte eine DGB-Studie von 2008:</h4>
<blockquote><p>Jeder 3. hasste seinen Job (nur 13% waren zufrieden, bei Zeitarbeit sogar nur 2%).<br />
Ganz wichtig waren den Beschäftigten die folgenden Themen: Macht meine Arbeit Sinn? Besteht eine gute Kollegialität? Gibt es Bestätigung, Verständnis, Anerkennung? Erst auf Platz 16 landeten die Fragen nach Arbeitszeit und auf Platz 17 die nach Vergütung.</p></blockquote>
<p>Ein wichtiger Punkt ist ferner die Freiheit, Eigeninitiative entfalten zu können. Das beweist die von Langer und Rodin 1976 bei Altenpflegeheimbewohnern durchgeführte Studie (zitiert bei Burisch (3)). Hier wurde die Eigeninitiative bei Altenpflegeheimbewohnern in der ersten Gruppe verstärkt und in der zweiten Gruppe geschwächt, indem den Mitgliedern der ersten Gruppe eine Topfpflanze angeboten wurde mit der Möglichkeit, sich diese auszusuchen und eventuell auch die Pflege zu übernehmen, während der zweiten Gruppe die Pflanze einfach nur hingestellt bekamen, die dann auch vom Personal versorgt wurde. Außerdem durfte die erste Gruppe entscheiden, ob sie einen Film lieber am Freitag oder am Samstag ansehen wollte, während die zweite Gruppe vom Personal zum Filmbetrachten für den Freitag bzw. Samstag  eingeteilt wurde. Diese zwei Möglichkeiten für eine minimal erscheinende Eigeninitiative brachten der ersten Gruppe einen riesigen Gewinn; denn im Vergleich zur zweiten Gruppe nahmen bei ihren Mitgliedern schon nach 3 Wochen Aktivität, Zufriedenheit und Wachheit zu und nach 1½ Jahren betrug die Sterblichkeit (Mortalitätsrate) in ihrer Gruppe nur 15% im Vergleich zu 30% in der zweiten Gruppe (Referenzgruppe)! Die Möglichkeit, Eigeninitiative entfalten und Verantwortung übernehmen zu können, fördert offenbar die Gesundheit und beugt sicher einem Burnout-Syndrom vor!Die Liste möglicher äußerer Faktoren, die zum Burnout-Syndrom führen können, ist mit Sicherheit nicht abschließbar, weshalb an dieser Stelle nur einige, derzeit gesellschaftlich als typisch angesehene und von Volker Faust (8) stichwortartig zusammengefasste Situationen genannt werden sollen: &#8220;Hohe Arbeitsbelastung; schlechte Arbeitsbedingungen; Zeitdruck oder zu großes Pensum in einem zu eng gesteckten Zeitrahmen, vor allem stoßweise; schlechtes Betriebsklima; wenig tragfähige Beziehungen zu den Mitarbeitern; wachsende Verantwortung; Nacht- und Schichtarbeit, vor allem dort, wo man sich nicht arbeitsphysiologischen Erkenntnissen anpassen will oder kann; unzulängliche materielle Ausstattung des Arbeitsplatzes; schlechte Kommunikation unter allen Beteiligten (Arbeitgeber, aber auch Mitarbeiter untereinander); zu geringe Unterstützung durch den Vorgesetzten; wachsende Komplexität und Unüberschaubarkeit der Arbeitsabläufe und Arbeitszusammenhänge; unzureichender Einfluss auf die Arbeitsorganisation; Hierarchieprobleme; Verwaltungszwänge; Verordnungsflut (gestern neu, heute zurückgenommen, morgen modifiziert usw.); Termin- und Zeitnot; unpersönliches, bedrückendes oder intrigenbelastetes Arbeitsklima, vom Mobbing ganz zu schweigen; ferner ständige organisatorische Umstellungen, ohne die Betroffenen in Planung und Entscheidung einzubeziehen, bei Misserfolgen aber verantwortlich zu machen; zunehmende, immer neue und vor allem rasch wechselnde Anforderungen; zuletzt die wachsende Angst vor Arbeitsplatzverlust u.a.m.&#8221;<br />
Besonders schlimm wirkt sich die Überbelastung dann aus, wenn sie bagatellisiert oder gar heroisiert wird (wie z. B. bei Ärzten, die wegen ihres idealisierten Selbstbilds Hilfe oft nicht zulassen). Bestimmte Berufe tragen aufgrund ihrer Anforderungen ein besonders hohes Risiko für ein Erschöpfungs- und Überforderungssyndrom in sich wie z. B. soziale und helfende Berufe (vgl. Jörg Felder: „Helfen macht müde“ (7)) Bei Lehrern, Managern, Seelsorgern, Künstlern etc. besteht z. B. ein hoher Anspruch an die eigene Tätigkeit besteht und der persönliche Erfolg ist entweder schwer messbar (soziale oder künstlerisch-kreative Berufe) oder aber nach oben hin nicht begrenzt (entgrenzte Tätigkeit bei Managern und Selbständigen) oder schwer erreichbar (andauernde Frustrierung eigener oder akzeptierter Leistungs- und Erfolgsvorgaben).</p>
<p>Laut Hans-Peter Unger sind <span style="text-decoration: underline;">psychosomatische Erkrankungen die Arbeitsunfälle unseres Jahrhunderts</span>!</p>
<p>Ein Burnout-Prozess wird natürlich auch dadurch noch gefördert, wenn z. B. zusätzlich zum Arbeitsstress noch <strong>interpersonelle Belastungen</strong> z. B. durch interfamiliäre Konflikte oder durch Versorgung von Haushalt, Partner, Kindern, anderen Familienangehörigen oder gar Pflegefällen dazukommen. Zu weiteren interpersonellen Stressquellen können auch Freunde, Liebhaber, Nachbarn und Kollegen werden. Am Arbeitsplatz übertragen manchmal „alte Hasen“ ihren Burnout-Zustand auf die begeistert startenden Kollegen mit Killerphrasen wie „Mit solch blauäugigen Vorstellungen haben wir auch mal angefangen!“, „Warten Sie mal ab, Sie werden schon sehen, dass alle Mühe umsonst ist!“, „Das haben schon ganz andere versucht!“, „Das ist doch gar nicht genügend abgesichert!“ oder nur „Das haben wir hier noch nie so gemacht!“ u. s. w. (s. Eckhart Müller (4)).</p>
<p>Die soziokulturellen und institutionellen Gegebenheiten lassen sich i. a. von einem einzelnen Menschen nur wenig beeinflussen. Es ist aber wichtig und für die Betroffenen erleichternd, sie von den <strong>interpersonellen und individuellen Ursachen</strong> abzugrenzen, die der Betroffene durchaus beeinflussen kann. Dazu ist allerdings nötig, seine eigenen individuellen Schwächen und Burnout-Risiken zu erkennen und ihnen dann auch gegenzusteuern.</p>
<p>Es gilt daher zu erforschen, welche Charakter-Strukturen einen Burnout-Prozess fördern.<br />
Burisch (3) weist darauf hin, dass sowohl der bis an seine Leistungsgrenzen und darüber hinaus unentwegt schaffende Arbeitsfanatiker (Typ  A) als auch der mehr auf umsorgende Führung wartende Mitläufer (Typ B) einsame, zum Gefühlsausdruck unfähige Menschen sind, die nach Anerkennung dürsten. Damit machen sie sich von anderen abhängig, so dass sie ihr ohnehin schwaches Ich noch weiter schwächen. Typ A begann seine Arbeit mit „Feuer und Flamme“ und entwickelte sich dann zum Arbeitsfanatiker, aber selbst der leistungsschwache Typ B kann anfangs mit Begeisterung sehr gute Leistungen hervorgebracht haben. Nur zu seinem (und der Institution) Pech wurde er daraufhin in eine gehobenere Position befördert, in der er nun überfordert ist (The Peter-Principle). Mit der Zeit laufen die Risiko-Typen A und B aber in Gefahr, dass sich bei ihnen langsam ein arbeitsbedingter Zustand zunehmender Erschöpfung entwickelt infolge des andauernden Kräfteverzehrs aufgrund von innen und/oder von außen kommender Überforderungen.</p>
<p>Wie bereits schon mehrfach betont wurde, sind besonders die Menschen gefährdet, an einem Burnout-Syndrom zu erkranken, die sich, z. B. in ihrem Hunger nach Anerkennung, von anderen abhängig machen und sich also fremdbestimmt verhalten, die alles selber machen wollen und nicht delegieren können, die gerne nach außen als stark erscheinen wollen, ohne es zu sein und die sich gerne überfordern, z. B. infolge einer Perfektionsversessenheit u.s.w. Die folgende Aufzählung Burnout fördernder Charaktereigenschaften erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit:</p>
<ol>
<li>Angst vor Risiko und Misserfolg,</li>
<li>rigides, strenges Gewissen mit Neigung zu Perfektionismus und Zwanghaftigkeit,</li>
<li>starker Ehrgeiz,</li>
<li>Helfersyndrom,</li>
<li>mangelnde Selbstachtung und Selbstbehauptung (Angst vor Konflikten),</li>
<li>Abhängigkeit von äußerer Bestätigung (Liebe, Erfolg, Macht),</li>
<li>Unterordnung unter starre Familienmythen (z. B. „Ohne Fleiss kein Preis“ etc.)</li>
<li>Neigung zu Irritationen, Sorgen und Depressionen,</li>
<li>Reaktionsschnelle, aber rasche Ermüdbarkeit</li>
<li>Ungeduld, aber geringe Belastbarkeit,</li>
<li>geringe Frustrationstoleranz und leichte Kränkbarkeit und</li>
<li>geringe Stress-Resistenz.</li>
</ol>
<p>Geringe Stress-Resistenz besteht dann, wenn die Stressbewältigungsstrategien unzureichend sind, gekennzeichnet z.B. durch:</p>
<h4>Fehlendes Organisationstalent</h4>
<ul>
<li>fehlendes Organisationstalent,</li>
<li>mangelhaftes Zeitmanagement,</li>
<li>Unfähigkeit zu delegieren,</li>
<li>Unfähigkeit zwischen durch abzuschalten &amp; zu entspannen,</li>
<li>leichte Kränkbarkeit,</li>
<li>Unfähigkeit sich zu distanzieren und sich nicht alles zu Herzen zu nehmen,</li>
<li>Gefühl der Fremdbestimmtheit bei der Arbeit (Kontrollverlust) und</li>
<li>fehlende Einsicht in den Sinn der Arbeit.</li>
</ul>
<p>Es gibt somit keine singuläre Ursache des Burnout-Syndroms, sondern es gibt immer nur Konstellationen, die die Entwicklung eines Burnout-Syndroms begünstigen.<br />
Bei all den möglichen Wechselwirkungen zwischen individuellen und allgemeinen situativen Faktoren, die bei der Entwicklung eines Burnout-Syndroms eine Rolle spielen können, ist es hinsichtlich des Burnout-Prozesses immer wichtig auf 1.) die persönliche Disposition und 2.) die objektiven Arbeitsvorgaben hinsichtlich Art, Umfang und Zielsetzungen zu schauen und dann zu untersuchen, wie realistisch die Zielsetzungen und Belohnungserwartungen des jeweiligen Individuums sind. Zeichnet sich ein Realitätsverlust ab, so droht der in Abb. 6 dargestellte Teufelskreis: die nicht ausbleibenden Enttäuschungen und Fehlschläge verstärken sich, wenn rigide an den unrealistischen Zielen und Erwartungen festgehalten wird, weil mit</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-61" title="abb6_persoenlichkeitsschwaechung-mit-gestaltungsverlust-infolge-realitaetsverlust_wolfgang-hoffmann" src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2009/07/abb6_persoenlichkeitsschwaechung-mit-gestaltungsverlust-infolge-realitaetsverlust_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Persönlichkeitsschwächung mit Gestaltungsverlust infolge Realitätsverlust (Wolfgang Hoffmann)" width="500" height="400" /><br />
<em>Abb. 6: Persönlichkeitsschwächung mit Gestaltungsverlust infolge Realitätsverlust</em></p>
<p>der frustrierenden Realität nicht umgegangen bzw. sie nicht ausgehalten wird. Diese persönlichkeitsbedingte Schwäche und die daraus resultierende Angst und Machtlosigkeit nimmt zu, wenn sich diese Menschen von der Meinung anderer abhängig machen und nicht den Mut aufbringen, selbstverantwortlich mit Flexibilität und Kreativität auf die Realität zu reagieren. Das Gespür von innerer Kraft schwindet immer mehr dahin, so dass sich die Betroffenen nicht mehr in der Lage fühlen, den Herausforderungen zu begegnen. Damit geht auch die Entscheidungs-, Gestaltungs- und Handlungsfähigkeit verloren, was ein Fehlverhalten fördert. Dieser Spannungszustand lässt sich auf die Dauer nicht aushalten! Am Ende steht der Teufelskreis der Depression, denn mit weniger Engagement werden auch weniger Ziele und Belohnungen erreicht, so dass die Depression sich ihre eigene Berechtigung geschafft (M. Burisch (3)). Selbstvertrauen, Leistungsfähigkeit und soziale Beziehungen schwinden dahin.Es ist bereits wesentlicher Gegenstand der Therapie, herauszufinden, welche Bedeutung in jedem Einzelfall die persönliche Disposition und welche die äußeren Faktoren haben. Aus dieser Analyse und Selbsterkenntnis ergeben sich dann die individuellen Wege, um erneute Rückfälle zu vermeiden und in Zukunft besser geschützt zu sein vor Entgrenzungen.<br />
Abschließend ist festzustellen, dass leider die zum Burnout-Syndrom führenden äußeren Arbeits- und Belastungsfaktoren noch unzureichend wissenschaftlich untersucht sind i. G. zu dem Erkrankungsprozess und den zu ihm gehörenden persönlichen Dispositionen.</p>
<h3>5) Prophylaxe und Therapie des Burnout-Syndroms</h3>
<h4>5.1) Prophylaxe und Therapie durch Persönlichkeitsentwicklung</h4>
<p>Eine drohende Gefährdung durch einen Burnout-Prozess liegt immer dann vor, „wenn in dem Bestreben, der Aufgabe und den gesteckten Zielen gerecht zu werden, eigene Bedürfnisse und Grenzen vernachlässigt, langfristig übergangen, ignoriert oder gar nicht mehr wahrgenommen werden – oder wenn eine Tätigkeit ausgeübt wird, die sich nicht in sicheren Grenzen bewegt und für deren Bewältigung die persönlichen und/oder fachlichen Voraussetzungen fehlen. Dieselbe Gefahr besteht, wenn der Betreffende denkt, seine Qualifikationen oder Fähigkeiten reichen zur Bewältigung der Aufgabe nicht aus und er sich deshalb andauernd überfordert fühlt!“ Das subjektive Empfinden ist für das Entstehen oder Nicht-Entstehen eines Burnout-Syndroms maßgeblich und ein starkes Ich die beste Gegenmaßnahme!<br />
Am Anfang aller prophylaktischen und therapeutischen Anstrengungen steht daher die Persönlichkeitsentwicklung, die Bildung eines starken „authentischen“ Ichs. Um im Leben Krisen bewältigen zu können, braucht jeder Mensch ein gesundes Selbstbewusstsein, eine angemessene, aber nicht überzogene Selbstsicherheit, ein gutes Selbstwertgefühl und ein belastbares Selbstvertrauen. Andererseits lässt jede erfolgreich bewältigte Krise Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit, Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen wachsen und stärkt auch gleichzeitig das Vermögen, Ängsten standzuhalten, Niederlagen hinzunehmen und Frustrationen zu ertragen. So entwickelt jeder seine Persönlichkeit und individuelle Identität in einem lebenslangen Prozess weiter.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-62" title="abb7_entwicklung-einer-belastbaren-persoenlichkeit_wolfgang-hoffmann" src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2009/07/abb7_entwicklung-einer-belastbaren-persoenlichkeit_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Entwicklung einer belastbaren Persönlichkeit (Wolfgang Hoffmann)" width="500" height="400" /><br />
<em>Abb.7 :  Entwicklung einer belastbaren Persönlichkeit</em></p>
<p>Die Ausbildung einer belastungsfähigen Ich-Identität lässt sich in vier Stufen beschreiben (s. Abb. 7). „Die unterste ist das reine <strong>Selbstbewusstsein</strong>. Wenn auch manchmal Selbstbewusstsein mit Selbstvertrauen verwechselt wird, meint der Begriff „Selbstbewusstsein“ eigentlich nur, dass ich mich meiner selbst bewusst bin, dass ich meinen Körper spüre, meine Gefühle wahrnehme und auch dass ich mich kenne mit meinen Stärken und Schwächen. <strong>Selbstsicherheit</strong> bezieht sich auf mein Auftreten anderen gegenüber. Dabei ist entscheidend, ob die Sicherheit nur vorgetäuscht ist oder ob sie echt ist. <strong>Selbstwertgefühl</strong> habe ich, wenn ich mir meines Wertes bewusst bin. Selbstwertgefühl entspringt der geistigen Auseinandersetzung mit Werten und der Sinnverwirklichung. Selbstvertrauen ist mit der im weitesten Sinne religiösen Erfahrung verbunden, dass ich darauf vertrauen darf, dass ich gewollt bin und dass mein Leben Sinn in sich trägt. Deshalb darf ich mich im Leben &#8211; allen Widerwärtigkeiten zum Trotz &#8211; geborgen fühlen und dafür dankbar sein. <strong>Selbstvertrauen</strong> schafft Selbstwertgefühl und beides sorgt für Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein. Selbstvertrauen ist mit Urvertrauen verbunden. Elisabeth Lukas (8) weist darauf hin, dass Urvertrauen das tragende Wertempfinden aus der Vorunglückszeit ist und deswegen reaktivierbar ist und dass Urvertrauen die „Einwilligung“ in den Verlust schafft“ (9).<br />
Möglichkeiten, wie man in einem ersten Schritt sein Selbstbewusstsein und seine Selbstsicherheit steigern kann, sind z. B.:</p>
<ul>
<li>Selbsterkenntnis (z. B. seinen Charaktertypus erkennen mit seinen Stärken und Schwächen)</li>
<li>Selbstwahrnehmungstraining  (z. B. Körperwahrnehmung, Wahrnehmung seiner Gefühle)</li>
<li>Wahrnehmung eigener Sinn- und Wertvorstellungen</li>
<li>Lernen Selbstannahme und Mut (Urvertrauen)</li>
<li>Training der Entscheidungsfindung</li>
<li>Kreativitätstraining</li>
<li>Selbstdistanzierung und Humor</li>
</ul>
<p>Um sein Selbstbewusstsein im wörtlichen Sinne weiterzuentwickeln, ist es z. B. gut, sich selbst zu erforschen, seinen Charaktertypus kennen zu lernen mit all seinen Stärken und Schwächen. Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit lassen sich ferner auch verhaltenstherapeutisch z. B. durch Selbstwahrnehmungstraining, Kontakt- und Kommunikationstraining, Konfliktmanagement, Selbstbehauptungstraining, allgemeines, fachliches und soziales Kompetenztraining u. s. w. fördern. Seine soziale Kompetenz kann man z. B. durch die folgenden Trainingsprogramme verbessern:</p>
<ul>
<li>Kommunikationstraining und Konfliktmanagement,</li>
<li>Kontakte herstellen und beenden können,</li>
<li>Gespräche beginnen, durchhalten und beenden können,</li>
<li>Überwindung von Schüchternheit,</li>
<li>seine Gefühle zeigen und seine Wünsche äußern können,</li>
<li>Komplimente machen und annehmen können,</li>
<li>sich entschuldigen können,</li>
<li>um Gefallen und Hilfe bitten und delegieren können,</li>
<li>Danken können,</li>
<li>Widersprechen und Nein-sagen können,</li>
<li>Kritik vertragen können und</li>
<li>eigene Schwächen eingestehen können.</li>
</ul>
<p>Je besser meine soziale Kompetenz ist, desto stabiler werden meine sozialen Beziehungen, durch die ich auch immer sehr viel über mich erfahre und somit mein Selbstbewusstsein und meine Selbstsicherheit, aber auch mein Selbstwertgefühl stärke. Martin Buber bringt das auf den Punkt: „Das Ich wird erst am Du. Alles wirkliche Leben ist Begegnung“!</p>
<p>Ganz allgemein kann man sagen, dass man mit dem, was man tut oder nicht tut, sich auch immer ein Stück weit sich selbst erschafft. Das Resultat dieser Selbstgestaltung hängt davon ab, ob das, was ich getan oder nicht getan habe, sinnvoll und wertvoll war oder nicht. Es geht also noch um mehr als nur um Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit: es geht um das Selbstwertgefühl, in dem ich meine ganz persönlichen Selbstwert durch die Erkenntnis und Verwirklichung von Sinn und Werten erfahre. So kann ich mein Selbstwertgefühl durch eine „Selbstverwirklichung“ gemäß Viktor Frankl steigern. Frankl sagt: „<em>In dem Maße, in dem der Mensch Sinn erfüllt, etwa in der Hingabe an eine Sache oder in der Liebe zu einem anderen Menschen, verwirklicht er sich selbst.</em>“  Er zitiert auch Karl Jaspers: „<em>Was der Mensch ist, das ist er durch die Sache, die er zur seinen macht.</em>“, d. h. es gibt eine „Selbstgestaltung durch Sinnverwirklichung“ (9). Wenn die Erfahrung und Verwirklichung von Sinn und Werten meinen Selbstwert bestimmt, dann werde ich zugleich unabhängig vom Urteil anderer, so dass ich Freiheit und Selbstverantwortung gewinne – eine Grundvoraussetzung zur Entwicklung einer eigenen unverwechselbaren Identität.</p>
<p>„Zur Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls scheint daher die auf Sinnerfahrung ausgerichtete Logotherapie besonders hilfreich zu sein. Die Beschäftigung mit Sinn und Werten lässt die spirituellen Tugenden nicht unberücksichtigt. Nach Frankl wendet man sich damit einer einem selbst vielleicht nicht bewussten Religiosität zu, ganz im Sinne des Ausspruchs von Albert Einstein: „<em>Religiös sein ist, eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens wissen</em>“. Wer aber um den Sinn des Lebens weiß, der hat auch Selbstvertrauen“ (9).</p>
<p>All diese Schritte zur Persönlichkeitsentwicklung stellen gewissermaßen das Vorfeld der Burnout-Prophylaxe dar!</p>
<h4>5.2) Selbst-Analyse zur Vermeidung und Therapie eines Burnout-Syndroms</h4>
<p>Weil sich Burnout-Syndrome meist sehr langsam entwickeln, werden sie von den Betroffenen und auch von Mitarbeitern, Vorgesetzten und Angehörigen selten rechtzeitig als Krankheit erkannt. Weil sie den Ernst ihrer Situation nicht erkennen, versuchen die Betroffenen oft jahrelang, selber einen Weg aus der Krise zu finden. In der Regel erfolgen diese Selbstheilungsversuche unter zunehmender Abspaltung und Ignoranz eigener seelischer Bedürfnisse.<br />
In den Anfängen sind die Symptome eines Burnout-Syndroms milde, so dass wenige Maßnahmen und nur kleinere Veränderungen ausreichen, um die Symptome zu beseitigen. Bei drohendem Burnout-Syndrom ist das wichtigste, seine Handlungen nicht zu einer unreflektierten Routine werden zu lassen und einen bisherigen destruktiv wirkenden Modus möglichst schnell aufzugeben und sich gegebenenfalls rechtzeitig Hilfe zu holen. Das kann auch bedeuten, einen unguten, für einen nicht adäquaten Arbeitsplatz rechtzeitig zu verlassen!<br />
Die Früherkennung und noch mehr die Prophylaxe sind also sehr wichtig! Daher ist eine Selbst-Analyse sehr empfehlenswert, indem man sich in regelmäßigen Abständen folgende Fragen stellt:</p>
<ol>
<li>Was könnte mein Beitrag zum Burnout sein?</li>
<li>Wo setze ich mich unter Druck? Wovon mache ich mich abhängig?</li>
<li>Was sind meine persönlichen Stärken und Schwächen?</li>
<li>Wie gehe ich mit Ängsten, Verlustsituationen und Frustrationen um?</li>
<li>Wo sind meine Grenzen ? Wo überschreite ich sie?</li>
<li>Welche Umweltfaktoren sind beteiligt ? Sind sie beeinflussbar?</li>
<li>Welche Berufs-“Mythen“ existieren ? Sind sie beeinflussbar?</li>
<li>Verfüge ich über ein funktionierendes Zeitmanagement?</li>
<li>Wer bzw. was kann mir helfen?</li>
<li>Welche sozialen Beziehungen sind für mich wichtig? Was tue ich für diese?</li>
<li>Wie und wo kann ich mich entspannen? Wo sind meine Kraftquellen?</li>
<li>Gibt es Freiräume (arbeits-, freizeitmäßig)?</li>
<li>Kann ich Grenzen setzen? Wo und wie kann ich mich durchsetzen?</li>
<li>Will ich Leistung (innere Übereinstimmung) oder Erfolg (äußere Anerkennung)?</li>
<li>Welche Bedeutung hat für mich überhaupt meine Arbeit?</li>
<li>Was macht für mich bei der Arbeit Sinn?</li>
<li>Welche Langzeit-Ziele habe ich?</li>
<li>Fühle ich mich wohl in mir und mit mir? Möchte ich mein Freund sein?</li>
</ol>
<p>Die Fragen (1) und (3) gelten u. a. auch meiner Charakterstruktur. Eine gewisse Kenntnis meiner selbst ist also von Vorteil. Insbesondere sollte ich mich selbst danach fragen, wovon ich mich abhängig mache; denn Fremdbestimmtheit ist Gift für ein gesundes Selbstwertgefühl. Bin ich derjenige, der sich seine Arbeit ausgesucht hat? Bin ich derjenige, der die damit verbundenen Konsequenzen aushalten will? Bin ich bereit, den Preis für meine Entscheidung zu zahlen?  Muss ich oder will ich? Bin ich also fremdbestimmt oder selbstbestimmt? Wenn ich meine Situation nicht ändern kann, so kann ich wenigstens meine Einstellung zu ihr ändern („Einstellungswerte“ nach Frankl).<br />
* Wie gehe ich mit Ängsten, Verlustsituationen und Frustrationen um (Frage (4)? Hier geht es zunächst darum, dass bei Kränkungen, Frustrationen oder allgemeinen Wertverlusten, Nichterfüllung von Erwartungen,  insbesondere beim Fehlen von Anerkennung, der in Abb. 8 dargestellte Prozess in Gang gesetzt wird, der mit oft unbewusster Angst beginnt, die im Unbewussten z. B. mit Hilfe von Verdrängung abgewehrt wird und der dann entweder in ein kindlich-hilfloses Verhalten zurückfällt oder in einen aggressives Verhalten umschlägt. Meist wechseln sich dann die Verhaltensmuster miteinander ab. Verharrt man in diesem Zustand von einerseits Hilflosigkeit, Scham, Selbstmitleid und andererseits Wut und Rachegelüsten, so wird sich höchstwahrscheinlich die missliche Ausgangssituation noch verschlimmern!</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-63" title="abb8_entwicklung-von-frustrations-toleranz-und-akzeptanz_wolfang-hoffmann" src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2009/07/abb8_entwicklung-von-frustrations-toleranz-und-akzeptanz_wolfang-hoffmann.gif" alt="Entwicklung von (Frustrations)-Toleranz und -Akzeptanz (Wolfgang Hoffmann)" width="500" height="400" /><br />
<em>Abb. 8: Entwicklung von (Frustrations-)Toleranz und Akzeptanz</em></p>
<p>Wie ich in dem Artikel „Von der Toleranz zur Akzeptanz“ (s. www.wolfgang-hoffmann.info (9)) ausführlich beschrieben habe, kann der Mensch sich aber aus dem nicht hilfreichen Regressions-Aggressions-Muster befreien, indem er sich auf seine geistigen Kräfte besinnt, die ungute Situation zunächst aushält, bis er sie endlich bedingungslos akzeptieren kann, wenn sie nicht zu ändern ist oder bis er sie mit Mut verändert, wenn sie zu ändern ist. Vorrausetzung dafür ist, dass ich mich uneingeschränkt dem Gebet von Sir Thomas More anschließen kann: „Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden“. Burisch (3) und Müller (4) konnten aber immer wieder feststellen, „dass vom Ausbrennen betroffene Menschen dazu neigen, dasjenige, was veränderbar wäre, hinzunehmen und sich an Bemühungen, das Unveränderbare zu beeinflussen, aufreiben; also genau diese Weisheit der Unterscheidungsfähigkeit nicht besitzen“. Ob ich nun an meiner Situation etwas ändern kann oder nicht, so ist oft die Auseinandersetzung mit den möglicheweise auftretenden schlimmsten Konsequenzen („worse-case“-Betrachtung) hilfreich, weil ich meist dadurch erkenne, dass auch im schlimmsten Fall nicht alles verloren ist, dass es immer noch mindestens eine Chance sowie einen Freiraum gibt. Von den Möglichkeiten, Fehlschläge zu bewältigen, ist die Konfrontation mit Problem und Problempartnern und das Treffen bewusster Entscheidungen sicher das beste Coping. Hilfreich sind auch der Einsatz von Humor und die Suche nach Beistand. Wenn ich gar nichts mehr ändern kann, so kann ich doch wenigstens meine Einstellung zu der misslichen Situation ändern (Frankl).<br />
Diese Frage nach dem Änderbaren und Nicht-Änderbaren führt uns zur nächsten Frage:</p>
<ul>
<li>Kenne ich meine Grenzen, insbesondere auch bei einer „entgrenzten Tätigkeit“ (Frage (5))?</li>
<li>Natürlich muss ich mich auch mit den Bedingtheiten meiner Umwelt und den in ihr tradierten Mythen auseinandersetzen und dabei abklären, ob ich sie beeinflussen kann (Frage (6) und (7)).</li>
<li>Insbesondere ist ein funktionierendes Zeitmanagement mit Aufdeckung von Zeitdieben und die Unterscheidungen von wichtigen und nicht wichtigen und/oder dringenden und nicht dringenden Aufgaben (Frage (8)) sehr hilfreich (s. Abb. 9).</li>
</ul>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-64" title="abb9_entscheidungshilfe-beim-zeitmanagement-nach-eisenhower_wolfang-hoffmann" src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2009/07/abb9_entscheidungshilfe-beim-zeitmanagement-nach-eisenhower_wolfang-hoffmann.gif" alt="Entscheidungshilfe beim Zeitmanagement nach Eisenhower (Wolfgang Hoffmann)" width="500" height="400" /><br />
<em>Abb. 9: Entscheidungshilfe beim Zeitmanagement (nach Eisenhower)</em></p>
<ul>
<li>Mindestens genauso bedeutsam, ist es, sich nach Hilfe und nach Möglichkeiten des Delegierens umzuschauen (Frage (9)).</li>
<li>Nicht nur dazu, sondern auch für das seelische Wohlbefinden ist wichtig und heilsam, über gute soziale Beziehungen zu verfügen (Frage (10)). Oft wird gerade der soziale Beziehungspartner, der für einen die größte Bedeutung hat und mit dem man eventuell ein lebenslanges Projekt plant, nämlich der Ehe- oder Lebenspartner bzw. die Familie, sträflich vernachlässigt.</li>
<li>Dabei stellen diese Menschen wie überhaupt gute Freunde (Frage (11)) neben einer religiös-spirituellen Kraftquelle meine besten Ressourcen dar, die einen Ausgleich zur Arbeit schaffen und bei denen ich mich am wirkungsvollsten erholen und entspannen kann.</li>
<li>Nicht nur in diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach meinen Freiräumen (Frage (12)). Bin ich der „Herr in meinem Haus“? Bin ich das zumindest in meiner Freizeit? Wo bin ich von bestimmten Bedingtheiten abhängig, wo mache ich mich abhängig, wo bin ich frei? * Stehe ich am Steuer meines Lebensschiffes oder überlasse ich das Steuer lieber anderen; d. h. auch: Kann ich mich durchsetzen? Kann ich Grenzen setzen? Kann ich z. B. auch „Nein“ sagen? (Frage (13)). Kenne ich meine arbeitsmäßigen und freizeitmäßigen Freiräume und nutze ich sie? Wenn ich Freiheit habe, so habe ich auch Verantwortung. Wenn ich aber Verantwortung habe, so habe ich auch Freiheit. Die Freiheit, sich entscheiden zu können, ist verbunden mit der Freiheit, „Nein“ sagen zu können.</li>
<li>Die Frage nach der Fremd- oder Selbstbestimmtheit führt zu der Frage nach meiner Arbeitsmotivation. Geht es mir mehr um Erfolg als um Leistung (Frage 14)?  Zumindest ist im Verständnis der Logotherapie der Erfolgsorientierte fremdbestimmt, während der Leistungserbringer sich seine Maßstäbe selbst setzt, so wie sie ihm sinnvoll erscheinen (s. Abb. 10). So ist auch der Satz von Walter Böckmann zu verstehen: Sinn erfordert nicht immer Leistung, aber Leistung setzt immer Sinn voraus! ( 13).</li>
</ul>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-65" title="abb10_logotherapeutische-unterscheidung-zwischen-leistung-und-erfolg_wolfang-hoffmann" src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2009/07/abb10_logotherapeutische-unterscheidung-zwischen-leistung-und-erfolg_wolfang-hoffmann.gif" alt="Logotherapeutische Unterscheidung zwischen Leistung und Erfolg (Wolfgang Hoffmann)" width="500" height="400" /><br />
<em>Abb. 10: Logotherapeutische Unterscheidung von Leistung und Erfolg</em></p>
<ul>
<li>Da liegt die Frage (Frage (15)) nahe, welche Bedeutung meine Arbeit für mich hat bzw. welche Erwartungen ich bei meiner Arbeit hege. In meinem Artikel „<a href="http://wolfgang-hoffmann.info/2008/07/existenz-zwischen-chaos-und-ordnung-ein-spiel/">Existenz zwischen Ordnung und Chaos – ein Spiel?</a>“ (s. <a href="http://wolfgang-hoffmann.info/2008/07/existenz-zwischen-chaos-und-ordnung-ein-spiel/">http://www.wolfgang-hoffmann.info</a> (10)) habe ich 12 verschiedene Möglichkeiten zusammengestellt, was Arbeit für einen schaffenden Menschen bedeuten kann:
<ol>
<li>Arbeit als Mühe</li>
<li>Arbeit als Notwendigkeit und Zwang</li>
<li>Arbeit als Kraft- und Kompetenztraining</li>
<li>Arbeit als Hilfe bei der Strukturierung der Zeit</li>
<li>Arbeit als Selbstbestätigung</li>
<li>Arbeit als Notwendigkeit für Karriere und Image-Zuwachs</li>
<li>Arbeit als Vorwand</li>
<li>Arbeit als Zeitvertreib und Abwechselung</li>
<li>Arbeit als Unterhaltung und Kontaktvermittlung</li>
<li>Arbeit als Glückserlebnis (= „Flow“ (Mihaly Csikszentmihalyi))</li>
<li>Arbeit als SpielArbeit als Herausforderung und befriedigende Sinnstiftung</li>
</ol>
</li>
</ul>
<p>Für eine bestimmte Person können mehrere Bedeutungen gleichzeitig zutreffen, die dann entsprechende Empfindungen auslösen. Stimmen für mich die Bedeutungen (7) – (12), so wird die Gefahr, dass ich ein Burnout-Syndrom erleide, gering sein. Daher beuge ich einem Burnout-Syndrom vor, wenn ich bei meiner Arbeit Aspekte entdecke, die sich den Arbeitsgründen (7) – (12) zuordnen lassen. Das ist besonders dann der Fall, wenn mir die Arbeit interessante und wohltuende soziale Kontakte verschafft (Bedeutung (9)). Nicht nur auf diese Weise kann mir die Arbeit dann sogar zu Glückserlebnissen (Bedeutung (10)) verhelfen. So kann sich gerade, wenn ich mich bis an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit belaste, wenn ich mich ganz meiner Arbeit hingebe und in ihr aufgehe, ein von M. Csikszentmihalyi „Flow“ genanntes Glücksgefühl einstellen (s. Csikszentmihalyi (13), vgl.  auch Internet-Artikel „<a href="http://wolfgang-hoffmann.info/2008/10/gluck-und-gesundheit/">Glück und Gesundheit</a>“, s. <a href="http://wolfgang-hoffmann.info/2008/10/gluck-und-gesundheit/">http://www.wolfgang-hoffmann.info</a> (11)).<br />
Wenn es bei meiner Arbeit zu „Flow“-Erlebnissen kommt, ist oft der Unterschied zwischen Arbeit und Spiel (Arbeits-Bedeutung (11)) nicht sehr groß. Auf den ersten Blick scheint Arbeit das Gegenteil von Spiel darzustellen und umgekehrt. Aber Arbeit und Spiel haben viele Gemeinsamkeiten:</p>
<ul>
<li>klare Ziele und Ausführungsregeln</li>
<li>Zusammenwirken von Planung und Zufall</li>
<li>Feedback</li>
<li>Kontrolle über die Aufgabenerledigung</li>
<li>Periodischer Ablauf (Projekte / Spielrunden)</li>
<li>Erfordernis von Konzentration</li>
<li>Spielraum (z. B. für Kreativitätsentfaltung)</li>
<li>Zuwachs an Erfahrung und Fähigkeiten</li>
<li>Förderung sozialer Kooperation und Vernetzung</li>
<li>Spaß, Flow-Erlebnisse, Freude, Befriedigung.</li>
</ul>
<p>Gerade in der modernen Arbeitswelt lassen sich Arbeit und Spiel oft nicht mehr scharf voneinander trennen, z. B. beim Sport, in der Unterhaltungsindustrie, im Multi-Media-Bereich, beim Marketing etc. In dem Internet-Artikel „<a href="http://wolfgang-hoffmann.info/2008/07/existenz-zwischen-chaos-und-ordnung-ein-spiel/">Existenz zwischen Ordnung und Chaos – ein Spiel?</a>“ (s. <a href="http://wolfgang-hoffmann.info/2008/07/existenz-zwischen-chaos-und-ordnung-ein-spiel/">http://www.wolfgang-hoffmann.info</a>) habe ich schon darauf hingewiesen, dass die Konkurrenz in der heutigen Wirtschaft in zunehmenden Maße eine Wettkampf-Situation bewirkt. „Dieses Wettkampf-Spiel weitet sich dann meist auch auf die Mitarbeiter einer Firma aus. Es gibt noch einen weiteren Gesichtspunkt, der es nahe legt, Arbeit aus der Perspektive des Spiels zu betrachten. Heutzutage wird viel weniger für den notwendigen Gebrauch, dafür aber mehr für den Überfluss, für den Luxus und für den Spaß produziert! Arbeit dient dann häufig dem Spiel! Selbst Firmen, die einen praktischen Gebrauchsgegenstand herstellen, bieten zugleich Erlebniswelten an bis hin zum Funpark (z. B. VW). Die Erlebnis- und Spaßgesellschaft ist auch eine Spieler-Gesellschaft!</p>
<p>Für viele Spiele ist das Eingehen eines Risikos charakteristisch. Zumindest besteht fast bei jedem Spiel das Risiko, das Spiel verlieren zu können – abgesehen von Gedanken-Spielen.<br />
Mit einer Spieler-Mentalität wird Risikobereitschaft gefördert. Diese muss der Produzent eingehen, wenn er investiert und neue Produkte entwickelt und diese  benötigt der Konsument, wenn er sich z. B. in ein Auto setzt, um nur aus Spaß durch die Gegend zu fahren, oder wenn er eine Hypothek für sein (nicht lebensnotwendiges) Eigenheim aufnimmt. Aber auch der Eigentümer der Produktionsstätte, der Aktionär ist ein Spieler, wenn er mit seinem Geld spekuliert. Alle folgen dem Motto: No risk – no fun!</p>
<p>Dadurch, dass sich in vielen Bereichen einerseits das Arbeitsprodukt und seine notwendige Bedarfs-Erfordernis und andererseits auch die Produktionsstätte (Firma) und deren Besitzer (Aktionäre) oft soweit voneinander entfernt haben, werden sowohl Produkte als auch Produktionsstätten zu „Spielbällen“, was in der jetzigen Wirtschaftskrise besonders deutlich wird.<br />
Arbeit und Spiel verhalten sich also nur auf den ersten Blick genauso gegensätzlich zueinander wie Ernst und Spaß. Arbeit kann immerhin  &#8211; wie das Spiel -  Spaß machen. Bei vielen Künstlern und Wissenschaftlern lagen schon immer Arbeit, Spiel und Spaß nahe bei einander. Mihaly Csikszentmihalyi stellte fest, dass Nobelpreisträger und andere kreative Persönlichkeiten der Meinung waren, sie hätten eigentlich in jeder Minute ihres Lebens gearbeitet. Genau so gut ließe sich aber auch sagen, dass sie keinen Tag in ihrem Leben gearbeitet hätten (13). Die Arbeit war für diese Personen offenbar nicht lästig, sondern lustvoll – vielleicht wie ein Spiel. Der „Flow“-Forscher Csikszentmihlyi weist darauf hin, dass Arbeit viel eher Spielcharakter hat als die meisten anderen Tätigkeiten; denn bei beiden gibt es:</p>
<ul>
<li>klare Ziele und Ausführungsregeln</li>
<li>Feedback</li>
<li>Konzentration und keine Ablenkung</li>
<li>Kontrolle über die Aufgabenerledigung.</li>
</ul>
<p>Insbesondere hat die künstlerische und die wissenschaftliche Arbeit viel mit dem Spiel gemeinsam. Sie widmet sich zyklusartig bestimmten Projekten. Sie weist oft eine gewisse Freiwilligkeit auf, sie gewährt einen Handlungsfreiraum, sie bietet Möglichkeiten, seine  Kreativität entfalten zu können, und sie vermittelt relativ häufig Befriedigung, „Flow“-Erlebnisse und Freude an den Ergebnissen. Gerade bei künstlerischer und wissenschaftlicher Arbeit wird  mit jeder vollendeten Arbeitsphase ein Zuwachs an Erfahrungen und Fähigkeiten gewonnen, der für den weiteren beruflichen Werdegang förderlich ist. Künstlerische und wissenschaftliche Arbeit weist also sehr häufig fast alle Aspekte eines „Spiels“ auf.</p>
<p>Moderne Arbeit erfordert immer weniger eine auf die ganze Lebensarbeitszeit ausgerichtete Berufausbildung, dafür aber immer mehr Flexibilität und  Ausweitung der Fertigkeiten, um einen neuen Arbeitszyklus beginnen zu können. Nach Steinbuch ist die Bereitschaft des Menschen, sich belehren zu lassen, gering. Dagegen ist sein Spieltrieb unbändig. Daher lernt er spielend am leichtesten. Das Spiel bietet – wie das Kinderspiel &#8211; die Möglichkeit, sich die heute geforderte Flexibilität und Beherrschung immer neuer Fertigkeiten anzueignen. Flexibilität und Kreativität ist heutzutage so gefragt wie nie zuvor, weil es immer seltener eine lebenslange Fixierung auf eine bestimmte Arbeit geben wird und Beruf immer weniger als Berufung angesehen werden kann, sondern nur noch als Job. Das Spiel macht zudem den Menschen offen für die Gemeinschaft der Mitspieler und fördert somit die soziale Vernetzung. Moderne Arbeit ist sehr stark auf dynamische Kommunikation und soziale Kooperation ausgerichtet. Man spricht sogar von einem globalen „Kommunikations-Zeitalter“. Der Computer und das Internet sind die Spielwiese und zugleich Kulturplattform und Arbeitsfeld für den „global player“. Wieder besteht also eine Parallele zum Spiel.</p>
<p>Inwieweit Unabhängigkeit von äußeren Zwecksetzungen und Zwängen, Handlungsfreiheit und Spaß bei der Arbeit realisierbar sind, hängt sehr stark von den Arbeitsbedingungen, aber auch von der inneren Einstellung des Arbeitenden ab! Es gibt Beispiele, die Menschen uns geschenkt haben, die zeigten, dass selbst unter extremen Arbeitsbedingungen mit viel Zwang, wenig Handlungsfreiheit und fehlendem „Spaß“  Arbeit gewissermaßen als Spiel aufgefasst und dadurch besser bewältigt werden kann.</p>
<h4>Beispiel 1: Fließband-Arbeiter Rico</h4>
<p>Als erstes derartiges Beispiel möchte ich das Spiel-Verhalten des Fließbandarbeiters Rico anführen, das Csikszentmihlyi in seinem Buch „Lebe gut!“ beschreibt. Rico hatte am Fließband vierhundertmal am Tag im 43 Sekunden-Takt das Lautsprechersystem von Kameras zu prüfen – eigentlich eine langweilige Arbeit. Aber „mit der Eleganz eines Virtuosen“ experimentierte er solange, bis er die Überprüfungszeit jeder Kamera auf 28 Sekunden gesenkt hatte. „Auf diesen Erfolg war er ebenso stolz, wie es ein Olympiasportler gewesen wäre, wenn er die gleiche Anzahl von Jahren damit verbracht hätte, die 44-Sekunden-Marke im 100-Meter-Lauf zu unterschreiten.“  Rico stimulierte übrigens dieser Erfolg, sich in einer Abendschule in Elektrotechnik beruflich weiter zu bilden.</p>
<h4>Beispiel 2: Frankl im KZ</h4>
<p>Ein Beispiel für ein Spielanalogon unter Extrembedingungen findet sich in Viktor Frankls Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“. Frankl schreibt, er habe sich während der mörderischen Arbeit im KZ intensiv vorgestellt, er würde in einem gepflegten Hörsaal einen Vortrag halten über das, was er da gerade bei dieser Arbeit erlebt. Er behauptet, dass es ihm infolge dieses Gedanken-„Spiels“ gelang, sich von der ganzen Pein ein wenig zu distanzieren und so einen wichtigen Beitrag zu seinem Überleben zu leisten.</p>
<p>Diese beiden Beispiele zeigen uns, dass es vorteilhaft sein kann, auch da noch bei der Arbeit nach Spiel-Aspekten zu suchen, wo wir gewöhnlich die gedankliche Verknüpfung mit einem „Spiel“ weit von uns weisen würden. Gar zu häufig pflegen wir das Spiel abzuwerten und es ausschließlich als etwas nicht Ernsthaftes, nicht Nützliches oder gar Verwerfliches anzusehen &#8211; wahrscheinlich eine Folge der sich immer stärker durchsetzenden calvinistischen und pietistischen bürgerlichen Arbeitsethik, denn bis in das 18. Jahrhundert hatte das Spiel – zumindest in der höfischen Kultur – einen beachtlichen Stellenwert.</p>
<p>Nicht bei jeder Arbeit mag die Verknüpfung mit dem Spiel gelingen. Natürlich kann man auch nicht unter Zwang spielen und Spaß haben“(10).  Es lohnt sich aber, bei fast jeder Arbeit nach vielleicht verborgenen Spiel-Momenten zu suchen, denn das Entdecken von Spielaspekten bei der Arbeit macht</p>
<ul>
<li>die Arbeit weniger beengend</li>
<li>die Arbeit spannender</li>
<li>mehr Spaß und Freude bei der Arbeit</li>
<li>flexibler und kreativer (s. Beispiel „Rico“)  Arbeitsbelastungen, Frustrationen und Misserfolge erträglicher  (s. Beispiel „Frankl“)</li>
</ul>
<p>Wenn ich bei meiner Arbeit Spielaspekte entdecke, fühle ich mich wahrscheinlich freier. Ich weiß, dass ich dann bei der Arbeit wie beim Spiel auch mit dem Unerwünschten und Unerwarteten rechnen muss. Da ganz offensichtlich eine wichtige Ursache des Burnout-Syndroms darin liegt, dass ich hinsichtlich meiner Arbeit unrealistische Erwartungen habe, dass ich keine Grenzen zu ziehen vermag dass ich nicht genügend Distanz zu meiner Arbeit habe und dass ich mich von den Anforderungen unterkriegen lasse, ist es natürlich außerordentlich heilsam, wenn es mir gelingt, bei meiner Arbeit neben aller Belastung auch Spielaspekte zu entdecken. Wenn ich mich an dem Spiel „Arbeit“ beteilige, so muss ich mich den Spielregeln unterwerfen und das Spiel- Risiko mittragen, schlimmstenfalls sogar das Risiko , aus dem Spiel rausgeworfen zu werden, d. h. arbeitslos zu werden. Damit verbunden ist aber auch die Freiheit, in einer zufällig entstandenen und vielleicht misslichen Situation kreativ deren Optimierung anzustreben. Gelingt es mir, bei der Arbeit die „Spielbrille“ aufzusetzen, so kann ich auf jeden Fall Frustrationen besser ertragen und gleichzeitig auch mehr Spaß an der Arbeit haben.</p>
<p>An der Arbeit nicht nur Spaß sondern auch echte Freude und wahre Befriedigung zu haben, gelingt nur, wenn für mich die Arbeit Sinn macht (Arbeitsbedeutung (12)). Arbeit mit der Bedeutung von „Spiel“ kann Sinn machen, wenn ich z. B. durch eine solche Arbeit meine Kreativität steigere. Aber Arbeit kann auch Sinn in sich tragen, wenn sie sehr mühevoll ist und Blut, Schweiß und Tränen kostet. Sinnfindung macht den Menschen auch bei einer frustrierenden Arbeit leidensfähig und sie kann sogar trotz aller Mühe und Widrigkeiten zur Lebenszufriedenheit und zum Glück beitragen. Von Csikszentmihalyi wissen wir ja, dass sich ein „Flow“-Erlebnis  bzw. ein Glücksgefühl meist erst dann einstellt, wenn man an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit gegangen ist.</p>
<p>Die Frage nach dem Sinn meiner Arbeit (Frage 16 und 17 der Selbst-Analyse) stellt daher eine Königsfrage dar; denn dadurch, dass ich bei meiner Arbeit Sinn finde und Sinn verwirkliche, beuge ich &#8211; wie Abb. 10 zeigt &#8211; auf vierfache Weise einem Burnout-Geschehen vor:</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-66" title="abb11_burnout-prophylaxe-auf-vierfache-weise-durch-sinnfindung-und-sinnverwirklichung_wolfang-hoffmann" src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2009/07/abb11_burnout-prophylaxe-auf-vierfache-weise-durch-sinnfindung-und-sinnverwirklichung_wolfang-hoffmann.gif" alt="Burnout-Prophylaxe auf vierfache Weise durch Sinnfindung und Sinnverwirklichung (Wolfgang Hoffmann)" width="500" height="400" /><br />
<em>Abb. 11: Burnout-Prophylaxe auf vierfache Weise durch Sinnfindung und Sinnverwirklichung</em></p>
<p>Wenn ich mit meiner Arbeit Sinn verwirklichen kann, trage ich auch zur Weiterentwicklung meiner Persönlichkeit bei (Selbstverwirklichung nach Frankl). Wenn ich mich bei der Arbeit auf die Sinnsuche begebe, habe ich aber darauf zu achten, dass es hier, zumindest im Verständnis von Frankl, um meinen ganz persönlichen, der jeweiligen momentanen Situation angemessenen Sinn handelt, und dass es keinesfalls um die Übernahme fremder Sinn- und Wertvorstellungen geht. Die Arbeit kann dann auch nicht der Sinn der Arbeit sein, sondern sie benötigt einen höheren Grund für sich. Je höher er ist, desto besser. Es ist wie bei einem Pendel, das umso freier schwingt, je höher sein Befestigungspunkt liegt. Das Beispiel stammt bezeichnender Weise von einem Benediktiner-Mönch (P. Beda Müller). Wie bereits erwähnt – sind mir in Klöstern nie Ordensleute mit einem Burnout-Syndrom begegnet. Bei einem hohen Grund für die Arbeit sind meist viele andere nicht ganz so hohe Sinn- und Wert-Möglichkeiten mit inbegriffen, die dann auch noch tragfähig bleiben, wenn eine Sinn- bzw. Wertvorstellung nicht mehr verwirklicht werden kann, so dass man vor einer Verzweiflung bewahrt bleibt. Gerade in Klöstern versucht man den einzelnen Mitgliedern der Klostergemeinschaft darin zu schulen, keine besonderen Erwartungen, insbesondere keine (zumindest irdischen) Belohnungserwartungen, zu hegen, sondern bei der anstehenden Arbeit in Demut den (religiösen) Sinn zu suchen und zu verwirklichen; denn es gibt kein besseres Mittel, die Angst vor dem Urteil der anderen Menschen zu überwinden, als danach zu fragen, was wichtiger als diese Angst ist. Daher geht es im Prinzip bei der Klosterarbeit um „Leistung“ und nicht um „Erfolg“. Menschen, denen es gelingt, diesen Weg aufrichtig und wahrhaftig zu gehen, sind dann auch starke Persönlichkeiten.</p>
<p>Um einem Burnout vorzubeugen, sollten Mitarbeiter wie Führungskräfte nach P. Ostberg (6) für sich selbst folgendes tun:</p>
<ul>
<li>Den Sinn des eigenen Handelns in den Mittelpunkt stellen</li>
<li>Sich vom sichtbaren und schnellen Erfolg unabhängig machen</li>
<li>Abhängigkeit von feedback und Anerkennung reduzieren</li>
<li>Das eigene Wertesystem erweitern</li>
<li>Arbeitsbelastung erträglich gestalten</li>
<li>Die Lebensführung überprüfen (Anspannung/Entspannung)</li>
<li>Das eigene Zeitmanagement überprüfen</li>
<li>Bei mangelndem Selbstvertrauen: ins Handeln kommen.</li>
<li>die Arbeitsbelastung erträglich halten,</li>
<li>genügend Freiraum für eigene Entscheidungen der Mitarbeiter lassen,</li>
<li>mit „Anerkennung“ großzügig sind,</li>
<li>Mitarbeitern mit Wertschätzung und Respekt begegnen,</li>
<li>fair und gerecht sind, besonders in der Zuteilung von Aufgaben,</li>
<li>ein Klima für eine sympathische und menschliche Gemeinschaft schaffen</li>
<li>und Mitarbeitern helfen, Sinn in ihrer Tätigkeit zu finden und den Wert der eigenen Arbeit zu schätzen.</li>
</ul>
<h3>5.3) Therapie des manifesten Burnout – Syndroms</h3>
<p>Eine spezifische Therapie des Burnout- Syndroms gibt es nicht! Erst recht gibt es keine spezifische medikamentöse Therapie! Dagegen gibt es die Gefahr eines stärkeren Missbrauchs von Tranquilizern und „Schlafmitteln“, dem gegengesteuert werden sollte. Genauso sollte auf  andere Suchtmittel geachtet werden wie Nikotin, Alkohol und Drogen.  Da die diffusen Symptome eines Burnout-Syndroms wie Antriebsstörung, chronische Erschöpfung und Müdigkeit so unspezifisch und schlecht definierbar sind, kommen die Betroffenen meist erst sehr spät zur Therapie. Zudem sind diese diffusen Symptome als isolierte Symptome auch meist schlecht behandelbar. Folglich können die Rehabilitation und die Rückerlangung der Arbeitsfähigkeit misslingen. Erst die Folgeerkrankungen wie z. B. eine soziale Phobie oder ein depressives Syndrom sind als Symptomenkomplexe besser abgrenzbar und deswegen auch besser zu behandeln. Dann ist eine Begleitbehandlung mit Antidepressiva indiziert.</p>
<p>Sehr wichtig ist eine psychotherapeutische Therapie, die dem Patienten hilft aus seinem bisherigen Modus auszusteigen, unreflektierte schädliche Routinen aufzudecken, sich von seinen Illusionen zu verabschieden, Fehlschläge möglichst konstruktiv zu bewältigen, Kränkungen behutsam aufzuarbeiten, die Frustrationstoleranz zu steigern, nach erfolgreicher Trauerarbeit das Vergangene neu zu bewerten und sich mit den Gegebenheiten zu versöhnen.<br />
Im einzelnen heißt das:</p>
<ol>
<li><span style="text-decoration: underline;">Stärkung der internen und externen Ressourcenfelder:</span> d. h. sich seiner positiven Eigenschaften, seiner Freiheit, seines Freiraums, seiner Verbündeten und Unterstützer und seiner Vorteile bewusst zu werden.</li>
<li><span style="text-decoration: underline;">Ermunterung zur Sinnsuche und Sinnverwirklichung:</span> d. h. das eigene Wertsystem zu erweitern, sich im Leben langfristige Ziele setzen und nicht nur kurzfristige Ziele und Erfolge anstreben. Welche Vision habe ich für das nächste ½, 1 und 5 Jahre, was soll sich da geändert haben, was soll am Ende sein?</li>
<li><span style="text-decoration: underline;">Aufdecken tragfähiger sozialer Netzwerke:</span> d. h. dem Partner, der Familie und den Freunden die größte Wichtigkeit geben und die Beziehungen zu ihnen pflegen („Erfüllende Beziehungen sind die beste Energiequelle“ (Nelting)) und Geborgenheit und Unterstützung in konstruktiven Gruppen suchen („Mitmenschen sind eigentlich die besten Ressourcen!“).</li>
<li><span style="text-decoration: underline;">Stärkung von Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen:</span> d. h. sich unabhängig von der Meinung anderer und der Anerkennung durch andere zu machen, Zwänge entlarven, die keine sind („ich muss“?“ich will“), sich der eigenen Muster bewusst zu werden und Unerwünschtes konsequent zu verändern, d. h. auch Grenzen ziehen können, Arbeiten delegieren können, zu seinen eigenen Schwächen stehen können.</li>
<li><span style="text-decoration: underline;">Vergrößerung der Stressresistenz, Entspannungstraining:</span> d. h. Stressursachen zu erkennen, innere und äußere Antreiber zu identifizieren, Anti-Ärger-Programme erlernen, Ängste bewältigen, sich täglich Zeit für Entspannung und Erholung zu nehmen, Pausen einzuplanen und sich z. B. in die Natur begeben („Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume?).</li>
<li><span style="text-decoration: underline;">Training der Entscheidungsfindung:</span> d. h. in erster Linie Prioritäten zu setzen: was ist das wirklich Wichtige und Richtige?</li>
<li><span style="text-decoration: underline;">Kommunikationstraining und Konfliktmanagement:</span> d. h. auch  Nein sagen zu können – ohne Schuldgefühle zu bekommen.</li>
<li><span style="text-decoration: underline;">Aufbau von Frustrations- und Kränkungstoleranz:</span> d. h. annehmen, was nicht zu ändern ist, Coping-Strategien erlernen, seinen Humor wieder entdecken, akzeptieren und lieben lernen.</li>
<li><span style="text-decoration: underline;">Beachtung eigener Empfindungen, Gefühle &amp; Bedürfnisse:</span> d. h. auf den Körper hören, also die eigenen Körper-Empfindungen, Gefühle &amp; Bedürfnisse ernstnehmen und danach handeln, für ausreichenden Schlaf und gesunde Ernährung und genügend Bewegung sorgen.</li>
<li><span style="text-decoration: underline;">Wiederentdeckung natürlicher Lustquellen:</span> d. h. Zeiten für Hobby, Sport, Musik, Tanz, Malen Ausdruckskunst,u. a. künstlerische Aktivitäten, Besuch kultureller Veranstaltungen Meditation, Urlaub, Wandern durch die Natur, Camping, Fischen, Fischen, Fotografieren, liebevoll gelebte Sexualität etc. reservieren.</li>
</ol>
<p>In erster Linie geht es aber darum, unangemessene Einsstellungen und destruktive Verhaltensweisen wahrzunehmen und zu korrigieren (kognitive Verhaltenstherapie),  eventuelle Traumen zu bearbeiten (z. B. autosuggestive und imaginative Verfahren), die Sinnsuche und Sinnfindung zu aktivieren, tragfähige soziale Netzwerke aufzudecken,  das Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen zustärken, die Stressresistenz zu vergrößern (AT, PM), die Frustrations- und Kränkungstoleranz aufzubauen, das Bewusstsein für Körperempfindungen zu entwickeln, Hilfreich ist auch ein Kommunikations-, Entscheidungsfindungs- und Konfliktbearbeitungs- Training.<br />
Das Hauptziel der Burnout-Therapie ist aber immer die Stärkung der Persönlichkeit -  einer Persönlichkeit, die die „Unbeherrschbarkeit“ akzeptiert (M. Malik), die sich zur Selbstverantwortung anstelle von Fremdbestimmtheit bekennt, die sich in sich und mit sich wohl fühlt und die zu ihrer Umwelt in einer von „Liebe getragenen Beziehung“ (M. Burisch) steht.</p>
<h3>6) Literatur:</h3>
<ol>
<li>Freudenberger, H.J. (1974). Staff burnout. Journal of Social Issues, 30, 157-165.</li>
<li>Bergner, Thomas: „Burn-out bei Ärzten: Lebensaufgabe statt Lebens-Aufgabe“,<br />
Deutsches Ärzteblatt 2004 (Heft 33); 101: A 2232-2234</li>
<li>Burisch, M. (1994): „Das Burnout-Syndrom: Theorie der inneren Erschöpfung“.<br />
(2. Aufl.) Berlin: Springer.</li>
<li>Müller, Eckhart H. (1994): „Ausgebrannt – Wege aus der Krise“, Freiburg: Herder</li>
<li>Vollmer, Helga (1996): Ich fühle mich fix und fertig“. Wien: Carl Ueberreuther</li>
<li>Ostberg, Paul M.: Seminar über Burnout der Arbeitsgemeinschaft „Logotherapie in der<br />
Arbeitswelt“ der DGLE am 13.10.2007 in Würzburg</li>
<li>Fengler; Jörg (1996 (4. Aufl.)): „Helfen macht müde“, München: Verlag J. Pfeiffer</li>
<li>Lukas, Elisabeth (1997): „Urvertrauen gewinnen“, Freiburg i. B.: Herder</li>
<li>Faust, Volker: http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/burnout.htm</li>
<li>Hoffmann, Wolfgang: „Von der Toleranz zur Akzeptanz“:
<p>http://www.wolfgang-hoffmann.info</li>
<li>Hoffmann, Wolfgang: „<a href="http://wolfgang-hoffmann.info/2008/07/existenz-zwischen-chaos-und-ordnung-ein-spiel/">Existenz zwischen Ordnung und Chaos – ein Spiel?</a>“:<br />
<a href="http://wolfgang-hoffmann.info/2008/07/existenz-zwischen-chaos-und-ordnung-ein-spiel/">http://www.wolfgang-hoffmann.info</a></li>
<li>Hoffmann, Wolfgang: „<a href="http://wolfgang-hoffmann.info/2008/10/gluck-und-gesundheit/">Glück und Gesundheit</a>“:<br />
<a href="http://wolfgang-hoffmann.info/2008/10/gluck-und-gesundheit/">http://www.wolfgang-hoffmann.info</a></li>
<li>Böckmann, Walter (1987): „Sinn-orientierte Führung als Kunst der Motivation“:<br />
Landsberg/Lech, verlag moderne industrie</li>
<li>Csikszentmihalyi, Mihaly (1999): “Lebe gut”, Stuttgart, Klett-Cotta</li>
</ol>
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		<title>Glück und Gesundheit</title>
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		<pubDate>Sun, 05 Oct 2008 12:55:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Hoffmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>

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		<description><![CDATA[Glück und Gesundheit &#8211; das ist wahrscheinlich die am häufigsten gebrauchte Formulierung auf Glückwunschkarten! Offenbar sind Glück und Gesundheit u. a. auch Lebensziele. Wie sind Glück und Gesundheit miteinander verbunden? Verstärken sich Glück und Gesundheit gegenseitig?  Ist der Gesunde immer auch glücklich (bzw. glücklicher) oder der Glückliche immer auch gesund (bzw. gesünder)?
Sind Glück und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Glück und Gesundheit &#8211; das ist wahrscheinlich die am häufigsten gebrauchte Formulierung auf Glückwunschkarten! Offenbar sind Glück und Gesundheit u. a. auch Lebensziele. Wie sind Glück und Gesundheit miteinander verbunden? Verstärken sich Glück und Gesundheit gegenseitig?  Ist der Gesunde immer auch glücklich (bzw. glücklicher) oder der Glückliche immer auch gesund (bzw. gesünder)?</p>
<p>Sind Glück und Gesundheit einzig und allein Geschenke eines gütigen Geschicks oder kann ich Glück und Gesundheit auch selbst beeinflussen – und wenn ja, dann wie? </p>
<div class="download">Diesen Artikel gibt es natürlich auch im PDF-Format zum Ausdrucken:<br />
<a href='http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/10/wolfgang-hoffmann_glueck-und-gesundheit.pdf' target="_blank">wolfgang-hoffmann_glueck-und-gesundheit.pdf</a></div>
<h3>(1)  Sind Glückliche gesund und Gesunde glücklich?</h3>
<p>Die gegenseitige Beeinflussung von Glück und Gesundheit ist noch wenig erforscht.<br />
Dagegen gibt es vermehrt Hinweise dafür, dass Unglücklichsein mit Krankheit korreliert.</p>
<p>Es gibt endokrin-metabolische Parallelen zwischen Depression, Metabolischem Syndrom, Diabetes mellitus und KHK. Eine wesentliche Ursache dafür ist ein Kortisol-Dauerfeuer bei anhaltendem Disstress und bei der sog. Stress-Depression, für die das Gefühl kennzeichnend ist, nur noch von außen bestimmt und selbst hilflos zu sein. Das erzeugt Angst und das Risiko für eine Depression ist bei Menschen mit Angstproblemen bis zu 12-fach erhöht.</p>
<p><span id="more-35"></span>Das Risiko, innerhalb von 6 Monaten zu sterben, steigt bei depressiven Infarktpatienten um das 3-4-fache. (N. Frasure-Smith et. Al., Montreal, JAMA, Vol. 270, No. 15 (1993), S. 1819-1825). Bei einer US-amerikanischen prospektiven Kohortenstudie mit fast 100 000 Frauen hatten depressive Frauen ein 58% höheres Risiko, an einem Herzinfarkt zu sterben als Frauen ohne Depressionen. Auch nach Korrektur durch Herausrechnung der Risikofaktoren blieb das Risiko der Depressiven erhöht, so dass Depressionen einen unabhängigen Risikofaktor für kardiovaskuläre Ereignisse darstellen. ( Wassertheil-Smoller, S., et. al., Arch Intern Med 164 (2004) 289 – 298).  Kardiovasculäre Risikofaktoren, die mit der Lebensweise zusammenhängen (wie z. B. Rauchen, Übergewicht, zu wenig körperliche Bewegung) standen in direktem Zusammenhang mit der seelischen Verfassung.</p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/10/abb1_auswirkungen-von-dauerstress_wolfgang-hoffmann1.gif" alt="Abb.1: Auswirkungen von Dauerstress (Wolfgang Hoffmann)" title="abb1_auswirkungen-von-dauerstress_wolfgang-hoffmann" width="500" height="400" class="aligncenter size-full wp-image-38" /><br />
<em>Abb. 1:  Auswirkungen von Dauer-Stress</em></p>
<p>Bei andauerndem Disstress und atypischen Depressionen, die mit einem Hyperkortisolismus (s. Abb.1) einhergehen, waren häufig die  Sexualhormone vermindert. Auch erhöhte Thrombozytenaggregation und vermehrte Insulinresistenz bis hin zum Diabetes mellitus wurden beobachtet. Die kardiale Mortalität bei Depressiven ist 4- bis 6-mal erhöht. (Ernst-Ulrich Vorbach, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Darmstadt, 2002).<br />
Eine depressive Verstimmung verschlechtert den Immunstatus bei AIDS. Ein aktiver Bewältigungsstil steigert dagegen die Aktivität der natürlichen Killerzellen. Gestresste, unglückliche Menschen sind weniger resistent gegen Grippeviren und erholen sich schlechter nach Operationen als glückliche Menschen. </p>
<p>Unweigerlich wirkt sich Dauerstress negativ auf die Gesundheit aus. Er schwächt insbesondere das Immunsystem. Nach Frankl erlebt man Stress, wenn man etwas tut, was man eigentlich nicht will, wenn man etwas macht, indem man keinen Sinn sieht, wenn man über eine Situation oder Tätigkeit keine Kontrolle mehr hat, wenn man sich also als fremdbestimmt erlebt. Entscheidend ist immer, wie der Gestresste den Stress bewertet.<br />
So wie Stress, der einen überfordert, unglücklich macht, so kann anderseits die Auseinandersetzung mit einer Herausforderung, der man sich gewachsen fühlt, durchaus glücklich machen. Unglücklich sein oder sich unglücklich fühlen ist offenbar der Gesundheit abträglich. Ist dann der Umkehrschluss erlaubt, dass glücklich sein oder sich glücklich fühlen, die Gesundheit fördert?</p>
<p>Nach einer 2005 in London erfolgten Untersuchung hatten glückliche, gut gelaunte Menschen relativ geringe Mengen des Stresshormons Cortisol im Blut und nach mäßiger körperlicher Belastung stieg auch der Gerinnungsfaktor Fibrinogen im Blut weniger an und sie hatten eine niedrigere Pulsfrequenz. Die inflammatorische und kardiovasculäre Ausgangssituation war somit besser; denn Cortisol fördert Bluthochdruck, Diabetes und Magenleiden und schwächt das Immunsystem und drückt auf die Stimmungslage: Depressive neigen ja auch zu erhöhten Cortisolspiegeln. (Andrew Steptoe et. al., ProcNatl Acad Sci 2005, Untersuchungen des University College London).</p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/10/abb2_auswirkungen-von-lachen_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Abb.2: Auswirkungen von Lachen (Wolfgang Hoffmann)" title="abb2_auswirkungen-von-lachen_wolfgang-hoffmann" width="500" height="400" class="aligncenter size-full wp-image-39" /><br />
<em>Abb. 2:  Auswirkungen von Lachen</em></p>
<p>Schon lange weiß der Volksmund: Lachen ist die beste Medizin (s. Abb. 2). Tatsächlich steigen die Abwehrkräfte durch häufiges Lachen. Das wird auf Endomorphin-Ausschüttungen mit dadurch induzierter Lymphozytenaktivität mit vermehrter IgA-Ausschüttung zurückgeführt. Inzwischen gibt es eine „Lachtherapie“ (Kathleen Dillon), die 15 Minuten Lachen provoziert, indem die Probanden humorvolle Filme ansehen. Ein weiteres Beispiel für ein das Glücksgefühl und gleichzeitig die Gesundheit förderndes Verhalten ist das Küssen: nach einem Morgenkuss soll die Unfallhäufigkeit und die Anfälligkeit für Herz-Kreislauferkrankungen geringer sein. Auch die durch heitere, harmonische Musik (z. B. Barockmusik von Vivaldi und Bach oder Kompositionen von Mozart) oder durch Tanzen ausgelöste glückliche Stimmung soll einen positiven Einfluss auf die Gesundheit, insbesondere auf die Reduktion von Herz-Kreislauferkrankungen, haben. Gelassenheit durch ausreichenden Schlaf und Entspannung (3 mal pro Woche 45 Min. PMR oder AT) steigert die Aktivität der natürlichen Killerzellen. Günther Bien (1) weist darauf hin, dass Hochbetagte bei z. T. sehr widersprüchlichen Verhalten gegenüber den bekannten Risikofaktoren eines gemeinsam hatten, nämlich eine positive Einstellung zu allen ihren Lebensumständen.</p>
<p>Trotz all dieser Hinweise für die gegenseitige Beeinflussung von Glück und Gesundheit muss man leider feststellen, dass dieses Thema leider noch wenig erforscht ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass „Gesundheit“ und „Glück“ keine scharf definierten Begriffe sind. Jeder versteht möglicher Weise darunter etwas anderes.<br />
Was meinen wir genau, wenn wir Glück und Gesundheit wünschen?</p>
<p>Gehen wir zunächst der Frage nach:</p>
<h3>(2) Was ist unter „Glück“ zu verstehen?</h3>
<p>Zwei Zitate zeigen, dass Glück ein vieldeutiger Begriff ist:<br />
„<em>Sich glücklich fühlen können, auch ohne Glück – das ist Glück</em>“. (Marie von Ebner-Eschenbach) und: „<em>Derjenige pflegt tatsächlich glücklich zu sein, der sein Glück nicht dem Glücke verdankt</em>“ (Artur Górski). In der deutschen Sprache ist der Begriff „Glück“ mehrdeutig (Polysemie des Wortes „Glück“). Offensichtlich hat das Wort “Glück” drei verschiedene Haupt-Bedeutungen:</p>
<ul>
<li><strong>Glück als der Gefühl der Glückseligkeit</strong><br />
<u>Kurzzeitiges „Wohlfühlglück“</u> (nach Schmid (2)):<br />
(griech. Eudaimonia/ lat. felicitas/ franz. bonheur/ engl. happiness)<br />
<u>Andauerndes „Gefühl der Fülle“</u> (nach Schmid (2)):<br />
(ahd. salig/ griech. makariotes bzw. makarion/ lat. beatitudo)</li>
<li><strong>Glück als zufällige Gunst der Umstände</strong><br />
(„Zufallsglück“ nach Schmid (2)) :<br />
Unerwartetes, unvorhersehbares, nicht herstellbares, unverdientes, durch ein günstiges Schicksal zugeteiltes Glück<br />
(mhd. Gelücke, Heil/ griech. Eutychia, Tyche/ lat. fortuna/ franz. La bonne chance, fortune/ engl. luck, fortune)</li>
<li><strong>Glück als Ziel menschlichen Strebens:</strong><br />
„Machbares“, besser anstrebbares (intendierbares) Glück, Glück = Sinn</li>
</ul>
<p>Das Gefühl, glücklich zu sein, unterscheidet sich nicht nur darin, wie lange es andauert, sondern auch darin, auf wie verschiedene Weisen sich ein Glücksgefühl ausdrücken kann (s. Abb. 3):</p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/10/abb3_verschiedene-moeglichkeiten-eines-gluecksgefuehls_wolfgang-hoffmann1.gif" alt="Abb.3: Verschiedene Möglichkeiten eines Glücksgefühls (Wolfgang Hoffmann)" title="abb3_verschiedene-moeglichkeiten-eines-gluecksgefuehls_wolfgang-hoffmann" width="500" height="400" class="aligncenter size-full wp-image-40" /><br />
<em>Abb.3: Verschiedene Möglichkeiten eines Glücksgefühls</em></p>
<p>Offensichtlich lassen sich die verschiedenen Glücksqualitäten unterschiedlichen Seelenanteilen zuordnen. Im Menschenbild von Viktor Frankl mit seinen drei Dimensionen Körper, Psyche und Geist*) ist die <strong>Lust</strong> mehr auf die körperliche, das <strong>Vergnügen</strong> mehr auf die psychische und <strong>Freude und Erfülltsein</strong> mehr auf die geistige Dimension bezogen, während Zufriedenheit, Behaglichkeit, Flow (s. u.) und Seligkeit sowohl eine Nähe zur psychischen als auch zur geistigen Dimension aufweisen können, denn offenbar haben Freude, Erfülltsein, Seligkeit und Zufriedenheit auch etwas mit Sinnfindung und Sinnerfüllung zu tun. Im religiösen Sprachgebrauch hat Seligkeit eine rein geistig-spirituelle Bedeutung.</p>
<p>Wenn Glück mehr in der geistigen oder aber mehr in der psychischen Dimension empfunden wird, so wirkt sich das auch auf die Dauer der Glücksempfindung aus. Sieht man das Glück aus einer rein somatischen, biologistischen bzw. materialistischen Perspektive, so kann man Sigmund Freud zustimmen, wenn er sagt: „<em>Was man im strengsten Sinne Glück heißt, entspringt der eher plötzlichen <u>Befriedigung aufgestauter Bedürfnisse</u> und ist seiner Natur nach nur als <u>episodisches Phänomen</u> möglich</em>“.  Freud zieht daraus auch die Konsequenz: „<em>Dass der Mensch &#8216;glücklich&#8217; sei, ist…im Plan der „Schöpfung“ <u>nicht</u> enthalten. Trotzdem strebt der Mensch von Natur aus nach Glück, was auch immer er dafür hält.</em>“ (Alle Unterstreichungen von W. H.). So schwelgt die menschliche Phantasie seit Urzeiten in Paradies-Vorstellungen nach Art des Schlaraffenlandes, wo man sich im süßen Nichtstun der totalen Regression hingeben kann, obwohl andererseits die Volksweisheit mahnt: „<em>Nichts ist schwerer zu ertragen / als eine Reihe von guten Tagen</em>“ – in Übereinstimmung mit Georg Christoph Lichtenberg, der meint: „<em>Ein langes Glück verliert schon bloß durch seine Dauer</em>“ oder mit G. B. Shaw: „<em>Ein immerwährender Feiertag – die beste Definition der Hölle</em>“ (zitiert nach Günther Bien (1)). </p>
<p>In obigen Zitaten wird Glück in erster Linie als Lusterlebnis infolge Befriedigung aufgestauter Trieb-Bedürfnisse verstanden. Freud denkt da sicher vor allem an sexuelle Triebbedürfnisse. Aber es gibt auch noch kurzfristige Glückserlebnisse mit anderen Qualitäten, z. B. den „<strong>Flow</strong>“, einem von Mihaly Csikszentmihalyi (2) eingeführten Glücksbegriff. „Flow“  können wir dann erleben, wenn wir ein klares Ziel mit einer unmittelbaren Rückmeldung vor uns haben, wenn wir uns mit unserer gesamten Aufmerksamkeit auf die anstehende Aufgabe konzentrieren müssen, wenn unsere individuellen Fähigkeiten in außerordentlicher Weise herausgefordert werden und wir aber dennoch das Gefühl haben, Herr der Lage zu sein. Dann können Handeln und Bewusstsein verschmelzen zu einem Zustand des „Hingegebenseins“, in dem nicht mehr zwischen Selbst und Umwelt unterschieden werden kann und in dem die Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft weitgehend aufgehoben sind. Dieser Zustand der Selbstversunkenheit wird dann als hoch beglückend empfunden. Objektiv gesehen dauert er nur kurz an, aber er kann lange nachwirken. Flow kann sich bei einer Sinn-Verwirklichung einstellen, z. B. bei einem Chirurgen während einer Operation. Ein Flow-Erlebnis kann aber auch ein Geldschrank-Knacker bei seiner Arbeit haben, wobei es dann schwer fällt, von einer Sinn-Verwirklichung zu sprechen. Gemeinsam mit der Sinn-Verwirklichung hat das „Flow“-Erleben, dass zu Beginn ein intentionaler Akt, eine anfängliche Investition an Aufmerksam-keit und Disziplin und somit der Einsatz von „Aktivierungsenergie“ nötig ist. „Flow“ gibt es also nicht zum Nulltarif. Bei „Flow“-Erlebnissen sind auch andere Menschen wichtig, weil ihre Anwesenheit Ziele erzeugt  und weil sie Rückmeldungen geben. Auf letzteres ist die Sinn-Findung nicht angewiesen.</p>
<p>Nicht lang währende Glücksmomente, die dauerhaft nachwirken können, stellen <strong>ekstatische Glückserlebnisse</strong>, sogenannte <strong>Gipfelerlebnisse</strong> sowie andere <strong>Lebenshöhepunkte</strong> dar, die fast immer mit Sinn-Erlebnissen verknüpft sind. Während ekstatische Glückserlebnisse das Gefühl vermitteln können, z. B. mit der Schöpfung eins zu sein und an der Ewigkeit zu partizipieren, können andere Lebenshöhepunkte auch institutionalisierte Formen annehmen wie Feste, die einen neuen Lebensabschnitt einleiten. </p>
<p>Das zufällige Glück und das selbst gestaltbare Glück begegnen sich momentan im <strong>Kairos</strong>, im „rechten Augenblick“. Einen solchen Kairos muss einem das Schicksal gewähren. Man muss den Kairos dann aber auch bemerken und wahrnehmen. Hier wird besonders deutlich, wie wichtig für das Erleben von Glück eine gewisse <strong>Glücksfähigkeit und Glücksbereitschaft</strong> ist! Das Schicksal macht eine Tür auf, und ich muss das bemerken und es wagen, durch diese Tür hindurchzutreten und dafür die Verantwortung zu übernehmen. Günther Bien (1) beschreibt den glückbegünstigten Menschen als denjenigen, „<em>der sich zur rechten Zeit am rechten Ort befindet, und der gerade jetzt das Richtige und das jetzt Notwendige tut</em>“ und erfügt hinzu: „<em>Aber nicht nur das Gelegenheitsglück, sondern das Leben insgesamt ist eine einmalige Chance, die es wahrzunehmen gilt</em>“.</p>
<p>Diese oben beschriebenen nur kurz dauernden, aber nachhaltig wirkenden Glücksmomente werden sich  i. G. zu den biologisch-chemischen Lustbefriedigungen wohl nur bei solchen Menschen einstellen, die glücksbereit sind und die sich in ihrer geistigen Dimension öffnen. Ein derartiges Glück hängt von der subjektiven Wahrnehmungsfähigkeit und von der eigenen Bereitschaft ab, sich voll einzubringen (notwendiger Einsatz von „Aktivierungsenergie“)! So wird z. B. ein Bergsteiger nur dann ein Flow-artiges Gipfelerlebnis erfahren, wenn er schon vorher Freude am Bergsteigen hatte und sich dem Gipfel voller freudiger Erwartung genähert hat. Wenn er aber den Gipfel nur aus der alleinigen Motivation heraus bestiegen hat, dadurch ein Glücksgefühl zu erleben, wird er höchstwahrscheinlich enttäuscht werden. Der Berg muss gerufen haben! Paradoxer Weise werde ich das Glück verfehlen, wenn mein Denken und Handeln nur darum kreist, wenn ich ausschließlich danach trachte, <u>mich selbst</u> glücklich zu machen bzw. glücklich zu fühlen. Frankl bemerkt dazu: „<em>Je mehr es einem um die Lust geht, desto mehr vergeht sie einem</em>“ und „<em>Der Mensch, der dem Glück nachjagt, der verjagt es</em>“. Das sind Einsichten, die überhaupt nicht in unser Konsumzeitalter passen wollen! Glück <u>kann</u> sich demnach nur als sekundäres Phänomen einstellen, wenn etwas Sinnvolles angestrebt oder verwirklicht wird; denn: „<em>Was der Mensch wirklich will, ist nicht das Glücklichsein an sich, sondern ein Grund zum Glücklichsein</em>“, wie Frankl sagt (vgl. Abb. 4).</p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/10/abb4_die-unmoeglichkeit-glueck-direkt-anzustreben_wolfgang-hoffmann1.gif" alt="Abb.4: Die Unmöglichkeit Glueck direkt anzustreben (Wolfgang Hoffmann)" title="abb4_die-unmoeglichkeit-glueck-direkt-anzustreben_wolfgang-hoffmann1" width="480" height="300" class="aligncenter size-full wp-image-43" /><br />
<em>Abb. 4:  Die Unmöglichkeit, Glück direkt anzustreben.</em></p>
<p>Das Glück, von dem Frankl spricht, bezieht sich nicht auf ein flüchtiges körperlich-psychisches Glücksgefühl, das wir gewöhnlich mit Lust oder Wohlgefühl (Wellness) bezeichnen, sondern auf ein Glücksempfinden, an dem die geistige Dimension beteiligt ist, wie z. B. die „<strong>Freude</strong>“. Freude hat man über oder an etwas. Freude besitzt ihren spezifischen „Grund zur Freude“. Die Freude kommt nach Elisabeth Lukas ursprünglich aus dem Verzicht und aus der Entbehrung (z. B. der erste Schluck Wasser nach einem Wüstenmarsch). Freude hat etwas von Dankbarkeit in sich, z. B. für die unerwartete Erfüllung eines Wunsches. In der Freude sind wir so spontan und ehrlich wie selten. Der sich freuende Mensch befindet sich &#8211; selbst in der „Vorfreude“ oder „Nachfreude“ – „<em>in einer basalen Übereinstimmung mit dem Sein der Welt</em>“. „<em>Freuden, die in der Erinnerung nicht Freuden bleiben, sind keine wahren Freuden!</em>“ (Elisabeth Lukas). Bei der Freudlosigkeit kann nach Elisabeth Lukas die „Intensiviermacht des Geistes“ zum Zuge kommen – eine Haltung, aus der heraus man gezielt die vielen kleinen Anlässe, die das Leben zur Freude bietet, aufgreift und mit der Aura der Besonderheit umgibt. So kann man auch Freude haben an der Freude eines anderen. (Elisabeth Lukas). So können beim Glück im Sinne von Freude Erlebniswerte (rosa Pfeil in Abb. 8) zum Sinnereignis werden; man denke nur an die letzten Zeilen des Goethe-Gedichts „Willkommen und Abschied“:</p>
<blockquote><p><center>„Und doch, welch Glück, geliebt zu werden<br />
und lieben, Götter, welch ein Glück!“</center>
</p></blockquote>
<p>Nicht nur das Liebesglück bewirkt einen Rückkopplungseffekt. Ganz allgemein kann das in der geistigen Dimension beheimatete Glück einen Recycling-Prozess auslösen – entsprechend dem Gedicht von Johann Ludwig Wilhelm Gleim:</p>
<blockquote><p><center>„Wer glücklich ist, kann glücklich machen,<br />
Wer´s tut, vermehrt sein eigenes Glück“.</center>
</p></blockquote>
<p>In der geistigen Dimension erlebtes Glück  kann lange andauern &#8211; ganz i. G. zu dem mit chemischen Mitteln wie Alkohol oder Drogen erreichbaren flüchtigen Glückszustand, der ausschließlich die körperliche Dimension betrifft. Auch Emotionen, die durch irgendwelche  äußere Reize in der psychischen Dimension ausgelöst werden wie z. B. erotisch- sexuelle Gefühle pflegen nicht sehr lange anzuhalten, sofern nicht auch noch die geistige Dimension dabei beteiligt ist. Sehr provokant drückt dies ein bekanntes, von mir gern zitiertes chinesisches Sprichwort aus:</p>
<blockquote><p><center>„Wenn du für eine Stunde glücklich sein willst, betrinke dich.<br />
Willst du für drei Tage glücklich sein, dann heirate.<br />
Wenn Du aber für immer glücklich sein willst, werde Gärtner“</center>
</p></blockquote>
<p>Als „Gärtner“ kann man – natürlich im übertragenen Sinne gerade auch in der Ehe – schöpferische Werte (Pflanzen, Hegen und Pflegen), Erlebniswerte (Freude an dem Wachstum) und Einstellungswerte (z. B: Dankbarkeit für die Ernte) verwirklichen. Hier geht es um das anhaltende Glück, die andauernde (vielleicht stille) Freude, letztendlich um die <strong>Lebenszufriedenheit</strong>. Für diese Art von Glück braucht es dann eigentlich nicht mehr viel. Theodor Fontane drückt das in „Effi Briest“ so aus: </p>
<blockquote><p><center>„Das Glück liegt in zweierlei: darin, dass man ganz da steht, wo man hingehört… und zum zweiten und besten in einem behaglichen Abwickeln des ganz alltäglichen, also darin, dass man ausgeschlafen hat und dass einen die neuen Stiefel nicht drücken.“</center></p></blockquote>
<p>Glück ist zuallererst „Wissen, wo man zu Hause ist“, das bedeutet, vom Glauben an den Sinn seines Lebens getragen zu sein. Das Abwickeln des Alltäglichen entspricht der im Hier und Jetzt anstehenden Verwirklichung von schöpferischen Werten und Erlebniswerten.</p>
<p>Für das Erreichen von Lebenszufriedenheit setzt die moderne Glückspsychologie nach Günther Bien (1) Folgendes voraus:</p>
<ul>
<li>Lebenssinnerfüllung</li>
<li>Lebenszufriedenheitskompetenz</li>
<li>Glückbegünstigende Situationsfaktoren.</li>
</ul>
<p>Dass nur über <strong>Sinnerfüllung</strong> der Weg zum Glück im Sinne eines geglückten und erfüllten Lebens führen kann, betont Viktor Frankl immer wieder in seinen Werken, wie oben bereits erwähnt wurde, und auch andere schließen sich dieser Meinung an wie z. B. der populäre „freie“ Philosoph Wilhelm Schmid (2).</p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/10/abb5_lebenszufriedenheitskompetenz_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Abb.5: Lebenszufriedenheitskompetenz (Wolfgang Hoffmann)" title="abb5_lebenszufriedenheitskompetenz_wolfgang-hoffmann" width="480" height="300" class="aligncenter size-full wp-image-44" /><br />
<em>Abb. 5: Lebenszufriedenheitskompetenz (vgl. Günther Bien (1))</em></p>
<p>Ohne eine gewisse <strong>Lebenszufriedenheitskompetenz</strong> wird man allerdings kaum glücklich werden können. Nach Günther Bien (1) hängt diese von der Glücksbereitschaft und von der Glücksfähigkeit ab (s. Abb.5). Glücksbereit ist jemand, der offen ist für das Positive, was ihm<br />
wiederfährt und der auch das kleine Glück am Rande als solches wahrnimmt. Friedrich Nietzsche weist im „Zarathustra“ darauf hin:</p>
<blockquote><p><center>„Das Wenigste gerade, das Leiseste, das Leichteste, einer Eidechse Rascheln, ein Hauch, ein Husch, ein Augenblick – wenig macht die Art des besten Glücks.“</center></p></blockquote>
<p>Man muss es nur bemerken! Zum Glück fähig ist man dann, wenn man seine positiven Erfahrungen verarbeiten, maximieren und in sich aufnehmen kann. Hierbei erweist sich besonders das Danken-Können als wichtig! Zur Glücksfähigkeit gehört auch, nicht unglücklich zu werden, wenn Wünsche nicht in Erfüllung gehen. Dieter Birnbacher (4) bemerkt dazu: „<em>Eine wesentliche Bedingung des Glücks scheint gerade darin zu bestehen, dass zumindest <u>einige</u> Wünsche <u>unerfüllt</u> sind – gewissermaßen als utopischer Horizont &#8217;seliger Sehnsucht&#8217;. Ein wortwörtliches &#8216;wunschloses Glück&#8217; ist möglicherweise eine contradictio in adjecto</em>“.  Das Glück sollte daher nicht ausschließlich von Glücksgütern  und glücksbegünstigenden Faktoren abhängig gemacht werden.</p>
<p>Die <strong>glücksbegünstigenden Situationsfaktoren</strong> werden in 15 – 31 Arten von Bereichs-zufriedenheiten aufgeteilt; z. B. Einkommen, Wohnung, Bildung, Arbeit, Familien- und Ehesituation,  politische Verhältnisse ….und nicht zuletzt auch Gesundheit. Schon Aristoteles führt bestimmte „<strong>Glücksgüter</strong>“ in seiner „Nikomachische Ethik“ auf. Bei ihm handelt es sich dabei vor allem um Tugend (= Fähigkeit, sein Leben gekonnt, erfolgreich und gut zu führen), praktische Intelligenz, Ehre, Reichtum, Gesundheit und tiefe Einsicht in die letzten Gründe. Die Glückseligkeit kann sich nach Aristoteles nur einstellen, wenn *Rechtschaffenheit (-> das Politische), *Vernunft (-> das Philosophische)   und *Lust (-> das Genussleben) vorhanden sind. Hermann Lübbe schreibt in „Das neue Selbstverständnis der Menschen und ihre Erwartungen an die Gesellschaft“ (zitiert nach Günther Bien (1)): „<em>Nach der antiken Theorie des Glücks erlangen wir das Glück nur, wenn wir das tun, was sich an Aufgaben von außen an uns heranbewegt, wenn wir Verantwortung erfüllen, die wir für Personen und Sachen übernommen haben, und wenn dieses Tun des evident Sinnvollen unsere Kräfte fordert, moralisch, psychisch, ohne uns durch Überforderung zu zerrütten</em>“. So versteht Aristoteles in seiner „Nikomachischen Ethik“ unter Glückseligkeit (=Eudaimonia), auf deren Erlebnis nach seiner Meinung unser gesamtes Tun ausgerichtet ist, das Gelingen eines tugendhaften, moralischen Lebens bei gleichzeitigem Besitz aller äußeren und leiblichen Güter. Eine antike Inschrift aus Delos drückt das so aus: „<em>Das Schönste ist Gerechtigkeit. Das Beste und Nützlichste ist das Gesundsein. Aber das Süßeste ist, wenn man erlangt, was man liebt</em>“. Alle antiken griechischen Glückstheorien sehen es als die wichtigste Glücksvoraussetzung an, Verantwortung für die Polis, also für die Gemeinschaft, übernehmen zu können. Sklaven konnten also nach dieser Glückstheorie niemals glücklich werden.</p>
<p>Nach den  Glücksgütertheorien ist ganz allgemein derjenige als glücklich anzusehen, der über bestimmte positiv bewertete Güter wie z. B. Erfolg, Anerkennung, Prestige, Reichtum, Macht, Sicherheit, Gesundheit, soziale Integration, Selbstachtung, freie Entfaltung u.s.w. verfügt. Das hat nach Dieter Birnbacher (3) zur Folge, dass Glück dann „<em>keine Sache des Befindens oder der reflexiven Selbstbeurteilung</em>“ mehr ist, „<em>sondern eine Sache der bei einem Menschen objektiv realisierbaren Merkmale</em>“. Auch Gesundheit ist demnach nur ein Glücksgut neben anderen Glücksgütern und lange ging man davon aus, dass man demgemäß die durch Gesundheit bedingte Lebensqualität objektiv erfassen kann, z. B. durch den Karnofsky- Index (Karnofsky performance status scale) oder die Rosser-Matrix. Aber nicht selten beobachtet man ein „Zufriedenheitsparadox“ oder ein „Unzufriedenheitsdilemma“, wenn sich die Patienten viel besser oder aber viel schlechter fühlen, als ihrem objektivem Zustand entspräche. „<em>Wer gesünder, wohlhabender und geachteter ist, mag mehr Glück im Sinne von &#8216;luck&#8217; haben, er braucht aber keineswegs glücklicher im Sinne von &#8216;happiness&#8217; zu sein…., weil Glücksgüter nur dann und insoweit glücklich machen, als dem Individuum, an Ihnen gelegen ist</em>“ merkt Birnbacher (3)) dazu an. Glück im Sinne von Lebenszufriedenheit ist offensichtlich wie die geistige Dimension, in der es erlebt wird, etwas ganz persönliches und individuelles. Wer heute Eudaimonia und Beatitudo meint, spricht deswegen häufig von geglücktem oder erfülltem Leben. Darin sind dann auch die dunklen und schmerzlichen Seiten des Lebens enthalten. Eine gelungene Integration dieser Aspekte ist eine beglückende Leistung, die Leistung einer ausgebildeten Lebenskompetenz, d. h. letztendlich eine Persönlichkeitsentwicklung zu größerer Reife. Nach J. W. v. Goethe („Buch Suleika“) ist das sogar </p>
<blockquote><p><center>„das größte Glück der Menschenkinder“:<br />
„Volk und Knecht und Überwinder,<br />
sie gestehn zu jeder Zeit:<br />
höchstes Glück der Erdenkinder<br />
sei nur die Persönlichkeit.“</center></p></blockquote>
<p>Eine starke Persönlichkeit verfügt über ein gutes Grundvertrauen und eine positive Grundeinstellung und damit auch über eine Lebenszufriedenheitskompetenz und so, wie im folgendem Abschnitt gezeigt werden wird, über gute Gesundheitsvoraussetzungen. </p>
<p>Sofort stellt sich dann die Frage: </p>
<h3>(3) Was ist unter „Gesundheit“ zu verstehen?</h3>
<p>„<em>Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity</em>“, so definierte die WHO 1946 Gesundheit. Gesundheit soll  also nicht nur eine Minusvariante von Krankheit sein, sondern ein umfassendes Wohlbefinden („well-being“). Ist „well-being“ so etwas wie Glück? Ist Wohlbefinden  („well-being“) nicht genauso vieldeutig und von Mensch zu Mensch verschieden und von soziokulturellen Maßstäben abhängig wie das Glücksempfinden? Kann Gesundheit überhaupt als ein Zustand angesehen werden? Ist Gesundheit nicht vielmehr ein Prozess wie die Entwicklung von Persönlichkeit und Lebenszufriedenheit? Wurde oben nicht dargelegt, dass Gesundheit i. a. als ein Glücksgut bzw. als einen „glückbegünstigenden Situationsfaktor“ (s. o.) unter anderen Gütern  bzw. Faktoren angesehen wird? So kann man dem ersten Teil des bekannten Schopenhauer-Zitats „<em>Gesundheit ist nicht alles</em>“ durchaus zustimmen, aber gilt auch der Rest des Zitats: „<em>aber alles ist nichts ohne Gesundheit</em>“? Es gibt ja genug Gegenbeispiele von nicht gesunden Menschen, die trotzdem glücklich sind. Gesundheit ist somit weder notwendig noch hinreichend für Glück und selbst nicht für „well-being“.  </p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/10/abb6_statistische-verteilung-von-normalwerten-und-pathologischen-werten_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Abb.6: Statistische Verteilung von Normalwerten und pathologischen Werten (Wolfgang Hoffmann)" title="abb6_statistische-verteilung-von-normalwerten-und-pathologischen-werten_wolfgang-hoffmann" width="480" height="300" class="aligncenter size-full wp-image-45" /><br />
<em>Abb. 6: Statistische Verteilung von Normalwerten und pathologischen Werten</em></p>
<p>Wie kann man dann „Gesundheit“ anders definieren? Warum fällt die Definition so schwer? </p>
<p>Selbst wenn man Gesundheit nur auf das Psychophysikum bezieht und sich auf messbare Parameter beschränkt, sind Überschneidungen der Parameter-Verteilungen, die sich auf Kranke und Gesunde beziehen, die Regel (s. horizontaler rosa Doppelpfeil in Abb. 6). Die Festlegung der Grenze zwischen „gesund“ und „krank“ ist daher immer auch in gewissem Umfange willkürlich.<br />
Da  die objektiv bestimmte Gesundheit bzw. Krankheit von einer Vielzahl derartiger Parameter abhängt, sind etwas zynische Aussagen wie „<em>gesund ist einer, der noch nicht gründlich genug untersucht ist</em>“ oder „<em>gesund ist der, der noch nicht weiß, dass er krank ist</em>“ in gewisser Weise nicht ganz unberechtigt. Gesundheit ist auch einem Entwicklungsprozess unterworfen, weil sich der Mensch als Ganzheit und nicht nur sein Immunsystem oder seine Muskulatur mit ständig neuen Herausforderungen auseinandersetzen muss, um gesund zu bleiben. Vor allem besteht solche Herausforderung darin, sich immer wieder neu an</p>
<p>veränderte Umweltverhältnisse anzupassen. So kann es gar nicht anders sein, dass allein durch die variierenden Umweltverhältnisse unterschiedliche soziokulturelle Bewertungen und unterschiedliche subjektive Wahrnehmungen und Bewertungen von Gesundheit bzw. Krankheit entstehen. </p>
<ul>
<li><u>Gesundheit lässt sich also als Begriff nicht scharf definieren</u> – ähnlich wie das Glück!<br />
Aber zu dem Problem, dass „Gesundheit“ sich nicht klar gegenüber Krankheit abgrenzen lässt, kommt noch hinzu:</li>
<li><u>Gesundheit ist „normal“ und fällt somit nicht auf.</u><br />
Es bedarf daher einer besonderen Schulung der Achtsamkeit und der Selbstwahrnehmung, um sich als gesund wahrzunehmen (z. B.  Feldenkrais-Methode im psychophysischen und Danken im geistigen Bereich).</li>
<li><u>Es existiert zum Begriff „Gesundheit“ kein emotional besetztes Bild.</u><br />
Gesundheit lässt sich als solche nicht konkret vorstellen &#8211; i. G. zur Krankheit, wo sicher von Mensch zu Mensch differierende, aber stark emotional besetzte Bilder (z. B. im Bett liegend, schwitzend vor Fieberhitze, von Schmerzen geplagt etc.) sofort vor dem inneren Auge auftauchen.</li>
<li><u>Gesundheit wird oft nur als Mittel zum Zweck angesehen.</u><br />
Z. B. kann jemandem Gesundheit wichtig sein, weil er über „Fitness“ verfügen will, um leistungsfähig zu sein, um anerkannt und bewundert zu werden u. s. w. Dementsprechend wird die Vorstellung von Gesundheit variieren, je nachdem wofür sie gebraucht wird.</li>
<li><u>Gesundheit braucht einen Grund zum Gesundsein, d. h. „Gesundheit braucht Sinn“!</u><br />
Gesundheit ist (wie das Glück) als Zustand nicht direkt intendierbar, sondern man braucht einen Grund für die Gesundheit – einen Grund, warum man gesund sein will. Und da gibt es für die verschiedenen Menschen unterschiedliche Gründe, z. B. für einen Sportler andere als für einen Wissenschafter und wieder andere für einen Liebenden (der evtl. sogar seine körperliche Gesundheit ruiniert für seine/seinen Geliebten)  u.s.w.  &#8211; je nachdem, „wozu“ bzw. „wofür“ jemand seine Gesundheit braucht und welchen Sinn er verwirklichen will.</li>
</ul>
<p>Der „Wille zur Gesundheit“ und damit alle Gesundheitsvorsorge tut sich offenbar wegen folgender vier Punkte so schwer:</p>
<p>1.) Das Ziel „Gesundheit“ ist schon rein begrifflich gesehen so uneindeutig, so abstrakt und so unauffällig „normal“ ist (s. o.)</p>
<p>2.) „Gesundheit“ ist nicht das eigentliche Ziel, jedenfalls kein Endziel, sondern sie kann nur ein Zwischenziel sein, dazu nicht einmal ein unbedingt notwendiges, um das eigentliche Ziel, die Realisation von SINN, zu erreichen (s. o).</p>
<p>3.) „Gesundheit“ lässt sich auch deswegen oftmals nicht erzwingen, weil Krankheit schon ein Selbstheilungsversuch sein kann. Dass Krankheiten sogar die Überlebensfähigkeit steigern können, zeigt die Stärkung des Immunsystems, die nur durch überstandene Infekte erfolgt. Krankheit hat in mancher Beziehung einen Sinn, wenn einem das auch selten bewusst ist. Gerhard Schwarz (6) hat in der Tabelle Abb. 7 zusammengestellt, welchen Sinn Krankheiten haben können, woraus sich dann auch ganz unterschiedliche Gesundheitsvorstellungen ergeben. Krankheitssymptome zeigen öfter die Notwendigkeit einer neuen Ordnung an! Goethe sagt einmal: „<em>Ich habe durch nichts soviel gelernt, wie durch Krankheit</em>“. Erst die Krankheit und das Leid lehren einen, welches wertvolle Gut Gesundheit darstellt, und so verblasst daneben vieles andere, was einem vorher so wichtig war – ganz im Sinne des Frankl-Zitats: „<em>Oft sind es erst die Ruinen, die den Blick auf den Himmel freigeben!</em>“.</p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/10/abb7_heilungsaequivalenztafel-nach-gerhard-schwarz_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Abb.7: Heilungsaequivalenztafel nach Gerhard Schwarz (Wolfgang Hoffmann)" title="abb7_heilungsaequivalenztafel-nach-gerhard-schwarz_wolfgang-hoffmann" width="500" height="400" class="aligncenter size-full wp-image-46" /><br />
<em>Abb. 7:  Heilungsäquivalenz-Tafel nach Gerhard Schwarz</em><br />
(s. Gerhard Schwarz: Produkte – Ihre Seele und ihre Widesprüche, Managerie, 2. Jg. 1993)</p>
<p>4.) Sich zu viele Gedanken um seine Gesundheit zu machen, ist schädlich!<br />
Habe ich nämlich nur meine Gesundheit um ihrer selbst willen im Visier und kreisen alle meine Gedanken nur um meine körperliche Gesundheit und mein psychisches Wohlbefinden, geht es mir vielleicht sogar so, wie es Rüdiger Safranski einmal ausgedrückt hat: „<em>&#8230;tief in uns steckt der Verdacht: der Körper könnte dein Attentäter sein….</em>“ Oder  wie es Peter Sloterdijk ausmalt: „<em>Wir haben nicht nur den Verdacht gegen unseren Körper, dass er Übles gegen uns im Schilde führt. Wir sind fest davon überzeugt, dass er unser Mörder ist, der ums Haus schleicht. Man weiß daher auch nicht, warum man diesem Kerl überhaupt so viel Zuwendung erweist. Es ist so eine Art Versuch von ´Sleeping with the enemy`</em>“.</p>
<p>Im Extremfall kann dann der Körper sogar zum Feind werden! Wird die Gesundheit zum Fetisch, kann das neurotische Ausmaße annehmen. So beschrieb Dr. Steve Bratman 1997 das Krankheitsbild der „Orthorexia nervosa“. Beim Streben nach Gesundheit kommt es wie immer – auf das richtige Maß an. Nichts zu sehr! Sebastian Kneipp sagt dazu: „<em>Im Maße liegt die Ordnung: jedes Zuviel und jedes Zuwenig setzt an Stelle von Gesundheit Krankheit. Untätigkeit schwächt, Übung stärkt, Überlastung schadet</em>“. Wenn ich Gesundheit hyperreflektiere, geht es mir so, wie wenn ich mit Gewalt einschlafen will, beim Sex uneingeschränkt potent sein will oder unbedingt ein Kind kriegen will… „Mit der Brechstange“ geht es nicht! Mit Missachtung der Gesundheit, weil sie ja normal ist, geht es aber auch nicht. </p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/10/abb8_der-weg-zur-gesundheit-ueber-sinn-orientierung_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Abb.8: Der Weg zur Gesundheit über Sinn-Orientierung (Wolfgang Hoffmann)" title="abb8_der-weg-zur-gesundheit-ueber-sinn-orientierung_wolfgang-hoffmann" width="500" height="400" class="aligncenter size-full wp-image-47" /><br />
<em>Abb. 8:  Der Weg zur Gesundheit über Sinn-Orientierung</em></p>
<p>Besser ist es sicher, Gesundheit als ein kostbares Geschenk anzusehen, für das ich dankbar sein und das ich lieben kann und für das ich Verantwortung habe, weil ich mit Hilfe der Gesundheit leichter und besser Sinn verwirklichen kann (Verwirklichung schöpferischer Werte: s. nach rechts unten weisender türkisgrüner Pfeil in Abb. 8) und überhaupt mein geistiges Potential fördere im Sinne das Ausspruchs der Hl. Theresa von Avila: „<em>Tu deinem Körper etwas Gutes, auf dass deine Seele Lust habe, in ihm zu wohnen</em>“. Wenn ich durch den Sinn stimuliert nach Gesundheit strebe, so sollte ich mir vorher eine gewisse Gesundheitskompetenz aneignen und diese ständig weiterentwickeln (s. nach links weisende türkisfarbene Pfeile in Abb. 8). Um Gesundheitskompetenz zu erlangen, bedarf es besonders der Schulung der Achtsamkeit und der Selbstwahrnehmung. Die Motivation für das Bemühen um Gesundheitskompetenz wird primär durch den „Willen zum Sinn“ (Frankl) hervorgerufen und nicht durch einen isolierten „Willen zur Gesundheit“. Gesundheit braucht immer Sinn, aber Sinn braucht nicht unbedingt immer Gesundheit. Gesundheit kann allerdings zu einem Sinnerlebnis verhelfen, wenn man sich seiner Gesundheit dankbar bewusst ist und so z. B. „Einstellungswerte zu einem positiven Schicksal“ verwirklicht (s. hellblauer Pfeil in Abb. 8). </p>
<p>Frankl hat immer wieder darauf hingewiesen, dass Sinn-Orientierung auf der einen Seite und Gesundheit des Psychophysikums auf der anderen Seite in zwei verschieden Dimensionen stattfinden (s. Abb. 9). So kann psychophysische „Krankheit“ durch Sinnfindung und Sinnverwirklichung in den gesunden Bereich verschoben werden – bis hin zur Lebensverlängerung (grüne Pfeile in Abb. 9). Umgekehrt kann ein Gesunder zum Kranken werden, wenn er nicht in der Lage ist, Sinn zu finden (rote Pfeile in Abb. 9). So gesehen könnte man definieren:<br />
<strong>Gesundheit ist das Maß an Leiden, das mich imstande sein lässt, meinen Sinnerfahrungen gemäß zu leben</strong> (s. a. W. Hoffmann (7)).</p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/10/abb9_gesundheit-und-sinnreichtum_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Abb.9: Gesundheit und Sinnreichtum (Wolfgang Hoffmann)" title="abb9_gesundheit-und-sinnreichtum_wolfgang-hoffmann" width="480" height="300" class="aligncenter size-full wp-image-48" /><br />
<em>Abb. 9: Gesundheit und Sinnreichtum</em></p>
<p>Die Form bzw. die Ausbildung von Gesundheit, die sog. Salutoplastik (i. G. zur Pathoplastik, der Ausbildung von Krankheit) hängt somit sehr stark ab von den jeweiligen Sinninhalten und den durch diese mitbestimmten Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Gesunderhaltung. Die Salutoplastik wird somit von Mensch zu Mensch sehr verschieden sein, so dass es eigentlich keine „Gesundheit“, sondern nur „Gesundheiten“ im Plural gibt, von denen wir obendrein keine Vorstellung, jedenfalls keine emotional angereicherte bildhafte Vorstellung haben (s. o.). Die Entwicklung von Gesundheit, die Salutogenese, ist dann auch ein individueller Entwicklungsprozess entsprechend der Persönlichkeitsentwicklung. Dem entsprechend müsste auch die Gesundheitsförderung und Gesundheitserziehung ganz individuell auf die jeweilige Person abgestimmt sein. Allgemein geschult und gefördert werden kann dagegen die Gesundheitskompetenz und gesundheitsfördernde Faktoren und da als erstes die Selbstwahrnehmung und die Achtsamkeit auf Körper, Seele und Geist, das Hören auf die „innere Stimme“, das Sinn-Organ „Gewissen“ nach Frankl. </p>
<p>Der Begriff der Salutogenese ist populär geworden durch die Untersuchungen des amerikanisch-israelischen Soziologen Aaron Antonowsky. Er fand heraus, dass Menschen dann über eine stabilere Gesundheit verfügen, wenn sie über einen ausgeprägten „Kohärenzsinn“ verfügten, der wiederum durch „Widerstandsressourcen“ gestärkt wurde. Unter Kohärenzsinn (sence of coherence) versteht Antonowsky:</p>
<ol type="a">
<li>Die Fähigkeit, dass man die Zusammenhänge des Lebens versteht (comprehensibility),</li>
<li>Die Überzeugung, dass man das eigene Leben gestalten kann (manageability),</li>
<li>Der Glaube, dass das Leben einen Sinn hat (meaningfulness).</li>
</ol>
<p>Alle drei Faktoren korrelieren mit Urvertrauen und Glauben an den Sinn, insbesondere auch an den Sinn des Lebens. Bei ausgeprägtem Kohärenzsinn werden laut Antonowsky die folgenden „Widerstandsressourcen“ besonders effektiv:</p>
<ol>
<li>Orientierungssystem für sinnhaftes Handeln</li>
<li>Intelligenz und Anpassungsfähigkeit</li>
<li>physische und materielle Sicherheit</li>
<li>Unterstützung durch soziale Netzwerke</li>
<li>Immunstärke gegen Krankheiterreger und Stressoren.</li>
</ol>
<p>Diese „Widerstandfaktoren“ stehen erneut in Beziehung zur Sinnorientierung, aber auch zur Gesundheitskompetenz und zu den glücksbegünstigenden Faktoren. Das Immunsystem  erstarkt beispielsweise durch Sinnfindung, durch Trainingsmaßnahmen im Rahmen der Gesundheitskompetenz und durch vitaminreiche, ausgewogene Ernährung, die einen gewissen Wohlstand und eine gewisse Bildung, somit glückbegünstigende Faktoren, voraussetzen. </p>
<p>Welche Zusammenhänge gibt es nun zwischen Gesundheit und Glück?</p>
<h3>(4) Was verbindet und was unterscheidet Gesundheit und Glück?</h3>
<p>Der Philosoph Wladyslaw Tatarkiewicz (5) weist darauf hin, dass der alte Glücksbegriff seit dem 2. Weltkrieg von den USA ausgehend durch den Begriff der „psychischen Gesundheit“ abgelöst wurde. Die psychische Gesundheit wird dabei als „happiness and contentment“, „satisfaction“, „presence of physical and emotional well-being“ oder schlicht nur als “happiness” bezeichnet. Tatarkiewicz findet viele weitere Parallelen zwischen dem (alten) Glücksbegriff und der (psychischen) Gesundheit:</p>
<ol>
<li>Gesundheit und Glück sind relative Begriffe und vom jeweiligen Blickwinkel abhängig. Sie lassen sich daher nicht eindeutig definieren.</li>
<li>Gesundheit und Glück können auf einen momentanen, situativen Zustand oder aber auch auf ein relativ beständiges Empfinden bezogen werden. Besonders erstrebenswert erscheint die letztere Variante.</li>
<li>Gesundheit und Glück können sich auf einen subjektiven, positiv erlebten Bewusstseinszustand oder auf das Vorhandensein objektiv erhobener und positiv bewerteter Fakten beziehen. In der Medizin und der psychologischen Verhaltensforschung sucht man mit diversen Testverfahren, einen objektiven Maßstab für beides zufinden, aber in der Logotherapie wie auch in einigen anderen Psychologien und Philosophien geht man eher davon aus, dass Gesundheit und Glück nur auf die individuelle Persönlichkeit bezogen werden können. </li>
<li>Über Gesundheit und Glück macht man sich normaler Weise keine Gedanken. Dagegen wird man sich oft erst bei Krankheit oder im Unglück bewusst, was Gesundheit und Glück für einen bedeutet hat (vgl. den schon zitierten Satz von Frankl: „Oft sind es erst die Ruinen, die den Blick auf den Himmel freigeben!“).</li>
<li>Gesundheit und Glück sind auch davon abhängig, in welcher soziokulturellen Umgebung man lebt und in welcher Beziehung zu ihr man steht, d. h. inwieweit man sich an seine Umgebung in einem aktiven Prozess auf eine befriedigende Weise assimiliert hat bzw. ob man an seine Umgebung auf passive Art akkommodiert  ist, so dass man sich in ihr wohl fühlt. Für den Weg zum Glück heißt das, „nicht anzustreben, was man nicht haben kann“ bzw. „sich damit zufrieden zu geben, was dem Menschen durch die Natur gegeben ist“, wie  schon die Stoiker und die Epikuräer herausgefunden hatten.</li>
<li>Gesundheit und Glück sind Idealzustände. Im Alltag sind beide ständigen Schwankungen unterworfen.<br />
Zu ergänzen ist: </li>
<li>Gesundheit und Glück lassen sich nicht um ihrer selbst willen anstreben. Der Mensch braucht einen Grund für das Gesund- und Glücklich-Sein!</li>
<li>Um kompetent und fähig zu sein, seine Gesundheit zu pflegen, den Sinnaufruf wahrzunehmen und sein Glück zu entwickeln, bedarf es insbesondere des Achtens auf die Signale, die einem Körper und Seele senden,  wenn etwas stimmig oder nicht stimmig ist – sei es für seine Gesundheit oder seine Sinn-Möglichkeiten oder seine Glückschancen. </li>
<li>Gesundheit und Glück sind beide einerseits ein Geschenk des Schicksals, eine Gnade Gottes, aber andererseits auch eine Aufforderung zu eigenen Anstrengungen. Beides spielt eine Rolle: gesunde Konstitution und Zufallsglück einerseits und Gesundheitspflege und „machbares“ Glück andererseits. Der Mensch sollte das, was er geschenkt bekommen hat, wahrnehmen, es hegen und  pflegen und es weiter entwickeln.</li>
<li>Es gibt sowohl ohne Gesundheit als auch ohne Glück die Möglichkeit, Sinn zu verwirklichen und damit  Krankheit und Unglück, also das Fehlen von Gesundheit und Glück, zu bewältigen.</li>
</ol>
<p>Damit enden aber auch die Übereinstimmungen von Glück und Gesundheit, denn es sei daran erinnert, dass Gesundheit nur eines von zahlreichen Glücksgütern ist. In gewissem Umfange ist eine Basis-Gesundheit nötig, um glücksbereit und glücksfähig sein zu können; denn bei bestimmten Krankheiten wie z. B. einer Demenz kann man weder Sinn intendieren noch Glücksbereitschaft entwickeln. Gesundheit erweitert das Spektrum der Sinn-Wahrnehmung und Sinn-Verwirklichung (vgl. Anmerkungen zu Abb. 8). Über diesen Weg, nämlich über die Sinnerfahrung, ist dann auch ein Glückserleben möglich (s. türkisgrüne Pfeile in Abb. 10). Die Sinnfindung und die Glückserfahrung können dann wiederum die Gesundheit in einem Rückkopplungsprozess verstärken, z. B. über eine messbare Stärkung des Immunsystems bis hin zur Lebensverlängerung (s. gelbe Pfeile in Abb. 10). </p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/10/abb10_zusammenhaenge-von-sinn-orientierung-gesundheit-und-glueck_wolfang-hoffmann.gif" alt="Abb.10: Zusammenhänge von Sinn-Orientierung, Gesundheit und Glück (Wolfgang Hoffmann)" title="abb10_zusammenhaenge-von-sinn-orientierung-gesundheit-und-glueck_wolfang-hoffmann" width="500" height="400" class="aligncenter size-full wp-image-49" /><br />
<em>Abb. 10:  Zusammenhänge von Sinn-Orientierung, Gesundheit und Glück</em></p>
<p>Mehrmals wurde bereits darauf hingewiesen, dass der Sinn-Orientierung  eine zentrale Bedeutung zukommt. Das setzt die Bereitschaft und Fähigkeit voraus, auf die „leise Stimme des Seins im Lärm des Seienden“ (Heidegger), auf die „raison du cœur“ (Pascal), auf sein Sinn-Organ „Gewissen“ (Frankl) hören zu können. Hierfür ist  es wichtig, Achtsamkeit und Selbstwahrnehmung gelernt und weiterentwickelt zu haben. Beides ist aber auch eine Grundvoraussetzung für die Gesundheitskompetenz und für die Glückskompetenz. In Abb. 10 sind die auf die Achtsamkeit bezogenen Kompetenzen hellgrün markiert. Die Bereitschaft zur Achtsamkeit einschließlich der Intention von Sinn und die Entwicklung von Gesundheits- und Glücks-Kompetenz sind eine aktive Leistung des Menschen (türkisgrüne Pfeile in Abb. 10), während  Glück (luck) und Gesundheit (Konstitution, äußere Einflüsse) nur in eingeschränktem Maße machbar sind, denn zu einem nicht unerheblichen Teil sind sie auch </p>
<p>ein Geschenk eines gütigen Geschicks. Gesundheit kann, wie bereits erwähnt, meist durch die Verwirklichung von schöpferischen Werten die Sinnfindung erleichtern (nach rechts unten weisender türkisgrüner Pfeil in Abb. 10), während ja beim Glück &#8211; wie oben im Kommentar zu Abb. 8 bereits gesagt wurde &#8211; eher Erlebniswerte (rosa Pfeile in Abb. 10) zu einer Sinnerfahrung führen können.<br />
Eine Sinnverwirklichung über „Einstellungswerte zu einem positiven Schicksal“, d. h. in erster Linie über Dankbarkeit, ist sowohl bei Gesundheit als auch beim Glück möglich bzw. sogar angezeigt (hellblaue Pfeile in Abb. 10). </p>
<h3>(5) Was kann ich zu meiner Gesundheit und zu meinem Glück beitragen?</h3>
<p>Offensichtlich wirkt sich Sinnsuche und Sinnverwirklichung sehr positiv auf die Lebenszufriedenheit und die Gesundheit aus, wie auch Viktor Frankl und Elisabeth Lukas in ihren Büchern immer wieder hervorheben. Menschen, die sich nach ihren Sinnerfahrungen ausrichten, können offenbar sogar den Tod zuweilen etwas hinausschieben, wie z. B. die geringere Todesrate vor Feiertagen beweist oder die längere Lebenserwartung von solchen Lagerinsassen zeigt, die glaubten, dass noch eine Sinnverwirklichung auf sie warte. In die gleiche Richtung weisen auch die von E. Lukas zitierten Untersuchungsergebnisse von Stephen R. Covey („The 7 Habits of Highly Effective People“, 1992) über Erfolgreiche (= „Glückliche“) und von Leonard A. Sagan („Die Gesundheit der Nationen“, 1992) über Langlebige. Nach E. Lukas („Urvertrauen gewinnen“, 1993) waren beide Gruppen bestrebt:</p>
<ol>
<li>Selbstverantwortlich zu leben (im Blick: das Eigene),</li>
<li>Selbsttranszendent zu denken (im Blick: den / das andere(n)), </li>
<li>Proaktiv und zukunftsorientiert zu handeln (im Blick: das Kommende),</li>
<li>Grundvertrauen zu pflegen und feste Beziehungen zu haben (im Blick: das Übergeordnete),</li>
<li>Sinn zu suchen und Horizonterweiterung anzustreben (im Blick: der große Zusammenhang).</li>
</ol>
<p>Auf das Immunsystem gibt es nach mehreren Untersuchungen positive Einflüsse durch Sinnfindung (Aufzählung nach Boglarka Hadinger):</p>
<ul>
<li>Positive geistig-seelische Einstellung mit Sinn-Realisation,</li>
<li>Authentisches, sinnerfülltes, sozial bedeutsames Leben,</li>
<li>Kurzfristige, aber nicht andauernde Stress-Situationen,</li>
<li>Fähigkeit zur Entspannung und zu Stress-Abbau,</li>
<li>Humor / herzhaftes Lachen / Selbstdistanzierung,</li>
<li>Aktives Coping mit Erkennen des verbliebenen Freiraums,</li>
<li>Fähigkeit zu akzeptierender Versöhnung und Dankbarkeit.</li>
</ul>
<p>Elisabeth Lukas berichtet, dass AIDS-Kranke in Sizilien erst starben, nachdem sie den für sich gefundenen Sinn, das Malen einer ihren Angehörigen gewidmeten Ikone, erfüllt hatten.<br />
Nonnen schneiden gesundheitlich nach einer italienischen Studie von 2005 besser ab als die Allgemeinbevölkerung. So bleibt der Blutdruck bei Nonnen bis ins hohe Alter stabil, während er bei der Allgemeinbevölkerung mit dem Alter stetig ansteigt. Selbst die Alzheimer-Demenz scheint bei Nonnen mit gesunder Lebensführung und innerer Zufriedenheit nach den Untersuchungen von David Snowdon (University of Kentucky, Lexington, 2003) möglicher Weise milder zu verlaufen. Auch bei den sehr seltenen Spontanheilungen von Krebserkrankungen wird nach Hiroshi Oda deutlich, wie günstig sich eine positive Grundeinstellung und eine Ausrichtung nach Sinn und geistigen Werten auswirken. Die spontan geheilten Patienten ließen sich drei Gruppen zuordnen: entweder waren sie „Fromme Gläubige“, die die Krankheit in frommer Ergebenheit als göttliche Prüfung ansahen, oder auf spirituelle Weise „Suchende“, die die Krankheit in erster Linie als Aufforderung ansahen, sich im spirituellen Einklang mit sich und dem Kosmos neu zu entfalten und zu transformieren, oder „Tapferer Kämpfer“, die mit positivem Grundvertrauen aktiv gegen die Krankheit vorgingen und so „schöpferische Werte“ verwirklichten.</p>
<p>Mihaly Csikszentmihalyi (3)  demonstriert an einem anderen, recht extremen Fall einer seit über 10 Jahre hospitalisierten, chronisch-schizophrenen Patientin mit den „üblichen Mustern gedanklicher Verwirrung“ und dem „bei schweren psychischen Krankheiten übliche schwache Affekt“, wie über Sinnfindung sowohl Glück als auch Gesundheit gefördert werden konnten. Bei Flow-Messungen viel auf, dass eine „einigermaßen positive“ Stimmungslage bei der Patientin beobachtet werden konnte, wenn sie sich die Fingernägel schnitt. Daraufhin wurde sie in der Maniküre geschult und sie durfte dann auch anderen Patienten die Nägel schneiden. Ihr Befinden verbesserte sich daraufhin so sehr, dass sie entlassen werden konnte und sich sogar durch ihre Maniküre-Tätigkeit selbst versorgen konnte.</p>
<p>Als weiteres Beispiel dafür, welche gering erscheinenden Sinnverwirklichungen oft ausreichen, um zu Gesundheit und Glück zu verhelfen, sei die Untersuchung von Langer und Rodin (1976) zitiert (gefunden in Matthias Burisch: Das Burnout-Syndrom, 1994). Bei dieser Studie wurde in einem Altenpflegeheim bei den Bewohnern die Eigeninitiative zu einer Sinnverwirklichung mit einfachsten Mitteln in einer Gruppe gestärkt und in einer anderen<br />
Gruppe geschwächt.</p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/10/abb11_entwicklung-von-gesundheit-und-zufriedenheit_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Abb.11: Beispiel für die Entwicklung von Gesundheit und Zufriedenheit durch Möglichkeit zu freien Sinn-Entscheidungen (Wolfgang Hoffmann)" title="abb11_entwicklung-von-gesundheit-und-zufriedenheit_wolfgang-hoffmann" width="500" height="400" class="aligncenter size-full wp-image-50" /><br />
<em>Abb. 11: Beispiel für die Entwicklung von Gesundheit und Zufriedenheit durch Möglichkeit zu freien Sinn-Entscheidungen.</em></p>
<p>Wie in Abb. 11 aufgeführt wird, gab es im Wesentlichen nur drei Möglichkeiten, Eigeninitiative zu entwickeln. Diese drei Varianten erscheinen von außen betrachtet fast bedeutungslos, sie zeigten aber eine große Wirkung: schon nach drei Wochen erwies sich die Gruppe  mit mehr Eigeninitiative zufriedener, also in gewisser Weise glücklicher, als die Vergleichsgruppe und die Sterblichkeitsrate hatte sich bei dieser Gruppe der glücklicheren Heimbewohner nach 1½ Jahren halbiert! Diese Untersuchungsergebnisse belegen, dass Sinnfindung und Sinnverwirklichung mit der damit verbundenen Übernahme von Verantwortung und Selbstbestimmtheit und dem dadurch gesteigerten Selbstwertgefühl zur Gesundheit beitragen, aber auch der Schlüssel zu Zufriedenheit und Glück sind! </p>
<p>Wie oben schon betont wurde, fördert die Ausrichtung nach Sinnerfahrungen aber nur dann Gesundheit und Glück, wenn es einem wirklich nur um den Sinn geht und man nicht Sinn intendiert, weil man bloß gesund oder glücklich werden will. Im Bewusstsein, dass Gesundheit und Glück nicht das allerwichtigste sind, darf ich mich nur „reinen Herzens“  auf die Sinnsuche begeben und mich ganz dem sinnvollem Ziel hingeben ohne Nebengedanken an Gesundheit und Glück! Ich sollte mich allerdings für Gesundheit und Glück bereithalten und auf beides achten. Man kann es gar nicht oft genug wiederholen, dass sich hierbei das Danken als so hilfreich erweist! </p>
<p>Dieses „Bereithalten“ für die Gesundheit wird durch einen entsprechenden gesunden Lebensstil eingeübt und gefördert. Die alten Griechen wie Hippokrates nannten das die Diaitia.  Ende des 19. Jahrhunderts entwarf der Schweizer Arzt Maximilian Bircher-Benner die von ihm sogenannte „Ordnungstherapie“.  Sebastian Kneipp machte die Ordnungstherapie später zu einer der fünf Säulen der Naturheilkunde. Ziel der Ordnungstherapie ist es, Gesundheit zu fördern und zu erhalten bzw. wiederherzustellen durch sinnreiche Lebenskultur, d. h.:</p>
<ul>
<li>im körperlichem Bereich:
<ul>
<li>gesunde Ernährung</li>
<li>Vermeidung von Risikofaktoren</li>
<li>Körpertraining, richtiges Atmen in frischer Luft</li>
<li>Körpersensibilität</li>
<li>Ausgewogenheit zwischen Stress und Erholungsphasen</li>
<li>Leben im Biorhythmus (=Chronohygiene)</li>
</ul>
</li>
<li>im seelisch-geistigem Bereich:
<ul>
<li>allgemeines subjektives Wohlbefinden und gutes Selbstwertgefühl</li>
<li>Einbettung in ein stabiles Beziehungsnetz</li>
<li>Liebes- und Arbeitsfähigkeit</li>
<li>Leidensfähigkeit</li>
<li>Entfaltung geistiger Möglichkeiten / Spiritualität</li>
</ul>
</li>
</ul>
<p>Die Ordnungstherapie sieht auch gerade heutzutage die „Entfaltung geistiger Möglichkeiten“ und damit auch die Sinnfrage als zentralen Punkt an. Die Sinn- und Werteverwirklichung und die Selbstwahrnehmung und Achtsamkeit, die Chronohygiene und Entspannung, die Bewegung und die Ernährung sind eng miteinander verzahnt. Dabei ist es wichtig, das richtige Maß zu finden! Die Achtsamkeit sollte z. B. nicht in eine krankhafte Selbstbeobachtung ausarten (s. o.)! Für die Achtsamkeit gibt es unterschiedliche Begabungen: Frauen beobachten sich selbst sensibler, feinfühliger und kritischer. Sie haben eine bessere Beziehung zu ihrem Körper als Männer. Das mag daran liegen, dass sie durch die Regelblutung von früh an gewohnt sind, auf ihren Körper zu achten. Frauen wollen „schön“ sein – auch das fördert das Körpergefühl. Männer ignorieren eher die Signale des Körpers und der Seele. 36% der Frauen, aber nur 13% der Männer gehen zur Krebsvorsorge. Auch bei der Bewegung sollten Extreme vermieden werden. So erkranken Spitzensportler besonders häufig an Grippe und Bronchitis. Das liegt an einer Dauerbelastung mit zu wenigen Erholungs-phasen, so dass Stresshormone gebildet werden (Adrenalin, Noradrenalin, STH und Cortisol). Cortisol unterdrückt die Aktivität des Immunsystems; d. h. die Produktion von Zytokininen wird reduziert und Makrophagen, Killerzellen, bestimmte Populationen von Lymphozyten werden zu „Wächtern im Schlafrock“. Dauer-Stress z. B. bei Marathonläufern vermindert auch das Gedächtnis (kognitive Leistungsschwäche). Das Risiko für Depressionen steigt, da Cortisol die Wirkung des Neurotransmitters Serotonin unterdrückt! (J. Herbert, Cambridge, 1997).</p>
<p>Die Ordnungstherapie will nicht so sehr die spezifischen Krankheitsursachen beheben,<br />
sondern sie will den „Willen zur Gesundheit“ stärken durch eine an der individuellen Sinn- und Werterfahrung orientierte Beratung und Unterstützung bei der Entwicklung des Lebensstils und der Reifung der Persönlichkeit, um den Menschen ganzheitlich zu stabilisieren und reaktionsfähiger zu machen – d. h. also gerade &#8211; auch in der psychischen und geistigen Dimension! Dass dadurch nebenbei dem Menschen auch zu mehr Glück und Zufriedenheit verholfen werden kann, wurde oben bereits mehrmals dargelegt. Diese zentrale Bedeutung der Sinn-Intention für Glück und Gesundheit macht die Logotherapie nicht nur zu einer idealen Ergänzung der Ordnungstherapie, worauf mich Karl Huth, Frankfurt am Main, aufmerksam machte, sondern auch zu einem zentralen Ansatz, um Gesundheit und Glück zu fördern (s. Abb. 12).</p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/10/abb12_die-zentrale-bedeutung-der-sinnorientierung_wolfgang-hoffmann1.gif" alt="Abb.12: Die zentrale Bedeutung der Sinnorientierung (Wolfgang Hoffmann)" title="abb12_die-zentrale-bedeutung-der-sinnorientierung_wolfgang-hoffmann" width="480" height="300" class="aligncenter size-full wp-image-51" /><br />
<em>Abb. 12: Die zentrale Bedeutung der Sinnorientierung</em> </p>
<p>Zu bedenken ist dabei, dass durch Sinnverwirklichung nicht nur Gesundheit und Glück, sondern auch die Selbstverwirklichung (nach dem Selbstverwirklichungsverständnis von Frankl: vgl. Artikel „Reifung durch Toleranz und Akzeptanz“ (4. Kapitel) auf dieser Web-page) und damit die Persönlichkeitsentwicklung gefördert wird, was dem „élan vital“ zugute kommt, der wiederum so wichtig ist für die Gesundheitsbereitschaft und die Glücksbereitschaft. Die Möglichkeit zur Sinnerfüllung wird so zum Quell von Gesundheit und Glück: </p>
<p><strong>Gesund ist derjenige, der seinen persönlichen Sinn wahrnehmen kann, wodurch er auch die Chance hat, glücklich zu sein, was ihm wiederum helfen kann, seine Gesundheit zu fördern und zu stabilisieren.<br />
</strong></p>
<h3>(6) Literatur:</h3>
<p>(1)	Günther Bien: Glück – was ist das?, Verlag Josef Knecht, Frankfurt am Main, 1999<br />
(2)	Wilhelm Schmid: Glück, Insel-Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig, 2007<br />
(3)	Mihaly Csikszentmihalyi: Lebe gut!, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 2. Aufl., 1999<br />
(4)	Dieter Birnbacher: Philosophie des Glücks, e-Journal Philosophie der Psychologie, Düsseldorf, 2005<br />
(5)	Wladyslaw Tatarkiewicz: Über das Glück, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 1984<br />
(6)	Gerhard Schwarz: Produkte – Ihre Seele und ihre Widersprüche, Menagerie, 2. Jg., Carl-Auer-Verlag, Heidelberg, 1993<br />
(7)	Wolfgang Hoffmann, Macht Gesundheit Sinn?, Die Medizinische Welt, Schattauer Verlag, Stuttgart, 6/2005, S.256ff)</p>
<p>Ferner sei auf die Logotherapeutische Fachliteratur, insbesondere die Bücher von Viktor Frankl und Elisabeth Lukas  und z. B. auch auf meinen Artikel „Einführung in die Supportive Psychotherapie und Logotherapie“ in dieser Webpage hingewiesen.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Einführung in die Logotherapie und Supportive Psychotherapie</title>
		<link>http://wolfgang-hoffmann.info/2008/08/einfuhrung-in-die-logotherapie-und-supportive-psychotherapie/</link>
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		<pubDate>Mon, 11 Aug 2008 11:46:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Hoffmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>

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		<description><![CDATA[Dieser Artikel weist darauf hin, dass die Logotherapie sehr gut als supportive (= stützende) Therapie gebrauchen lässt. Nebenbei werden noch einmal die Grundaussagen der Logotherapie vorgestellt:

Den Artikel gibt es natürlich auch im PDF-Format zum Ausdrucken:
wolfgang-hoffmann_einfuehrung-in-die-logotherapie-und-supportive-psychotherapie.pdf

Wolfgang Hoffmann: Einführung in die Logotherapie und Supportive Psychotherapie
(Vortrag, gehalten am 4.06.2008 im Evangelischen Krankenhaus Bethanien der Johanna-Odebrecht-Stiftung, Fachkrankenhaus für Psychiatrie, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Dieser Artikel weist darauf hin, dass die Logotherapie sehr gut als supportive (= stützende) Therapie gebrauchen lässt. Nebenbei werden noch einmal die Grundaussagen der Logotherapie vorgestellt:</p>
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<em>Den Artikel gibt es natürlich auch im PDF-Format zum Ausdrucken:</em><br />
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</div>
<h3>Wolfgang Hoffmann: Einführung in die Logotherapie und Supportive Psychotherapie</h3>
<p><em>(Vortrag, gehalten am 4.06.2008 im Evangelischen Krankenhaus Bethanien der Johanna-Odebrecht-Stiftung, Fachkrankenhaus für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (Chefarzt Dr. med. J. Zimmermann)) </em></p>
<h4><strong>1. Aufgaben einer supportiven (=stützenden) Psychotherapie</strong></h4>
<p>Noch im Jahre 1996 schreibt Jürg Willi in seinem Buch `Ökologische Psychotherapie´ (1), in dem er eine eigene, von der Familientherapie hergeleitete ökologisch-supportive Psychotherapie vorstellt, die <em>„stützende Therapie verfügt jedoch bisher weder über eine Theorie noch über eine reflektierte, systematisierte Praxis“</em>. Folglich erscheine die supportive Psychotherapie als das Aschenputtel (Cinderella) der Psychotherapie. Das sei umso erstaunlicher angesichts von Aussagen wie der des bekannten Psychoanalytikers O. Kernberg, der 1984/1988 in seinem Buch „Schwere Persönlichkeitsstörungen“ meint, <em>„dass die Ausübung von stützender Therapie viel Erfahrung, Flexibilität und technische Geschicklichkeit erfordere“.</em> Willi erwähnt auch eine Studie über supportive Psychotherapie von R. S. Wallerstein von 1986, in der die Resultate der supportiven Psychotherapie eindrücklicher waren als die der psychoanalytischen Therapie, zumal <em>„der wesentliche Teil der Veränderungen im Zusammenhang mit unterstützenden, und nicht so sehr mit expressiven (deutenden) Interventionen“</em> erreicht wurde ((1) S. 131). </p>
<p><span id="more-29"></span><br />
Was kann und soll nun die supportive Psychotherapie leisten? Sie soll Mut und Hoffnung machen, Trost spenden, das Selbstwertgefühl aufbauen durch Wertschätzung und die Übernahme von Selbst-Verantwortung, den Blick auf die Ressourcen lenken, die Wahrnehmung der anstehenden Lebensaufgaben und der Sinnverwirklichungsmöglichkeiten fördern, den Willen zu heilsamer Versöhnung und eventuellen Vergebung stärken, die Akzeptanz des Nicht-änderbaren unterstützen, destruktiv wirkende Einflüsse aufzeigen und den Blick auf das Gelungene und Positive lenken, wofür Dank gesagt werden kann u.s.w. </p>
<p>Von diesen und sonstigen Lebenshilfen scheint mir die Sinnfindung besonders wichtig zu sein, denn wie Friedrich Nietzsche sagt <em>„Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie“.</em></p>
<p>Sinn und Werte vermittelte früher allein die Kirche und die Religion. Sie war es, die in erster Linie die Menschen unterstütze, die Schwierigkeiten des Daseins zu ertragen, und ihnen Hoffnung und Trost spendete, ihre Trauer begleitete und den Menschen auch andere Lebenshilfen anbot. Aber schon Søren Kierkegaard schrieb vor mehr als 150 Jahren: <em>„Die Priester sind keine Seelsorger mehr; aber die Ärzte sind es geworden.“</em> Das heißt, dass das Monopol der seelischen Unterstützung schon lange nicht mehr allein bei Religion und Kirche liegt, sondern dass viele Menschen in psychischer Bedrängnis und bei seelischen Erkrankungen eine „ärztliche Seelsorge“ erwarten bzw. erhoffen. Über die „ärztliche Seelsorge“ schrieb Viktor Frankl ein Buch (2), das unter diesem Titel 1946 erstmalig herauskam, nachdem dessen Manuskript in Auschwitz verloren gegangen und 1945 von Frankl rekonstruiert worden war. Das Buch ist immer noch ein großer Erfolg! Allein bis 1986 erschien es in 57 Auflagen in 9 Sprachen!</p>
<h4><strong>2. Grundlagen der Logotherapie</strong></h4>
<p><strong>2.1 Anthropologische Voraussetzungen der Logotherapie</strong></p>
<p>Viktor E. Frankl (1905 – 1997) hat sich wie kaum ein anderer Seelenarzt mit der Sinnproblematik beschäftigt. Er bemerkte bereits in den 20-er Jahren des 20. Jahrhunderts, dass die mangelnde Wahrnehmung von Sinn und die damit verbundene Meidung von Verantwortung sich sehr destruktiv auf den einzelnen Menschen und auch auf die Gesellschaft auswirken. So beschrieb er als erster die durch Sinnleere ausgelöste „Existenzielle Frustration“ und die „Noogene Depression“. </p>
<blockquote><p>„Existenziell“ bezieht sich im Sinne der (deutschen idealistischen) Existenzphilosophie auf ein dem Menschen gemäßes Sein. „Noogen“ ist ein aus dem Griechischen abgeleitetes Wort, das in der Logotherapie soviel wie „auf den geistig-personalen Bereich bezogen“ bedeutet.
</p></blockquote>
<p>Die „Existentiellen Frustration“ ist keine Krankheit, sondern lediglich ein „Leiden am sinnlosen Leben“ und somit nach Frankl Ausdruck geistiger Mündigkeit, die dem Betroffenen zeigt, wie sehr er des Sinns bedarf. Wenn man andauernd keine Möglichkeit mehr sieht, Sinn und Werte zu verwirklichen, entsteht eine chronische Langeweile, ein Gefühl der inneren Leere, eine Orientierungslosigkeit, ein Mangel an Entschlusskraft, ein Initiativeverlust, eine Hoffnungslosigkeit und eine Verantwortungslosigkeit. Bei einer passiven Variante verharrt der existentiell Frustrierte abgestumpft in Passivität und Gefühlsarmut, bei einer neurotischen Variante ist er ständig auf der Flucht vor der Leere, zeigt einen neurotischen „Lebenshunger“ und sucht den „Kick“ in der Jagd nach Lust und Spaß. Dieses Sinnlosigkeitsgefühl kann zu einem massenneurotischen Syndrom mit Suizidneigung, Aggressivität und Drogenabhängig-keit führen. In dieses „Existentielle Vakuum“ (Frankl) können seelische Erkrankungen hineinwuchern ( Frankl nennt das Vakatwucherung) und so kann z. B. eine noogene Depression entstehen. Die existentielle Frustration ist aber nicht die einzige mögliche Ursache für eine noogene Neurose; denn auch sonstige existentielle Reifungskrisen, „Werte-Vergötzungen“, Gewissenskonflikte und andere geistige Probleme können dadurch, dass sie zu einer „somatopsychischen Affektion“ hinzukommen, das Bild einer Neurose bieten. Diese Neurose ist dann aber nicht aus einer psychischen Ursache heraus, also psychogen entstanden, sondern durch eine Störung im geistigen Bereich, also noogen, verursacht. Leitsymptom der noogenen Neurose ist neben dem Leiden an der Sinnlosigkeit ein totales Desinteresse und eine ausgeprägte Verunsicherung des Selbstwertgefühls. Beispiele für noogene Krisen und eventuelle Neurosen sind  die „midlife crisis“, die „empty nest depression“, die Arbeitslosigkeitsneurose / Arbeitslosigkeitsdepression, die Rentenneurose bzw. Rentendepression und viele Suchterkrankungen. Bei den noogenen Neurosen wirkt die Logotherapie nicht mehr nur supportiv, sondern sogar auch kausal! Als kausale Therapie kann die Logotherapie auch angesehen werden, wenn die Sinnleere zu körperlichen Störungen, vor allem zu psycho-immunologischen Störungen führt oder zu führen droht. Als Frankl der Frage nachging, wie neurotisch erkrankte Menschen es schaffen, wieder gesund zu werden, stellte er fest, dass diese Menschen meist Sinn- und Werte entdeckt oder wiedergefunden hatten. Aus all diesen Beobachtungen schloss er, dass den Menschen ein „Willen zum Sinn“ auszeichnet, den er zum Leben braucht, der einen gesundheitsfördernden und bestimmte neurotische Tendenzen und Neurosen vertreibenden Effekt hat. </p>
<p>Wenn kurz und knapp gesagt werden kann, dass Sinnfindung gesund und Sinnblindheit krank macht, dann bedarf es eben einer Therapie, die auf Sinnfindung hin orientiert ist. Folglich entwickelte Frankl die „Logotherapie“ als eine auf Sinnfindung hin ausgerichtete Psychotherapie und Psychohygiene. Die Namensgebung erfolgte 1926. Sie leitet sich von dem griechischen Wort `Logos´ her, das u. a. auch `Sinn´ bedeutet.</p>
<p>Die Logotherapie macht drei axiomatische Grundannahmen:</p>
<ol>
<li>Es gibt eine „Freiheit des Willens“</li>
<li>Es gibt einen „Willen zum Sinn“</li>
<li>Es gibt einen (transsubjektiven) „Sinn des Lebens“</li>
</ol>
<blockquote><p>Die „Freiheit des Willens“ wird heute von manchen Neurowissenschaftlern angezweifelt. M. E. kann die Willensfreiheit aber auch nicht völlig widerlegt werden; denn wenn auch bewusstseinsferne Hirnabschnitte bei anstehenden Entscheidungen eher reagieren als der kortikale Ort unseres Bewusstseins (s. z. B. Versuch von Libet), so kann ich m. E. immer noch zu der von meinem Gehirn getroffenen „Entscheidung“ in einem längeren und komplexeren Denkvorgang Stellung nehmen und diese „Gehirn-Entscheidung“ korrigieren. – wie Frankl sagt: „ich kann immer auch noch anders“! Dass so etwas wie der „Wille zum Sinn“ im Menschen angelegt ist, kann man als phänomenologisch bewiesen ansehen. Umstritten ist dagegen die die Frage, ob es wirklich einen objektiv gegebenen, also transsubjektiven Sinn gibt oder ob der Sinn nur ein selbsterzeugtes Konstrukt und damit ein Pseudophänomen ist. Im letzteren Fall wäre der Sinn „nichts Eigentliches und damit eigentlich nichts“ (Frankl). Dass es einen Sinn gibt, lässt sich nicht beweisen, aber dass es keinen Sinn gibt, lässt sich auch nicht beweisen. Frankl gibt in einer Plausibilitätsbetrachtung zu bedenken: „Wie könnte die Natur in die condition humaine jemals ein Sinnbedürfnis eingepflanzt haben, gäbe es nicht auch wirklich einen Sinn bzw. Sinnmöglichkeiten“ analog Franz Werfel´s Feststellung: „Durst ist der Beweis für die Existenz von so etwas wie Wasser“. Die Patt-Situation zwischen dem Glauben an Sinn und dem Leugnen von Sinn, wird dadurch zugunsten des Sinns entschieden, dass der Mensch beim Glauben an den Sinn seine Existentialität, sein dem Menschen gemäßes Sein, mit in die Waagschale wirft. Gleiches gilt wohl auch für die „Freiheit des Willens“; zumal ohne die „Freiheit des Willens“ unser humanes Sozial- und Rechtsgefüge total zusammenbrechen würde. </p></blockquote>
<p>Der „Wille zum Sinn“ lässt sich nicht dem „Psyche“ genannten Seelenbild der psychoanalytischen und der verhaltenstherapeutischen Schule zuordnen; denn unter dem Begriff „Psyche“ subsummiert man Eigenschaften wie Wahrnehmungsvermögen, Intelligenz, Gedächtnis, Lernfähigkeit, soziale Fähigkeiten, „Über-Ich“, Triebe, bedingte Reflexe, „zuständliche“ Gefühle = Emotionen o. ä. Folglich hat Frankl den Seelenbegriff um einen geistigen Anteil erweitert, den er „geistige Dimension“  bzw. „Nous“ (griech. u. a. = Geist) nannte und die nach ihm den personalen Kern des Menschen bildet. In Frankls Menschenbild sind dem Nous die Willensentscheidungen („Wille zum Sinn“), das ethisches Empfinden („Gewissen“), die Spiritualität (Glaube), die Intuition, die „intentionalen“ Gefühle (z. B. die den Anderen meinende Liebe), der Humor, die Fähigkeit zu Selbstdistanzierung und Selbsttranszendenz zugeordnet. Das sind alles Seelenqualitäten, die nur dem Menschen und nicht dem Tier eigen sind, die seine Würde ausmachen und die jeden Menschen zu einer einmaligen und einzigartigen Person machen. Der geistige Bereich ist laut Frankls Definition , wie bereits oben erwähnt, der „Bereich des Freien im Menschen“, der nicht zerstört, sondern nur gestört werden kann, wie ein Pianist darin gestört und behindert wird, seine Melodie zu spielen, wenn er selbst zwar gesund, aber sein Flügel beschädigt ist. Der Pianist entspricht in diesem Gleichnis dem Nous, der Flügel dem psychophysischem Gehirn.</p>
<p>Das Bild, das ich mir von einem Menschen mache, schiebt sich als Filter über meine Wahrnehmung des anderen. So wird mein Verhalten ihm gegenüber beeinflusst, was wieder Reaktionen beim anderen hervorruft, die meinen Erwartungen bestätigen („Andorra-Effekt“). Mache ich das Frankl`sche Menschenbild zur Grundlage einer Begegnung mit einem Patienten, so werde ich ihm sehr respektvoll gegenübertreten. Das steigert die Qualität meiner Arbeitsbeziehung und damit auch meiner supportiven psychotherapeutischen Arbeit. So berichtet Frankl, dass ihn nachts eine Patientin angerufen hatte, die Selbstmord machen wollte. Er habe ihr eine Stunde lang etliche Argumente vorgetragen, warum sie sich nicht umbringen solle und ihr das Versprechen abgenommen, sich am Morgen wieder zu melden. Das tat die Patientin, aber sie sagte zugleich, dass sie die Argumente Frankl nicht überzeugt hätten, aber die Tatsache, dass er sich eine Stunde lang nachts für sie Zeit genommen hätte, würde ihr gezeigt haben, dass sie doch was wert sei und das sie ihr Leben nicht so einfach wegwerfen könne. Dieser Bericht und ähnliche Erfahrungen von anderen Ärzten zeigt, welche therapeutische Bedeutung allein die Wertschätzung des Patienten durch den Therapeuten hat. Da spielt natürlich das Menschenbild, das einer Therapie zugrunde gelegt wird, eine große Rolle. Goethe sagte: „Wenn wir den Menschen so nehmen, wie er ist, dann machen wir ihn schlechter. Wenn wir ihn aber so nehmen, wie er sein soll, dann machen wir ihn zu dem, der er werden kann.“ Frankl hat in die Psychotherapie dieses idealistische Menschenbild mit der Annahme einer geistigen Dimension (wieder) eingeführt, von der die menschliche Seele in ihrem Innersten seit alters her weiß. Er betont damit die Würde jedes Menschen, auch die einer schwerst psychisch oder psychiatrisch erkrankten oder cerebral schwerst geschädigten Person.</p>
<blockquote><p>Die besondere Wertschätzung der geistigen Person und die dadurch intensivierte Arzt-Patienten-Beziehung ist der erste Beitrag der Logotherapie zu einer supportiven Psychotherapie!</p></blockquote>
<p>Frankl weist daraufhin, dass ein krasser Materialist, der seinen verstorbenen Freund am Grabe mit „Du“ anredet, nicht den verwesenden Leichnam meint, sondern die geistige Person, die nicht sterblich, aber auch nicht erzeugbar ist (3). Nach Frankl kann der Geist, d.h. die geistige Person, per definitionem nicht erkranken. Die geistige Person kann aber durch eine Krankheit (z. B. eine Psychose oder eine Demenz) „ohnmächtig und unsichtbar“ werden, weil die geistige Person nicht mehr über ein intaktes Gehirn verfügt, um sich den anderen kund zu tun. Das Psychophysikum verfügt nur über einen Nutzwert, die geistige Person dagegen hat Würde. Wenn aber die geistige Person nur „störbar, aber nicht zerstörbar“ (Frankl) ist, wenn sie also das `Gesunde´ ist, so kann ich dem Patienten auch dadurch helfen, dass ich das Gesunde, eben diese geistige Dimension, stärke. Viele Naturheilverfahren, wie z.B. die „Ordnungstherapie“ nach Bircher-Benner und Kneipp, haben den gleichen Ansatz: sie konzentrieren sich nicht auf das Kranke, sondern sie fördern das Gesunde. Die geistige Dimension ist ja der Teil der menschlichen Person, der z.B. zu einer krankhafter Störung oder Affekt, etwa einer Angst, Stellung nehmen und darüber sprechen kann, der damit auch frei z.B. von der Angst ist. Die geistige Person ist eben der „Ort des Freien im Menschen“. Wenn ich ihn stark mache, hat das Kranke weniger Angriffsmöglichkeiten. So kann ich mir die geistigen Fähigkeiten des Patienten  bei der Therapie zunutze machen. Ich kann z. B. versuchen, die Fähigkeit zur Selbstdistanzierung, die „Trotzmacht des Geistes“ (Frankl), zu aktivieren, mit der sich der Mensch ein klein wenig seinem Körper und seiner Psyche widersetzen kann, nach dem Motto: „Ich muss mir von mir nicht alles gefallen lassen“ (Frankl), „Ich bin mehr als meine psychischen Befindlichkeiten (z.B. meine Angst)“. Wie der Mensch sich so nach innen gegen das Psychophysikum durchsetzen kann, so kann er sich auch nach außen mit willentlichen Entscheidungen behaupten: „Ihr könnt bestimmen, was ihr mir antut, aber ihr könnt nicht bestimmen, wie ich darauf reagiere“ (E. Lukas). Dadurch, dass er als geistige Person für sich selbst die Verantwortung übernimmt und somit jede Fremdbetimmtheit vermeidet, stärkt er sein Selbst. </p>
<blockquote><p>
Die Stärkung des Gesunden im Menschen, d. h. die Stärkung der geistigen Person, ist ein zweiter therapeutischer Beitrag der Logotherapie zur supportiven Psychotherapie!
</p></blockquote>
<p>Die Fähigkeit der Selbstdistanzierung wird auch beim Humor und bei (liebevollen) humorvollen  Provokationen und Übertreibungen eingesetzt wie z. B. bei der „Paradoxen Intention“, einer von Frankl schon in den 20-er Jahren des 20. Jahrhundert entwickelte Psychotherapie-Methode. Diese und weitere Logotherapie-Methoden, die Frankl von der geistigen Dimension herleitete, nämlich die „Dereflexion“ und die „Einstellungsmodulation“ werden ausführlich in der Logotherapie-Literatur, z. B. in Frankls „Ärztlicher Seelsorge“ (2) beschrieben.</p>
<p><strong>2.2 Sinnfindung mit Hilfe der Logotherapie und Existenzanalyse</strong></p>
<p>Zentrales Anliegen der Logotherapie ist es, dem Patienten bei der Sinn-Suche zu helfen. Hier geht es um die wahre „ärztliche Seelsorge“ (Frankl (2)).<br />
Wenn man vom Sinn spricht, so sollte man drei Sinn-Kategorien unterscheiden:</p>
<ol>
<li>der Sinn des Ganzen = der „Übersinn“ (Frankl)</li>
<li>der Sinn des Lebens</li>
<li>der Sinn der jeweiligen Situation im Hier und Jetzt</li>
</ol>
<p>Die Frage nach dem absoluten Sinn, dem Sinn des Ganzen, ist sinnlos, weil wir den Sinn des Ganzen nicht erkennen können. Frankl spricht deswegen vom „Über-Sinn“. Er weist darauf hin, dass deswegen aber noch lange nicht gesagt ist, dass es diesen nicht gibt. Der Sinn des Ganzen übersteigt einfach das Verständnisvermögen des Menschen. An den Sinn des Ganzen kann man eben nur glauben!<br />
Fast genauso verhält es sich mit dem Sinn des Lebens. Nur manchmal kann man vielleicht erst nach Jahren, eventuell auch erst an seinem Lebensende, ahnen, welchen Sinn schmerzliche  Lebensereignisse gehabt haben könnten. Letztendlich kann man die Existenz eines „Sinn des Lebens“ nicht beweisen, sondern nur glauben, wie oben bereits dargelegt wurde. Auch derjenige, der die Existenz eines derartigen Sinns leugnet, kann dafür keinen Beweis liefern, sondern lediglich nur seinen  Glauben (besser seinen Nicht-Glauben) demonstrieren. Diese Patt-Situation von Glauben und Nicht-Glauben an einen objektiv vorhandenen, transsubjektiven Sinn kann aber der Glaubende dadurch für sich verbessern, dass er die spezifischen Möglichkeiten des Menschseins und damit wohl auch die Traditionen und Erfahrungen der Vorfahren und der ganzen Menschheitsgeschichte, die sich in der menschlichen Seele kondensiert haben, mit in die Waagschale wirft, so dass diese mehr Gewicht bekommt. Frankl drückt das so aus: <em>„Der Glaube ist nicht ein Denken, vermindert um die Realität des Gedachten, sondern ein Denken, vermehrt um die Existentialität des Denkenden.“ </em></p>
<p>Am ersten kann man noch den einmaligen und einzigartigen Sinn erkennen, der sich einem gerade in einer bestimmten konkreten Situation zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort anbietet. Hier sagt einem oft eine leise innere Stimme, die „Stimme des Herzens“, was sinnvoll ist und was nicht. Diesen „inneren Souffleur“ bezeichnet Frankl als „Gewissen“. Das Gewissen im Franklschen Sinne ist im Gegensatz zu Freuds moralischen (d. h. gesellschaftlichen Normen verpflichteten) Über-Ich-Begriff eine prämoralische Instanz, die mir &#8211; oft über Körperempfindungen – zu erkennen gibt, was „das An-sich-Gute- für-mich“ ist. </p>
<blockquote><p>Für mich ist die folgende Geschichte aus dem 2. Weltkrieg eine Beispiel für den Unterschied zwischen Gewissen und Über-Ich: Himmler soll ein einziges Mal an einer Judenerschießung im Osten teilgenommen haben. Er habe diesem Massaker nicht zu Ende beiwohnen können, weil ihm ganz übel geworden sei. Offenbar hatte sich in diesem Falle sein Gewissen sehr laut und vehement über seinen Körper gemeldet. Sein national-sozialistisches Über-Ich ließ ihn dann aber später ein Lobschreiben an die SS-Männer für deren „Pflichterfüllung“ abfassen.</p></blockquote>
<p>Das Gewissen sagt mir, was subjektiv „für mich“ in der jeweiligen konkreten Situation der Sinn dieses Augenblicks, eben transsubjektiv das „An-sich-Gute“ ist. <em>„Der Sinn dient der Optimierung der gegebenen Situation schlechthin, in die der betreffende Mensch, die aufgegebene Sache und die gemeinten anderen Menschen hineingestellt sind.“</em> schreibt Elisabeth Lukas. Das Gewissen ist aber oft nur eine „leise Stimme des Seins im Lärm des Seienden“ (Heidegger). Da Sinn-Wahrnehmung mit Sinnes-Wahrnehmung verbunden ist, bedarf es der Schulung des Körpergefühls und der Achtsamkeit und gegebenenfalls auch des Rückzugs in die Stille, um die Antwort des Gewissens nicht zu überhören.</p>
<p>Frankl betont immer wieder: <em>„Sinn kann nicht er-funden werden, sondern nur ge-funden werden“.</em> Darum kann auch kein anderer, also auch nicht ein Therapeut, dem Sinn-Suchenden sagen, welchen Sinn der Augenblick für ihn bereithält. Es darf also keinen von außen kommenden „Sinn-Oktroy“ (Frankl) geben! Frankl weist aber darauf hin, dass es drei „Hauptstrassen“ für die Sinn-Verwirklichung gibt: </p>
<ol>
<li>die Erlebniswerte,</li>
<li>die schöpferischen Werte und</li>
<li>die Einstellungswerte.</li>
</ol>
<p>Abb. 1 verdeutlicht, welche weiten Areale sich für  eine Sinn- und Werteverwirklichung auftun.</p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/09/abb1_vielfache-moeglichkeiten-der-sinn-und-werteverwirklichung_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Abb. 1: Vielfache Möglichkeiten der Sinn- und Werteverwirklichung (Wolfgang Hoffmann)" title="abb1_vielfache-moeglichkeiten-der-sinn-und-werteverwirklichung_wolfgang-hoffmann" width="500" height="400" class="aligncenter size-full wp-image-31" /></p>
<p><em>Abb. 1: Vielfache Möglichkeiten der Sinn- und Werte-Verwirklichung</em></p>
<p>Bei der Realisierung von <u>Erlebniswerten</u> geht es um Erleben anstelle von Konsumieren, z. B. um das nach außen gerichtete freudige Wahrnehmen von Natur, Kunst oder anderen Menschen in ihrer Einmaligkeit und Einzigartigkeit oder die nach innen gerichtete respektvolle Achtsamkeit auf meinen Geist und mein Psychophysikum (Bereitschaft zur Kontemplation). <u>Schöpferische Werte</u> kann ich nach außen verwirklichen, indem ich sinnvoll ein Werk verrichte, Arbeit leiste, mich einer Aufgabe hingebe, oder nach innen gewandt, indem ich meinem Körper etwas Gutes tue, „damit meine Seele Lust hat in ihm zu wohnen“ (Teresa von Avila), indem ich also ein gesundes Leben führe (Bereitschaft zur Aktion). Über <u>Einstellungswerte</u> kann der Mensch nach Frankl Sinn die Welt bringen, indem er z. B. bei unvermeidbarem Leid seine Einstellung zu diesem Leid ändert, wenn er sonst daran nichts ändern kann (Bereitschaft zur Passion). So kann der Leidende anderen Menschen zeigen, wozu der Mensch auch in ausweglosen Situationen fähig ist und somit anderen ein positives Beispiel geben, das anderen helfen kann, in einer Art von „existentiellen Recycling“ (Frankl) nun ihrerseits mit schweren Situationen fertig zu werden. Viktor Frankl und später auch Elisabeth Lukas machten darauf aufmerksam, dass der Mensch auch bei positivem Schicksal, also im `Glück´, zur Verwirklichung von Einstellungswerte aufgerufen ist, diesmal zu `Einstellungswerten bei positivem Schicksal´.</p>
<p>Vorraussetzung für die Verwirklichung von Erlebniswerten ist die `Liebesfähigkeit´ und von schöpferischen Werten die `Arbeitsfähigkeit´. Die Wiederherstellung der Liebes- und Arbeitsfähigkeit ist auch das gesetzlich legitimierte Ziel der heute staatlich anerkannten Psychotherapieverfahren. Zur Umsetzung von Einstellungswerten bei negativem bzw. positivem Schicksal ist `Leidensfähigkeit´ bzw. `Glücksfähigkeit´ gefragt. Hier macht gerade die Logotherapie wichtige therapeutische Angebote, wo sich die meisten anderen Psychotherapieverfahren zurückhalten. </p>
<blockquote><p>Die Förderung der Leidensfähigkeit ist ein weiterer, besonders wertvoller Beitrag der Logotherapie zur supportiven Psychotherapie, weil sie den Menschen unterstützt, dass er wieder „ein Warum zu leben“ findet, so dass er „fast jedes Wie“ ertragen kann (im Sinne des Nietzsche-Zitats (s. o.))!</p></blockquote>
<p>Wie kann nun ein Therapeut dem Patienten helfen, den Sinn zu entdecken, der in der aktuellen Situation liegen kann, ohne dem Patienten seine eigenen Sinn- und Wert-Vorstellungen aufzuoktroyieren? Als erstes wird der Therapeut dem Patienten helfen, seine Möglichkeiten, seinen `Freiraum´, zu erkennen. Dann sind oft <em>„die Begabungen und Sehnsüchte“</em> des Patienten <em>„Lotsen zu Werten und Sinn“</em> (Uwe Böschemeyer), wenn der Patient sich Fragen stellt, wie z. B.: „Wozu bin ich begabt?“, „Was ersehne ich?“, „Was ist mir wichtig?“, „Was macht mir Freude?“, Wofür bin ich dankbar?“, „Worum habe ich Angst?“, „Worum trauere ich?“, „Woran hängt mein Leben?“, „Wer ist mein Vorbild?“, „Was soll einmal an mich erinnern?“. Kann er im Hier und Jetzt keine Antwort auf diese Fragen finden, so kann er sich erforschen, wie er `früher´ diese Fragen beantwortet hätte. Wenn er bei diese Fragen in sich hineinhorcht und bereit ist, auf die Antworten seines `Inneren Souffleurs´ zu hören, so hat er eine gute Chance zu erfahren, welches Sinnangebot in der jeweiligen Situation liegt. Gar nicht so selten meldet sich nach meiner Erfahrung die `Innere Stimme´ auch über einen Traum. Es ist nur die Frage: <em>„Will ich wissen, was ich ahne?“</em> (Uwe Böschemeyer).</p>
<p>Ein derartiges Nachforschen führt mich dann nicht nur zu einem singulären Sinn-Aufruf sondern auch zu für mich geltenden Werten, wo ich in sich wiederholenden, typischen Situationen eine gute Chance habe, auf Sinnangebote zu stoßen. Deshalb nennt Frankl Werte auch `Sinn-Universalien´. Wichtig ist es, dass ich über eine breite Werte-Vielfalt verfüge, selbst wenn ich dann auch manchmal Werte-Konflikte durchstehen muss. Sollte ich dagegen nur von einem einzigen Wert geleitet werten, so bin ich in großer Gefahr, wenn dieser eine Wert gefährdet oder gar ganz wegbrechen kann. In einem solchen Fall von `Werte-Vergötzung´ droht dann eine schwere Sinnkrise mit Verzweiflung oder sonstigen neurotischen Fehlentwicklungen. </p>
<p>Aber die Logotherapie öffnet nicht nur die Augen für den Sinn und macht den Menschen dadurch u. a. leidensfähig, sondern sie fördert darüber hinaus die Reifung und die Resilienz der Persönlichkeit, denn indem der Mensch Sinn und Werte verwirklicht, verwirklicht er sich nach Frankl auch selbst und dadurch entwickelt er seine Persönlichkeit. Parallel dazu kann die Logotherapie auch helfen, sich des Glücks z.B. durch Dankbarkeit bewusst zu werden und  seine `Glücksfähigkeit´ weiter zu entwickeln (s. Artikel: „Reifung durch Toleranz und Akzeptanz“, Abschnitt 4 und s. Artikel: „Glück und Gesundheit“ (erscheint im Oktober 2008 auf wolfgang-hoffmann.info)). </p>
<blockquote><p>Die Logotherapie macht den leidenden Menschen nicht nur leidensfähiger, indem sie ihn  unterstützt, sondern sie fördert zugleich auch seine Persönlichkeitsentwicklung, Glücksfähigkeit, Reifung und Resilienz. Eine stärkere Persönlichkeit wird besser mit seelischen und körperlichen Problemen fertig werden, so dass sich die supportive Wirkung potenziert.</p></blockquote>
<h4><strong>3. Umgang mit den Herausforderungen des Lebens</strong></h3>
<p>Es gehört zum Leben, dass wir immer wieder vor Herausforderungen gestellt werden. Wir können angesichts dieser Krisen versagen, weil wir diesen Lebensaufgaben nicht gewachsen sind oder weil wir uns auch nur diesen Aufgaben nicht stellen wollen. Wenn wir vor eine Lebensaufgabe gestellt werden, hat es auf jeden Fall keinen Sinn, darüber zu klagen und zu lamentieren, wieso uns das Schicksal in eine so schwierige und schlimme Situation gebracht hat, sondern wir sind aufgefordert, diese Aufgabe als solche anzunehmen. Es zählt allein, wie wir die Aufgabe lösen. Frankl betont den „Aufgabencharakter des Lebens“: <em>„Das Leben selbst ist es, das dem Menschen Fragen stellt. Er hat nicht zu fragen, er ist vielmehr der vom Leben her Befragte, der dem Leben zu antworten – das Leben zu ver &#8211; antworten hat“</em>. „<em>Wie einer das ihm auferlegte Leiden auf sich nimmt, in diesem Wie des Leidens liegt die Antwort auf das Wozu des Leidens“</em> (Frankl, Ärztliche Seelsorge, S. 96). Wenn man also nicht mehr kausal, sondern stattdessen final denkt, hat man eine gute Chance, nicht nur die Krise zu überstehen, sondern auch aus der Krise gestärkt und „gereift“ hervorzugehen – so wie das Immunsystem unseres Köpers stärker und komplexer wird, wenn es eine Infektion überstanden hat (vgl. Abb. 2).</p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/09/abb2_reifung-durch-lebenskrisen-im-sinne-von-lebensaufgaben_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Abb. 2: Reifung durch Lebenskrisen im Sinne von Lebensaufgaben (Wolfgang Hoffmann)" title="abb2_reifung-durch-lebenskrisen-im-sinne-von-lebensaufgaben_wolfgang-hoffmann" width="500" height="400" class="aligncenter size-full wp-image-32" /></p>
<p><em>Abb. 2: „Reifung“ durch Lebenskrisen im Sinne von Lebensaufgaben</em></p>
<blockquote><p>Es ist ein besonderer supportiver Ansatz der Logotherapie, dem vom Leben herausgeforderten Menschen dabei zu helfen, die unvermeidliche Lebenskrise als Aufgabe zur Sinnverwirklichung anzuerkennen und ihn dadurch in eine pro-aktive Verhaltensweise zu bringen und so seine Vitalität zu stärken.</p></blockquote>
<p><strong>3.1 Bewältigung von Wertverlusten</strong></p>
<p>Die Lebenskrisen können sehr stark in ihrem Ausmaß variieren. Im Allgemeinen handelt es sich um den Verlust von Werten, z. B. um den Verlust von Anerkennung (Liebe), Freiheit, Handlungs- und Erlebnisfreiheit, Wohlergehen, Unschuld &#8211; oder gar dem Verlust des Lebens.<br />
Wie ich auf dieser Website in dem Artikel: „Reifung durch Toleranz und Akzeptanz“ näher ausgeführt habe, gelingt es einem Menschen nur dann, einen Wertverlust zu bewältigen, wenn er sich zu Toleranz im Allgemeinen, beispielsweise Frustrationstoleranz oder Trauerarbeit im Besonderen, und schließlich zu Akzeptanz, d. h. zu einer bedingungslosen Annahme „in Liebe“ und zur Versöhnung mit dem, was ist, durchringen kann und wenn er dadurch bereit wird, dem in einem Neubeginn liegenden Sinnaufruf zu folgen. Das wird ihm aber nur möglich sein, wenn er sich auf seine „geistigen Dimension“ besinnt. Unterstützt wird er dabei natürlich von der Logotherapie! Wie man im Einzelnen vorgehen könnte, wird in dem oben genannten Artikel „Reifung durch Toleranz und Akzeptanz“ dieser Website näher beschrieben.</p>
<p><strong>3.2 Umgang mit der unausweichlichem Schicksal</strong></p>
<p>Ein `Bewährungstest´ für die Eignung der Logotherapie als supportive Psychotherapie ist sicher, inwiefern sie unterstützend wirken kann im Extremfall eines unausweichlichem Schicksals wie im Falle von unabwendbarem Leid, Schuld und Tod &#8211; diese drei Herausforderungen des Schicksals, die Karl Jaspers die `Tragische Trias´ genannt hat.</p>
<p>Die Logotherapie betont, dass es darauf ankommt, Leid, Schuld und Tod in etwas Positives , nämlich <strong>Leid</strong> in <strong>Leistung</strong>, <strong>Schuld</strong> in <strong>Wandlung</strong> (Sühne, Reue) und <strong>Tod</strong> in <strong>Ansporn zum Leben</strong>, d. h. Ansporn zu verantwortetem Tun, zu verwandeln. Frankl weist immer wieder darauf hin, dass die Hoffnung auf ein endlos langes, gesundes, angenehmes Leben unrealistisch ist. Realistisch sei dagegen die Hoffnung darauf, dass ich etwas Sinnvolles vollenden kann, einen Sinn (er-)leben kann, dass ich … <em>„selbst noch aus den `negativen Aspekten´,  ja gerade aus ihnen etwas Sinnvolles `herausschlagen´, und solcherart in etwas Positives transformieren kann.“</em> Wenn der Mensch vor eine konkrete Lebensaufgabe gestellt wird, dann ist er der Befragte und seine Antwort hat Vorrang. Alle seine Fragen nach dem `Wieso´ und `Warum gerade mir´ sind sinnlos und destruktiv. Nur der religiöse Mensch kann darüber hinaus <em>„das Dasein nicht nur als konkrete Aufgabe, sondern als persönlichen Auftrag“</em> erleben, <em>„der an ihn ergeht von einem persönlichen, ja überpersönlichen Wesen. So sieht er denn die Aufgabe transparent, nämlich auf die Transzendenz hin; er allein kann trotzdem ja zum Leben sagen unter allen Bedingungen und Umständen – trotz alledem: trotz Not und Tod.“</em> (Frankl: „Logotherapie und Existenzanalyse“, Piper, 1987, S. 141). Das macht nach Frankl die Freiheit des Menschen aus: <em>„Zu unserem Schicksal haben wir zu stehen  wie zu dem Boden, auf dem wir stehen – ein Boden, der das Sprungbrett für unsere Freiheit ist…. Wollte man den Menschen definieren, dann müsste man ihn bestimmen als jenes Wesen, das sich je auch schon frei macht von dem, wodurch es bestimmt ist“</em> (Frankl).</p>
<blockquote><p>Die Logotherapie ist auch deswegen eine heilsame supportive Therapie, weil sie den vom Schicksal gebeutelten Klienten nicht in der Vergangenheit nach letztlich doch nicht befriedigenden Erklärungen für sein Leid suchen lässt, sondern ihn in die Zukunft blicken lässt, um seine eigene Freiheit  und Verantwortlichkeit zu sehen und sein eigenes Potential zu entfalten. Nicht zuletzt wird der Klient dadurch in seinem Selbstwertgefühl gestärkt.</p></blockquote>
<p><strong>3.2.1 Umgang mit unabwendbaren Leid</strong></p>
<p>Unabwendbares Leid kann den Verlust von Gesundheit, von Möglichkeiten, von Freiheit bzw. der endgültige Abschied von dem, was einem lieb und teuer war, bedeuten. Oft wird einem erst im Leid bewusst, welchen Wert das Verlorene für einen darstellte. Angesichts des Leids sind zwei sich extrem gegenüberstehende Positionen möglich: einerseits die Verzweiflung über das erfahrene Leid und andererseits der Triumph über das Leid. <em>„Der Mensch kann in seinem tiefsten Tief ein äußeres Leid in einen inneren Triumph verwandeln“</em> (Frankl). Dadurch, dass er seine Einstellung entsprechend ändert, beweist er sich und anderen Menschen, wozu der Mensch auch in extremen Situationen fähig ist. Damit gibt er anderen ein Beispiel  und wird  anderen zum Vorbild und zur Orientierungshilfe, wenn es darum geht, unabwendbares Leid zu bewältigen. In diesem Sinne spricht Frankl vom `Existentiellen Recycling´. Frankls Credo lautet dabei: <em>„Leiden hat einen Sinn. Alles hat einen Sinn, aber wir verstehen diesen Sinn nicht. Es gibt eine Grenze des Begreifens“</em>. An den Sinn auch dann noch zu glauben, wenn man den Sinn des Leidens nicht versteht, macht den Menschen leidensfähig, denn <em>„nicht im Dass, im Wie des Leidens liegt der Sinn des Leidens“</em> (Frankl). Verzweiflung entsteht nur, wenn der Mensch <em>„nicht zulassen will, dass das, was er verloren hat, eben nur `Platzhalter´ war für das jeweils Höherwertige oder gar für den Höchstwert, für die absolute Wertperson, für den Herrn“</em>. <em>„Der Opfer-sinn macht den eigentlichen Eigen-wert der Dinge aus“</em> (Frankl). </p>
<p>Bei der supportiven Therapie eines Menschen, der unabwendbares Leid zu bewältigen hat, sind also aus logotherapeutischer Sicht vier Gesichtspunkte hilfreich:</p>
<ol>
<li>Der Leidende hat immer dann und dort Anerkennung und Bewunderung verdient,  wenn er nicht in der Falle der destruktiven Fragen: „Warum leiden?“ und „Warum gerade ich?“  stecken geblieben ist. Selbst, wenn diese Fragen zeitweilig wieder auftauchen, so ist nach solchen Momenten zu suchen, wo diese Fragen nicht gestellt wurden, und diese sind zu würdigen.</li>
<li>Der Therapeut kann den Leidenden ermutigen und ihm dabei helfen, im Leiden Sinn zu erkennen und dem Leiden Sinnmöglichkeiten abzuringen, und sei es nur, um ein `existentielles Recycling´ in die Welt zu setzen.</li>
<li>Der Therapeut kann dem Leidenden dadurch helfen, dass er ihn fragend bei der Suche nach dem noch verbliebenen Freiraum unterstützt. Es ist nie alles kaputt!</li>
<li>Schließlich ist die Bereitschaft zum Opfer und zum Loslassen gefragt. Demjenigen, der dazu den Mut aufgebracht hat, winkt als Belohnung i. a. eine neue Perspektive und die Möglichkeit zu einer Transformation; denn „der Verzicht nimmt nicht, er gibt; er gibt die Größe des Einfachen“ (Heidegger) und „oft sind es erst die Ruinen, die den Blick wieder freigeben auf den Himmel (Frankl). </li>
</ol>
<blockquote><p>Die Logotherapie erweist sich als ideale stützende Therapie, wenn es darum geht, dem<br />
leidenden Menschen neue Perspektiven aufzuzeigen und seine Leidensfähigkeit zu verbessern. Das Vorbild, das Viktor Frankl allen Leidenden durch die eigene Bewältigung seines schweren Schicksals gegeben hat, wie er „Trotzdem Ja zum Leben“ (5) gesagt hat, macht die Logotherapie als stützende Therapie besonders glaubhaft. </p></blockquote>
<p><strong>3.2.2 Umgang mit echter (existentieller) Schuld</strong></p>
<p>Es besteht ein Unterschied von (nicht berechtigten) Schuldgefühlen und berechtigter, echter, existentieller Schuld. Die existentielle Schuld setzt immer die Freiheit voraus, die Wahl unter verschiedenen Verhaltensmöglichkeiten gehabt zu haben und über die Befähigung verfügt zu haben, von diesen Möglichkeiten die sinnvollste zu erkennen. Zur Sinnerkenntnis verhilft mir mein Gewissen. Derjenige, der sein Gewissen nicht wahrnehmen kann, weil er z. B. als Kind dafür noch nicht reif genug ist oder weil eine Krankheit (z. B. eine Demenz) dies verhindert, kann keine existentielle Schuld auf sich laden, sondern allenfalls nur Schuld<u>gefühle</u> entwickeln. Auch wenn sich Depressive oder Zwangskranke Schuld zuschreiben, ist zwischen echter Schuld und krankheitsbedingten Schuldzuweisungen zu unterscheiden. Frankl weist darauf hin, dass Depressive unter einer Hyperakusis des Gewissens leiden: sie hören mehr als ihr Gewissen in Wahrheit zu ihnen spricht. Aus der Freiheit des Willens, dem Gewissen zu folgen oder ihm aber zuwider zu handeln, ergibt sich die Verantwortlichkeit des Menschen (s. Abb. 3). Nimmt er sein Gewissen wahr und verwirklicht er Sinnvolles, so erwirbt er sich </p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/09/abb3_willensfreiheit-und-selbstverantwortlichkeit_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Abb. 3: Willensfreiheit und Selbstverantwortlichkeit (Wolfgang Hoffmann)" title="abb3_willensfreiheit-und-selbstverantwortlichkeit_wolfgang-hoffmann" width="500" height="400" class="aligncenter size-full wp-image-33" /></p>
<p><em>Abb. 3: Willensfreiheit und Selbstverantwortlichkeit</em></p>
<p>einen Verdienst. Entscheidet er sich aber wider den Sinn, so wird er sich existentielle Schuld aufladen. Die Möglichkeit, schuldig werden zu können, ist der Preis dafür, auf der anderen Seite Verdienste erwerben zu können und vice versa. Leugne ich die Schuldfähigkeit eines Menschen, so negiere ich auch gleichzeitig seine Möglichkeit, Verdienstvolles und Bewunderungswürdiges in die Welt zu setzen. Wenn ich auf diese Weise jemanden seinen selbstverantwortlichen freien Willen abspreche, dann wird dieser Mensch letztendlich zu einem fremdbestimmten unfreien Wesen mit entsprechender Beeinträchtigung seines Selbstwertgefühls. Aus diesem Grunde liegt Frankl die Verantwortlichkeit des Menschen besonders am Herzen. Der Mensch ist in jedem Moment verantwortlich für sein Tun. Wenn ihn ein anderer betrügt oder schlägt, kann er den anderen ebenfalls betrügen oder schlagen; dann ist er auch ein Betrüger oder Schläger. Er kann aber auch das Empfangene an den Kontrahenten nicht weitergeben und ihn seinerseits nicht betrügen bzw. schlagen; dann ist er ein ehrlicher bzw. friedvoller Mensch. Der andere kann bestimmen, was er ihm antut, aber er kann nicht bestimmen, wie er darauf reagiert. Jede Entscheidung, die der Mensch trifft, ist zugleich eine Entscheidung über sich selbst. Nicht immer wird die Entscheidung sinnvoll sein, so dass man stolz auf sie sein kann. Man wird auch mal seinem Gewissen nicht gefolgt sein oder es gar nicht gefragt haben. Dann hat man eben Schuld auf sich geladen, zu der man stehen muss. Durch beides, Verdienste und Schuld, gestaltet der Mensch sich selbst. </p>
<p>Leider fördert unser Konsumzeitalter nicht gerade die Wahrnehmung der Selbst-Verantwortung. Frankl hat schon in den 20-er Jahren des vorigen Jahrhunderts negative Auswirkungen eines pathologischen Zeitgeistes auf die menschliche Seele beschrieben, die er auch kollektive (soziogene) Neurosen nannte, nämlich 1.) die fatalistische Lebenseinstellung, 2.) die provisorische Daseinshaltung, 3.) das kollektivistisches Denken, und 4.) den Fanatismus. Beim Fatalismus empfinde ich mich stets machtlos gegenüber jeglichen Umweltfaktoren. Bei der provisorischen Daseinshaltung interessiert mich nur das Jetzt und die Zukunft ist mir egal („nach mir die Sintflut“). Beim kollektivistischen Denken denke ich nur in Schubladen und ich tue nur das, „was man tut“. Noch pathologischer wird dieses Denken, wenn ich wie beim Fanatismus nur noch einen Wert kenne, nämlich denjenigen, dem das Kollektiv folgt. Den vier kollektiven Neurosen ist die Scheu vor Freiheit und Verantwortung gemeinsam. Dadurch, dass ich mich nur auf den oder die anderen konzentriere und glaube, nur andere seien schuld, geht viel Energie verloren; denn das Potential der geistigen Dimension des Menschen wird nicht gelebt und damit werden die persönliche Identität und das Selbstwertgefühl geschwächt. </p>
<p>Stehe ich jedoch zu meiner Verantwortung und gegebenenfalls zu meiner Schuld, so kann ich mich durch Sühne, d. h. durch Wiedergutmachung, oder, wenn eine Wiedergutmachung nicht mehr möglich ist, durch Reue zu einem neuen Menschen wandeln. Der Umgang mit eigener Schuld beeinflusst auch den Umgang mit fremder Schuld. <em>„Wenn wir verzeihen, akzeptieren, bereuen, eine andere Haltung entwickeln, sind wir ein anderer Mensch als vor dem Verzeihen, Akzeptieren, Bereuen, sind wir ein neuer Mensch geworden … haben wir die Schicksalsgrenze, die äußerlich unumstößlich ist, innerlich überwunden“</em>, schreibt Elisabeth Lukas (7). </p>
<p>Der amerikanische Logotherapeut Joseph Fabry beschreibt in seinem Buch „Happy Endings“ eine Möglichkeit, wie man seine Reue bei fehlenden Möglichkeiten der Wiedergutmachung durch ein imaginiertes Zusammentreffen mit dem Konfliktpartner im „Jenseits“ bearbeiten kann. In diesem „Jenseits“, wo es keine negativen Eigenschaften mehr wie Missgunst, Neid, Habgier etc. gibt und wo man darauf vertrauen kann, dass Verständnis, Großmut und Güte vorhanden sind, beginnt man einen Dialog über das damalige Geschehen, über seine Beweggründe und spricht über das, was damals nötig gewesen wäre, und über die jeweilige Schuld und seine Reue. Dieser „Phantastische Dialog“ sollte danach auch schriftlich festgehalten werden. Für den Bereuenden gilt der Satz von Konfuzius: <em>„Woran merkst du, dass dir eine Sünde vergeben ist? Daran, dass du sie nicht mehr tust!“</em> und für den Verzeihenden der Satz von Karl Heinrich Waggerl: <em>„Wer seinen nächsten verurteilt, kann irren. Wer ihm verzeiht, irrt nie“</em> (zitiert nach E. Lukas (7)).</p>
<blockquote><p>Schuld entspricht einem Werte-Verlust, nämlich dem Verlust von Unschuld. Schuldbewältigung ist daher nur dadurch möglich, dass ein neuer Wert entsteht! Da die Logotherapie Sinnfindung und Werteverwirklichung im Visier hat, ist sie eine besonders geeignete Form von stützender Therapie, wenn es darum geht, Menschen zu helfen, sich von ihren Gewissensqualen zu lösen, sich von Schuldzuweisungen gegenüber sich und anderen zu befreien, sich somit von der Vergangenheit abzuwenden und der Zukunft zuzuwenden und durch die Übernahme von Selbstverantwortung die Persönlichkeit zu stärken. </p></blockquote>
<p><strong>3.2.3 Umgang mit Sterblichkeit und Tod</strong></p>
<p>Die Angst vor Sterben und Tod ist die große Urangst des Menschen. Darum kann das Thema `Tod´ bei einer stützenden Psychotherapie nicht ausgeklammert werden. Im Gegenteil: <em>„Es ist gerade der Tod, der dem Leben und unserem Dasein als etwas Einmaligem Sinn verleiht“</em>, behauptet Frankl. Er vergleicht das Leben mit einem Kornfeld, das abgeerntet wird und dessen Ertrag in eine Scheune eingebracht wird. Was zählt, sind dann nicht die „Stoppelfelder der Vergänglichkeit“, sondern die Ernte in der Scheune. Diese Lebensernte, <em>„insbesondere das Gelungene und Geglückte, das liebevoll Gewirkte, die positiven Möglichkeiten der Welt, die an uns und durch uns verwirklicht worden sind, können durch den Tod nicht zunichte gemacht werden; denn der Tod ist der `Sensemann´, der `Herr des Stoppelfeldes´, aber zu der Scheune , in der das Ergebnis unseres Lebens geborgen ist, hat er keinen Zutritt“</em>. Daraus ergibt sich die Erkenntnis, dass <em>„die Vergänglichkeit unseres Daseins nicht nur diesem Dasein seinen Sinn nicht zu rauben vermag, sondern dass umgekehrt der Sinn unseres Daseins sogar dessen Vergänglichkeit voraussetzt wie der Sinn des Mähens die Existenz einer Scheune voraussetzt“</em> (E. Lukas (7)). </p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/09/abb4_die-vergangenheit-als-die-eigentliche-zukunft_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Abb. 4: Die Vergangenheit als die eigentliche Zukunft (Wolfgang Hoffmann)" title="abb4_die-vergangenheit-als-die-eigentliche-zukunft_wolfgang-hoffmann" width="500" height="400" class="aligncenter size-full wp-image-34" /></p>
<p><em>Abb.4: Die Vergangenheit als die eigentliche Zukunft (nach Elisabeth Lukas)</em></p>
<p>Frankl steigert diesen Gedanken noch zu folgender Paradoxie: <em>„Der Mensch wird gar nicht mit seiner Geburt in die Welt gesetzt, sondern er setzt sich mit seinem Tod selber in die Welt&#8230; Zwischen Geburt und Tod ist noch alles im Wandel, ist noch alles wandel<u>bar</u>, was da in die Ewigkeit eingeht, und erst mit dem Tod steht die ganze Lebenswirklichkeit eines Menschen fest&#8230; Das vollendete Leben dieses Menschen gerinnt dann zum unumstößlichen Denkmal seiner selbst“</em>. Frankl kehrt dem gemäß die uns gewohnte Sicht des Zeitflusses um (s. Abb. 4), indem er behauptet: <em>„unsere Vergangenheit wird unsere eigentliche Zukunft sein!“</em>; denn <em>„in Wirklichkeit wirken wir niemals in die Zukunft, im Gegenteil: immer wirken wir in die Vergangenheit. Die verwirklichten Möglichkeiten sind in ihrem Vergangensein gerade vor der Vergänglichkeit bewahrt. Sie sind hineingerettet in die Vergangenheit. In der Vergangenheit ist nichts unwiederbringlich verloren, im Gegenteil: im Vergangensein ist alles unverlierbar geborgen.“</em>  </p>
<blockquote><p>Dieser `Tragische Optimismus´ (Frankl) und der Gedanke, dass das Leben an seinem Ende zu einem Denkmal des betroffenen Menschen geworden ist, hat etwas ungemein Tröstliches. Wenn man auf diesen Gedanken aufbaut, wird die Logotherapie auch beim Thema `Sterben´ und `Tod´ zu einer hervorragenden stützenden Therapie.</p></blockquote>
<h4><strong>4. Zusammenfassung:</strong></h4>
<p><strong>Beitrag der Logotherapie zur supportiven Psychotherapie</strong></p>
<p>Die obigen Ausführungen zeigen, dass sich die  Logotherapie sehr gut als supportive Psychotherapie gebrauchen lässt. Besonders möchte ich noch einmal die folgenden Beiträge der Logotherapie zu einer supportiven Psychotherapie hervorheben:</p>
<ol>
<li>Verbesserung der Arbeitsbeziehung durch vermehrten Respekt vor der und Neugier auf die einmalige und einzigartige Person und ihrer Würde,</li>
<li>Stärkung des Gesunden z. B. durch Förderung geistiger Kräfte wie z. B. der Fähigkeit zur Selbstdistanzierung (Trotzmacht des Geistes),</li>
<li>Entdeckung der Entscheidungsfreiheit und Fokussierung auf die Selbstverantwortung und das Vermeiden von Fremdbestimmtheit sowie Hinweise auf die Selbstgestaltung der Persönlichkeit,</li>
<li>Gewahrwerden der Ressourcen durch Erkennen des Freiraums und der Dankesmöglichkeiten,</li>
<li>Förderung der Leidensfähigkeit und des Glücksfähigkeit durch Sinnfindung,</li>
<li>Wiederentdeckung des Urvertrauens z. B. u. a. durch Erkennen der Dankesmöglichkeiten in Vorunglückszeit,</li>
<li>Transformation zu einem neuen, gereiften, belastbaren (resilienten) Menschen über den „geistigen“ Weg zur Toleranz und Akzeptanz bei Wertverlustsituationen einschließlich der extremen Herausforderungen bei Leid, Schuld und Tod (= `Tragische Trias´ (K. Jaspers)).</li>
</ol>
<p>Diese sieben Effekte der Logotherapie führen zu einer Stärkung des Selbstwertgefühls und des Selbstvertrauens und insgesamt zu einer Reifung der Persönlichkeit. Damit ist die Logotherapie mehr als eine nur supportiv wirkende Psychotherapie. Da nämlich die meisten neurotischen Störungen mit einer Schwäche des Selbstwertgefühls und des Selbstvertrauens einhergehen und diese Schwäche den neurotischen Prozess wesentlich fördert, kann die Logotherapie dann zugleich auch als eine an der `causa´ ansetzende, also als eine kausale Therapie angesehen werden. </p>
<h4><strong>5. Literatur</strong></h4>
<ol>
<li>Willi, Jürg: „Ökologische Psychotherapie“ (1996), Hogrefe-Verlag, Göttingen u. a.</li>
<li>Frankl, Viktor E.: „Ärztliche Seelsorge“ (1995), 4. Aufl., Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag</li>
<li>Frankl: „Logotherapie und Existenzanalyse. Texte aus sechs Jahrzehnten“ (1994), München, Quintessenz</li>
<li>Frankl, Viktor E.: „Der leidende Mensch“ (1990), Neuausgabe, München, R. Piper</li>
<li>Frankl, Viktor E.: „Trotzdem ja zum Leben sagen“ (2005), 25. Aufl., München, dtv</li>
<li>Lukas, Elisabeth: „Urvertrauen gewinnen“ (1997), Freiburg, Herder-Verlag</li>
<li>Lukas, Elisabeth: „Alles fügt sich und erfüllt sich. Die Sinnfrage im Alter“ (1994), Stuttgart, Quell Verlag</li>
<li>Lukas, Elisabeth: „Lehrbuch der Logotherapie“ (1998), München – Wien, Profil Verlag</li>
</ol>
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		<title>Existenz zwischen Chaos und Ordnung &#8211; Ein Spiel?</title>
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		<pubDate>Fri, 18 Jul 2008 18:19:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Hoffmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>
		<category><![CDATA[Chaostheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturtheorie des Spiels]]></category>
		<category><![CDATA[Spielaspekte bei Arbeit und Arbeitslosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[spielerische Problembewältigung]]></category>
		<category><![CDATA[Spielperspektiven]]></category>
		<category><![CDATA[Synergetik]]></category>

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		<description><![CDATA[In meinem Artikel „Existenz zwischen Chaos und Ordnung – ein Spiel?“ wird die These aufgestellt, dass sich Leben in Form von Ordnungsübergängen mit zwischengeschalteten chaotischen Zuständen abspielt. Die Interaktionen zwischen Ordnung und Chaos lassen sich z. B. naturwissenschaftlich mit der Theorie dynamischer Prozesse (=sog. Chaostheorie) oder mit der Theorie der Synergetik (Hermann Haken) oder kulturwissenschaftlich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In meinem Artikel „<a href="http://wolfgang-hoffmann.info/2008/07/existenz-zwischen-chaos-und-ordnung-ein-spiel/">Existenz zwischen Chaos und Ordnung – ein Spiel?</a>“ wird die These aufgestellt, dass sich Leben in Form von Ordnungsübergängen mit zwischengeschalteten chaotischen Zuständen abspielt. Die Interaktionen zwischen Ordnung und Chaos lassen sich z. B. naturwissenschaftlich mit der Theorie dynamischer Prozesse (=sog. Chaostheorie) oder mit der Theorie der Synergetik (Hermann Haken) oder kulturwissenschaftlich als Spiel (Johan Huizinga) beschreiben. Die Spiel-Perspektive macht es u.a. auch in Problem-Situationen leichter, seine Freiheiten zu sehen und kreative Lösungen zu finden &#8211; z. B. bei Arbeit und Arbeitslosigkeit. Daher lohnt es sich in der Psychotherapie und natürlich auch in der Logotherapie nach Spielaspekten Ausschau zu halten und das Spiel in die Sinn- und Werte-Verwirklichung einzubeziehen.</p>
<div class="download">
<em>Den Artikel gibt es natürlich auch im PDF-Format zum Ausdrucken:</em><br />
<a href="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/07/wolfgang-hoffmann_existenz-zwischen-chaos-und-ordnung-ein-spiel.pdf" target="_blank">Wolfgang-hoffmann_existenz-zwischen-chaos-und-ordnung-ein-spiel.pdf</a>
</div>
<h3>Wolfgang Hoffmann:<br />
Existenz zwischen Chaos und Ordnung –  ein Spiel?</h3>
<p><em>Manuskript eines vom Autor am 20.10.2006 in Augustusburg vor der Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse Ost (GLE-Ost) gehaltenen Vortrags,<br />
veröffentlicht im Blatt der GLE-Ost: „Sinn und Sein“, Ausgabe 1/2007</em></p>
<h4><strong>Chaos und Ordnung</strong></h4>
<p>„Chaos“ (χάος) bedeutet eigentlich „der leere Raum“. Chaos ist der Gegensatz von Kosmos (κόσμος). Kosmos kann mit Begriffen wie Ordnung, Schmuck, Wohlgestalt, Anstand, Ehre, Weltordnung, geordnetes Weltall, Welt übersetzt werden. Chaos ist auch das Unbeschreibliche, das Unbenennbare, das Ungewisse, das Unvorhersagbare, das Nichtdeterminierte. Das hat aber die Physik und die Informationstheorie nicht daran gehindert, ein Maß für das Chaos einzuführen. Nach dem Boltzmannschen Gesetz strebt die Natur einen Zustand an, bei die dem größte Zahl von Möglichkeiten  verwirklicht wird, sich gleichmäßig über den vorhandenen Raum zu verteilen. Den Logarithmus dieser Zahl an Möglichkeiten nannte Ludwig Boltzmann „Entropie“. Die Entropie ist ein Maß für die Unordnung bzw. Unvorhersagbarkeit. Die Natur strebt also stets einen Zustand an, bei dem die Entropie am größten ist. Der Zustand der Unordnung erzeugt sich von selbst ohne besondere äußere Einwirkung. Leben ist nach dem Physiker Erwin Schrödinger dagegen etwas, das von außen negative Entropie (= Negentropie) aufnimmt und speichert. Dem Negentropie-Import entspricht ein Entropie-Export.</p>
<p><span id="more-15"></span></p>
<p>Ordnung kann nur in einem „offenen“ System mit von außen zugeführter Energie ohne Widerspruch zum 2. Hauptsatz der Thermodynamik entstehen. So kann z. B. „ungeordneter“ Wasserdampf durch Abkühlung in Wasser mit einem höheren Ordnungszustand als Dampf und dieses Wasser durch weitere Abkühlung in festes, hochgeordnetes kristallines Eis überführt werden. Derartige Phasenübergänge kann aber nur eine auf Energiezufuhr angewiesene Kältemaschine ermöglichen.</p>
<p>Der theoretische Physiker Hermann Haken erklärt solche Phasenübergänge als Selbstorganisationsvorgang. Durch kleine Schwankungen werden „spielerisch“ solche Organisationsformen herausgefunden, bei denen der Phasenübergang „reibungsloser“ vonstatten geht. Aus der Konkurrenz vieler Ablaufmuster, sog. Moden, setzt sich die Mode mit der höchsten Wachstumsrate als „Ordner“ durch und „versklavt“ damit die anderen Moden, indem sie es schafft, dass die anderen ihr Verhalten kopieren. Der Ordner hat ein Verhalten, dass besonders gut (z.B. energiesparend) den anstehenden Phasenübergang bei den jeweils vorhandenen Randbedingungen bewältigt.</p>
<p>Wird z.B. ein Luft- oder eine Flüssigkeits-Volumen von der unteren Seite aus gleichmäßig erhitzt, so dehnt sich die Materie in dem erhitzten Bereich aus und will zu den kälteren Zonen aufsteigen. Von oben drücken aber die schwereren kälteren Massen auf die unteren. Eine kleine erwärmte Luft- oder Flüssigkeitsblase kühlt sich dann beim Aufsteigen schnell ab und die Aufwärtsbewegung kommt zum Erliegen. Wird die Temperaturdifferenz durch zunehmende Erwärmung gesteigert, so drängen immer mehr Luft- oder Flüssigkeitsbläschen nach oben. Ein chaotischer Zustand von sich gegenseitig „anrempelnden“ Bläschen wäre jetzt zu erwarten. Es kommt aber merkwürdiger Weise zu einer selbstorganisierten einheitlichen Bewegung der Bläschen. Die Flüssigkeit testet nämlich ständig verschiedene Bewegungs-möglichkeiten aus, indem probeweise einzelne heiße Bläschen bzw. Tröpfchen aufsteigen und einzelne kühlere absinken, so dass ein Wettstreit entsteht. Haben einige heiße Teilchen eine ihren physikalischen und chemischen Eigenschaften und den Bedingungen des Systems entsprechend „günstige“ Stelle zum Aufsteigen gefunden, so ziehen diese Teilchen als „Ordner“ andere heiße Teilchen mit sich und „versklaven“ diese. Die „Sklaven“ stärken wiederum die „Ordner“. Bei den absinkenden Teilchen läuft der gleiche Prozess ab. Es zeigt sich, dass eine kreisförmige Bewegung für die aufsteigenden und absinkenden Teilchen am wenigsten „Reibungsverluste“ bringt. Folglich wird sich diese rollenförmige Bewegungsform gegen die Konkurrenz anderer Bewegungsformen im anfänglichen Chaos durchsetzen und das Spiel gewinnen. Es entstehen sog. Bénard-Zellen (s. Abb. 1a).</p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/07/abb1_benard-effekt_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Abb. 1 Bénard-Effekt (Wolfgang Hoffmann)" title="abb1_benard-effekt_wolfgang-hoffmann" width="480" height="216" class="aligncenter size-full wp-image-16" /><br />
<em>Abb. 1: Entstehung von Bénard-Zellen</em></p>
<p>Die Drehrichtung der Rollenbewegung und oft auch die Achsenrichtung dieser Rollen bzw. hexagonalen Säulen ist nicht vorhersehbar, wohl aber derjenige Rollendurchmesser, der der Geometrie des Topfes und den entsprechenden Temperaturdifferenzen am besten angepasst ist. Dieses spontane, nicht von außen gesteuerte Wettkampf-Spiel mit seinem Ausleseprozess nennt Hermann Haken „Synergie“ (= „Zusammenwirken“) (1) (2). Wird die Luft oder die Flüssigkeit allerdings noch stärker von unten erhitzt, kommt die Rollenbewegung zum Erliegen. Man kann keine Bénard-Zellen mehr beobachten, sondern es entsteht an Stelle dessen eine völlig unregelmäßige turbulente Bewegung, die sich nicht mehr exakt berechnen lässt – i. G. zu den Bénard-Zellen. Der Bénard-Effekt kann auch in Form von Wolkenstrassen am Himmel beobachtet werden (s. Abb. 1b).</p>
<p>Analog zu den Bénard-Zellen gibt es viele andere Phänomen, bei denen – gleichermaßen vorherbestimmt und zufällig – synergetische Prozesse auftreten z. B. beim Laser, beim Plasma, bei der Supraleitung, bei der Mode, bei der öffentlichen Meinung, im Verkehr, bei der Gehirnfunktion etc. Immer findet ein Wettkampf unter den Beteiligten statt und es kommt über einen „Ausleseprozess“ zu einer neuen Ordnung (ähnlich wie bei Darwin). Wie bei einem Spiel findet in der Synergetik ein Wechsel zwischen Zufall und Notwendigkeit statt, „wobei der „Zufall“ durch die spontane Entstehung eines Ordners dargestellt wird, während die „Notwendigkeit“ durch das unerbittliche  Gesetz des Wettbewerbs verkörpert wird“ ((2) S. 68).</p>
<p>Synergie ist eine Interaktion zwischen Ordnung und Chaos, die in einem offenen System stattfindet, dem von außen  Energie zugeführt wird, so dass der alte Zustand nicht mehr aufrecht erhalten werden kann, weswegen die Bestandteile des Systems spielerisch einen neuen, besseren Zustand suchen und, wenn sie ihn gefunden haben, diesen im Kollektiv verstärken, wodurch die Wachstumsrate dieses Kollektivs steigt, bis es die Konkurrenz besiegt hat. Der neue Zustand weist dann in der Regel eine höhere Ordnung auf als der alte.</p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/07/abb2_phasenuebergaenge_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Abb. 2 Phasenübergänge (Wolfgang Hoffmann)" title="abb2_phasenuebergaenge_wolfgang-hoffmann" width="500" height="400" class="aligncenter size-full wp-image-17" /><br />
<em>Abb. 2: Phasenübergänge</em></p>
<p>Es finden also bei den Phasenwechseln aufeinander folgende Wechsel zwischen Ordnung und Chaos statt (s. Abb. 2).</p>
<p>Ordnung herrscht dann, wenn die Dinge an dem Ort sind, an den sie hingehören. Ordnung hat somit den Effekt, dass die Komplexität der Umwelt reduziert wird. „Unser Leben ist durchzogen von kleineren und größeren Entscheidungen, welche die Komplexität der Umwelt (d. h. die Anzahl der Möglichkeiten) kurzfristig steigern und dann wieder reduzieren. Solche Kaskaden pulsierender Komplexitätssteigerung und Komplexitätsreduktion begleiten uns im Kleinen wie im Großen, mit mehr oder weniger bewusster Aufmerksamkeit.“ So könnte das Leben eine einzige Kaskade von Ordnungsübergängen sein, die schon von minimalen Störungen ausgelöst werden. „Ordnung“ ist dabei dynamisch als „synchronisiertes Funktionsmuster der involvierten Subsysteme und Netzwerke“ anzusehen ((3) S. 26). Die Interaktionsmöglichkeiten zwischen Chaos und Ordnung sind vielfältig. Sie können als Wechselwirkung, Rückkopplung, Schwingung, Synergetik, Tanz oder auch Spiel ausgemacht werden (s. Abb. 3).</p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/07/abb3_interaktion-zwischen-chaos-und-ordnung_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Abb. 3 Interaktion zwischen Chaos und Ordnung (Wolfgang Hoffmann)" title="abb3_interaktion-zwischen-chaos-und-ordnung_wolfgang-hoffmann" width="480" height="300" class="aligncenter size-full wp-image-18" /><br />
<em>Abb. 3:  Interaktion zwischen Chaos und Ordnung</em></p>
<p>Bei der Rückkopplung wirkt das Geschehen in einem System wieder auf dieses zurück, so dass dieses nicht-lineare System zu verschiedenartigen Schwingungen angeregt werden kann. Zu Schwingungen kommt es unter dem wechselnden Einfluss von mindestens zwei Kräften bzw. Energien. Das hat die Schwingung mit dem Spiel gemeinsam. Auch beim Spiel kann es Schwingungen zwischen zwei Extremen geben, z. B. zwischen Zufall und Gestaltung oder zwischen Gewinn und Verlust oder Gut und Böse (Geschicklichkeitsspiele, Wettkämpfe oder Tragödie bzw. „großes Welttheater“ (siehe auch „Hiob“ oder „Faust“).</p>
<p>Der Übergang von einer einmal gefundenen „Ordnung“ in eine andere kann sprunghaft erfolgen und sich in Schwingungen wiederholen, wie zum Beispiel bei der Wahrnehmung von ambiguen Bildern (s. Necker-Würfel, Vase/Kopf, alte/junge Frau, Hase/Ente und Einstein/die Badenixen) (s. Abb.4).</p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/07/abb4_necker-wuerfel_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Abb. 4 Illustration des Necker Würfels (Wolfgang Hoffmann)" title="abb4_necker-wuerfel_wolfgang-hoffmann" width="480" height="216" class="aligncenter size-full wp-image-19" /><br />
<em>Abb. 4: Necker-Würfel</em></p>
<p>Der Necker Würfel ist gewisser Maßen ein Beispiel dafür, dass mehrere (hier: zwei) Phasen gleichberechtigt nebeneinander existieren können. Als weiteres Beispiel für mehrdeutige Ordnungen mag die Veränderung der gültigen Partnerschaftsformen (Abb. 5) dienen. Anfangs gab es nur eine einzige durch gesellschaftliche Tradition, soziale Vorbilder und kirchliche Vorschriften sanktionierte Form der Partnerschaft. Spätestens z. Zeit der Romantik trat neben der traditionellen Familien-Ehe die Liebesheirat in Form einer Gefühlsgemeinschaft als allgemein akzeptierte Partnerschaftsform auf. Wie Abb. 5 zeigt kam es zu einer Verzweigung (= Bifurkation), indem sich das vorherige singuläre Modell – wahrscheinlich über synergistische Effekte – in zwei Modellformen aufspaltete, die alternativ oder alternierend von den Menschen wahrgenommen werden konnten, ohne von der Öffentlichkeit marginalisiert bzw. verdammt zu werden. Die ständig zunehmende Information über neue Partnerschaftsmodelle führte zu immer mehr gleichzeitig und gleichberechtigt nebeneinander existierenden und gelebten Formen von Partnerschaft; d. h. die Verzweigungen führten infolge des gestiegenen Informationsflusses zu weiteren Bifurkationen. Wie in einem „Spiel des Lebens“ kann sich der Mensch nun entscheiden, auf welchen Ast des sich immer stärker verzweigenden Baumes „Partnerschaftsmodell“ er sich schwingen will bzw. auf welchen anderen Ast er überwechseln will. Nach dem Sozialpsychologen Kenneth Gergen (4) kann ein Fernsehzuschauer bereits in zwei Stunden „TV-Genusses“ bis zu 20 Modelle von Partnerschaft kennen lernen (man denke nur an die Soap-operas und Tele-Novelas!). Die mit wachsendem Informationsfluss erfolgende Zunahme gesellschaftlich anerkannter Partnerschaftsmodelle mit den entsprechenden Verzeigungen im Kurvenverlauf von Abb. 5<br />
könnte in einer chaotischen Vielfalt enden – analog zu der von Verhulst gefundenen Wachstumsdynamik.</p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/07/abb5_zunahme-der-partnerschaftsmodelle_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Abb. 5 Zunahme der Partnerschaftsmodelle (Wolfgang Hoffmann)" title="abb5_zunahme-der-partnerschaftsmodelle_wolfgang-hoffmann" width="500" height="400" class="aligncenter size-full wp-image-20" /><br />
<em>Abb. 5: Zunahme der Partnerschaftsmodelle bei wachsendem Vorrat an Vorbildern </em></p>
<p>Verhulst nahm an, dass das relative Wachstum von einer Generation zur nächsten immer kleiner wird, je stärker die Population anwächst. Nach Verhulst geht die zunehmende Anzahl von Bifurkationen ab einem kritischen Wachstumsfaktor in einen chaotischen Bereich über, bei dem keine Aussagen mehr über die Populationsgröße gemacht werden können. Droht nun auch die Zahl der Gestaltungsmöglichkeiten von Partnerschaft nach Art der Verhulst-Dynamik irgendwann in einen chaotischen Bereich abzukippen?</p>
<p>Bei der Verhulst- Dynamik und wohl auch bei der Ausbildung von Partnerschaftsmodellen spielen Rückkopplungen eine wichtige Rolle. Dadurch werden Bifurkationen und sprunghafte Zustandswechsel überhaupt erst möglich. Es sieht aus, als ob Chaos und Ordnung bei den Phasensprüngen miteinander spielen würden!</p>
<p>Aber was ist überhaupt „Spiel“?</p>
<h4><strong>Definition von „Spiel“</strong></h4>
<p>Über das Wesen des Spiels hat der niederländische Historiker und Kulturanthropologe Johan Huizinga in seinem bekannten Buch „Homo ludens“ (5) sehr tiefgründige Überlegungen angestellt, denen ich gerne folgen möchte. Huizinga weist darauf hin, dass „Spiel“ ein vieldeutiger, schwer zu definierender Begriff ist. Das wird auch dadurch deutlich, dass z. B. im Alt-Griechischen die Bedeutung, die das Wort „Spiel“ im Deutschen hat, auf mehrere Wörter verteilt wird: „Paidia“ (παιδιά) leitet sich vom kindlichen Spiel ab, ist darauf aber nicht beschränkt und betont das Fröhliche und Unbesorgte. „Athyrma“ (’Άθυρμα) meint unwesentliches, nur sich belustigendes und tändelndes Spielen. „Agon“ (’Αγών) ´bezeichnet die Kampf- und Wettspiele &#8211; Spiele, die auch immer zugleich auch Fest und heilige Handlung waren. Auch im Altindischen und im Chinesischen wird der Begriff des Wettstreits von dem Wort für das unbeschwerte Spiel unterschieden, während beim lateinischen Wort „ludus“ wie beim deutschen Wort „Spiel“, beim niederländischen Wort „spel“ und beim englischen Wort „play“ alle drei Bedeutungen „mitspielen“ (s. (5), S.37ff).</p>
<p>Das Wort „Spiel“ ist verbunden mit folgenden Assoziationen:</p>
<ol>
<li>Eigene Regeln  und Einschränkungen (auch in der Technik), Ordnung,</li>
<li>Unbesorgtsein, Unbeschwertsein, freies Handeln, Freiheit,</li>
<li>Ungewisser Ausgang, Wagnis, unsichere Chance, Gewinnaussicht, Risiko, Spannung,</li>
<li>Sozialer Gemeinschaft, soziale Einbettung und Vernetzung,</li>
<li>Distanz zur Wirklichkeit, „Als-ob“-Charakter, Rollenübernahme,</li>
<li>Etwas Nicht-Ernstes, Nicht-Wirkliches, Überflüssiges, Unvernünftiges, Zeitvertreib, Tändelei,</li>
<li>Lust, Spaß, „Flow“, Freude, Glück, Begeisterung, Eifer, Verzückung, Leidenschaft,</li>
<li>Geschicklichkeit, Eleganz, Schönheit, Kultur,</li>
<li>Dynamik, Bewegung, Rhythmus, Aktivität,</li>
<li>Beschränkung von Raum und Zeit, Wiederholbarkeit.</li>
</ol>
<p>Das Spiel ist nicht das gewöhnliche, eigentliche Leben. Nach Johan Huizinga „steht das Spiel außerhalb der Prozesse der unmittelbaren Befriedigung von Notwendigkeiten und Begierden, ja es unterbricht diesen Prozess“. Es wird i. a. in der Freizeit gespielt. Es wird oft als minderwertig angesehen („nur ein Spiel“). Aber „das Spiel kann in Ernst und der Ernst in Spiel umschlagen. Das Spiel kann sich auf die Höhen der Schönheit und Heiligkeit erheben, wo es den Ernst weit unter sich lässt“ ((5) S.17).  Huizinga sieht das Spiel als Kultur stiftend an: „Es befriedigt Ideale des Ausdrucks und des Zusammenlebens“ ((5) S. 17). Das Spiel schafft die „Natur des Menschen“, als die Frankl die Kultur ansieht &#8211; des Menschen, der erst zum Menschen wird durch seine geistige Dimension.<br />
„So wäre es eine wunderbare Perspektive, wenn man alte Leute spielen ließe“ sagt der Unternehmensberater und Schauspieler („Scharlatan-Theater“) Ali Wichmann und er habe oft das Gefühl, dass Senilität eine Flucht aus der Ernsthaftigkeit sei, in die man die Alten presse (6).</p>
<p>Nach Huizinga geht „Spiel“ über den Drang nach Lebensbehauptung hinaus und legt in die Lebensbetätigung einen Sinn hinein, in dem er Mythen und Kult schafft. (s. (5), S. 9). Durch den Mythos sucht der frühe Mensch das Irdische dadurch zu erklären, dass „ein erfindungsreicher Geist am Rande von Scherz und Ernst“ spielt. „Die frühe Gemeinschaft vollzieht (im Kult) ihre heiligen Handlungen, die ihr dazu dienen, das Heil der Welt zu verbürgen, ihre Feste, ihre Weihen, ihre Opfer und ihre Mysterien, in reinem Spielen im wahrsten Sinne des Wortes&#8230; In Mythus und Kult aber haben die großen Triebkräfte des Kulturlebens ihren Ursprung: Recht und Ordnung, Verkehr, Erwerb, Handwerk und Kunst, Dichtung, Gelehrsamkeit und Wissenschaft“ – all das wurzelt im spielerischen Handeln (s. (5), S. 13). So wird noch bei  Shakespeare die Welt mit einer Schauspielbühne verglichen: „Bretter die die Welt bedeuten“ und es wird im 16. Jahrhundert das „große Welttheater“ aufgeführt. Mit der Zeit ließ die kultische Strenge nach und das rein spielerische Element gewann stärker an Bedeutung.</p>
<p>„Spiel“ hat eine Kulturfunktion und sorgt für geistige und soziale Verbindungen (s. (5), S. 17). Das Spiel erzieht den Menschen zu einer gewissen Selbstbeschränkung und Selbstbeherrschung und diese sind Voraussetzungen einer Kultur. Da das „Spiel“ i. a. in einer Spielergemeinschaft stattfindet, hat es auch eine soziale Funktion (z. B. Klub-Bildung). „Je mehr das Spiel dazu geeignet ist, die Intensität des Lebens des Einzelnen oder der Gruppe zu erhöhen, umso mehr steigt es zu Kultur auf“ (s. (5), S. 59).</p>
<p>Zum Spiel gehören Fröhlichkeit und Anmut. „Das Kind und das Tier spielen, weil sie Vergnügen daran haben, und darin eben liegt ihre Freiheit&#8230; „Spiel“ ist „freies Handeln“: „Befohlenes Spiel ist kein Spiel mehr“ (s. (5), S. 16).<br />
Das „Spiel“ ist überflüssig – es kann jederzeit ausgesetzt werden oder ganz unterbleiben „Spiel“ ist nicht das „gewöhnliche“ oder das „eigentliche“ Leben: es ist „Nichternst“ (s. (5), S. 16) – was nicht ausschließt, „dass dies „bloße Spielen“ mit größtem Ernst vor sich gehen kann, ja mit einer Hingabe, die in Begeisterung übergeht und die Bezeichnung „bloß“ zeitweilig völlig aufhebt (s. (5), S.17). „Ernst sucht das Spiel auszuschließen, Spiel jedoch kann sehr wohl den Ernst in sich einbeschließen“ (s. (5), S.56).</p>
<p>Das „Spiel“ „spielt“ sich innerhalb bestimmter Grenzen von Zeit und Raum „ab“. „Solange das „Spiel“ im Gange ist, herrscht Bewegung, ein Auf und Nieder, ein Abwechseln, eine bestimmte Reihenfolge, Verknüpfung und Lösung“. Es wird überliefert und kann jederzeit wiederholt werden (s. (5), S. 18).</p>
<p>Das Spiel ist an Regeln gebunden, die nicht gebrochen werden dürfen. So fordert und schafft das „Spiel“ Ordnung.</p>
<p>Beim Spiel kommt es zu einer Interaktion von Zufall und Regeln. „Das Spiel selbst ist weder mit dem Satz seiner Regeln noch mit der Kette von Zufällen, die seinen Ablauf individuell gestalten, identisch. Es ist weder das eine noch das andere, weil es beides zugleich ist und es hat unendlich viele Aspekte – so viele man eben in Form von Fragen hinein projiziert“ ((7) S. 11f).<br />
„Spielen ohne Risiko gibt es nicht. Wer Sicherheit will, spielt nicht. Beim Spielen will man Glück haben und gewinnen. „Zum Glück brauchst du Freiheit. Zur Freiheit brauchst du Mut“ sagt Perikles. Allerdings verliert der die Freiheit, der als Hasardeur russisches Roulette spielt, der um alles oder nichts spielt, wie ein Spielsüchtiger. Auf diesem Gebiet scheinen Dostojewskis Landsleute besonders anfällig zu sein. In Moskau sind nach Einschätzung von Psychologen mehr als 300 000 Moskauer spielsüchtig. Viele russische Autofahrer veranstalten spontane Wettrennen auf den Strassen mit dem Resultat von mehr als 35 000 Verkehrstoten pro Jahr in Russland (nach Peter Laudenbach (8)).</p>
<p>Der Spielausgang ist ungewiss und bietet Chancen; das Spiel ist daher spannend und strebt nach Entspannung. „In dieser Spannung werden die Fähigkeiten des Spielers auf die Probe gestellt: seine Körperkraft, seine Ausdauer, seine Findigkeit, sein Mut, sein Durchhaltevermögen und zugleich auch seine geistigen Kräfte, insofern er sich bei all seinem feurigen Bestreben, das Spiel zu gewinnen, innerhalb der Schranken des Erlaubten halten muss, die das Spiel vorschreibt“ (s. (5), S. 20). Im Spiel gelten andere Gesetze und Gebräuche als im gewöhnlichen Leben (vgl. auch Saturnalien, Karneval, Studentenstreiche, Initiationsfeste etc.). Oft wird diese Sonderstellung des Spiels durch ein Geheimnis hervorgehoben, das nur die Spieler kennen. „Das Anderssein und das Geheime des Spiels findet sichtbarsten Ausdruck in der Vermummung“ ((5), S. 22).</p>
<p>Huizinga fasst die Definition von Spiel so zusammen:</p>
<blockquote><p>„Der Form nach betrachtet, kann man das Spiel also zusammenfassend eine freie Handlung nennen, die als „nicht so gemeint“ und außerhalb des gewöhnlichen Lebens stehend empfunden wird und trotzdem den Spieler völlig in Beschlag nehmen kann, an die kein materielles Interesse geknüpft ist und mit der kein Nutzen erworben wird, die sich innerhalb einer eigens bestimmten Zeit und eines eigens bestimmten Raums vollzieht, die nach bestimmten Regeln ordnungsgemäß verläuft, die von einem Gefühl der Spannung und der Freude, evtl. sogar Begeisterung bzw. „Heiligem Ernst“ begleitet wird und die Gemeinschaftsverbände ins Leben ruft, die ihrerseits sich gern mit einem Geheimnis umgeben oder durch Verkleidung als anders von der gewöhnlichen Welt abheben“ ((5), S.22).</p></blockquote>
<h4><strong>Spielelemente im Gemeinschaftsleben und in der Kultur</strong></h4>
<p>Spiele überführen das Unüberschaubare in Ordnung ohne in ihr zu erstarren. Ein spielerisches Element kann in vielen Bereichen des Gemeinschaftslebens in Erscheinung treten:</p>
<ol>
<li><a href="#gemeinschaft1">im Erlernen und Weiterentwickeln von Fähigkeiten</a></li>
<li><a href="#gemeinschaft2">im Wetteifer und Wettkampf</a></li>
<li><a href="#gemeinschaft3">im Liebesspiel</a></li>
<li><a href="#gemeinschaft4">in Rollenspielen</a></li>
<li><a href="#gemeinschaft5">in Kultspielen und Festen</a></li>
<li><a href="#gemeinschaft6">in der Wirtschaft und Politik</a></li>
<li><a href="#gemeinschaft7">im Rechtstreit</a></li>
<li><a href="#gemeinschaft8">bei Jagd und Krieg und Sport</a></li>
<li><a href="#gemeinschaft9">in Philosophie und Wissenschaft</a></li>
<li><a href="#gemeinschaft10">in Dichtung, Musik und anderen Künsten</a></li>
<li><a href="#gemeinschaft11">in der Freizeit</a></li>
<li><a href="#gemeinschaft12">bei der Arbeit<7>, (<a href="#gemeinschaft12a">(12a) bei Arbeitslosigkeit</a>)</a></li>
</ol>
<p><a id="gemeinschaft1"></a><u>Zu (1): Erlernen und Weiterentwickeln von Fähigkeiten</u><br />
Die Funktion des Spiels ist – nicht nur beim Kind &#8211; die Einübung von Fertigkeiten und Rollen. Im Spiel erfahren wir unsere Emotionen und lernen Frustrationen auszuhalten.</p>
<p><a id="gemeinschaft2"></a><u>Zu (2): Wetteifer und Kampf</u><br />
Auch die Jagd, der nicht um die nackte Existenz geführte Kampf und manche Initiationsriten sind bzw. waren ein an bestimmte Regeln gebundenes Erproben der Fähigkeiten, der Geschicklichkeit und des Mutes &#8211; ein Wettkampf eben. Man will gewinnen, aber dabei geht es vorrangig um etwas Ideelles. Wichtig ist, dass das Spiel als solches gelingt, so dass alle Teilnehmer (und die Götter) befriedigt bzw. beglückt sind (s. (5), S. 58). Beim Gewinnen geht es darum Ansehen und Ehre erlangen. Das wird auch besonders bei den Potlatch-Spielen deutlich. Mit dem Sieg wird auch das Spiel und seine Spielregeln verherrlicht – und nicht nur das. „Mit jeder gut durchgeführten Feierlichkeit, jedem gewonnen Spiel oder Wettkampf und besonders mit den heiligen Spielen ist für die archaische Gemeinschaft die intensive Überzeugung verbunden, dass durch sie eben für die Gruppe Heil und Segen erworben wird.“ (s. (5), S. 66). „Jeder Sieg vergegenwärtigt, d. h. verwirklicht für den Sieger den Triumph der guten Mächte über die bösen und bewirkt so das Heil der Gruppe.“ Auch das reine Glückspiel kann so göttliches Wirken bedeuten und göttlichen Willen anzeigen (s. (5), S. 68). Die heutige Form des Wettkampfes, der Sport, von Frankl als die moderne Form der Askese bezeichnet, lässt den früheren sakralen Charakter des Spiels nicht mehr so deutlich hervortreten. Bemerkenswert ist aber seine starke Identität stiftende Wirkung. Auch ist die Einhaltung der Regeln „heilig“. Ein Spiel muss immer ein „fair play“ sein, ansonsten ist es ein „falsches Spiel“ und verstößt somit gegen die Ordnung und ist dann auch kein Spiel mehr.</p>
<p>„Vom Kinderleben an bis zu den höchsten Kulturbestätigungen wirkt als eine der mächtigsten Triebfedern zu Vervollkommnung des einzelnen und seiner Gruppe der Wunsch, seiner Vortrefflichkeit wegen gepriesen und geehrt zu werden“ „Zur Ablegung des Beweises der Überlegenheit dient der Wetteifer, der Wettstreit“ (s. (5), S. 75). Der Ehre würdig erweist man sich durch seine Tugend – ein Wort, das von „taugen“ kommt, so wie das entsprechende griechische Wort Arete (’αρετή) von Aristos (’άριστος), „der Beste“, oder der entsprechende lateinische Begriff virtus von „männlicher Tapferkeit“. „Kraft und Gesundheit sind die Tugenden des Körpers, Klugheit und Einsicht die des Geistes“. Weiter meint Aristoteles: „Die Menschen streben nach Ehre, um sich von ihrem eigenen Wert, ihrer Tugend, zu überzeugen. Sie streben danach, von Urteilsfähigen auf Grund ihres wirklichen Wertes geehrt zu werden ((9), zitiert in (5)).“ „Spiel ist Kampf und Kampf ist Spiel“. So gesehen ist jede Prüfung ein Wettkampf. Da nach Viktor Frankl das Leben Aufgabencharakter hat, könnte man das ganze Leben als Wettkampf-Spiel ansehen. Aber dann gibt es keine Grenzen mehr zwischen Spiel und Ernst und der Begriff des Spiels wäre überflüssig.</p>
<p><a id="gemeinschaft3"></a><u>Zu (3): Liebesspiel</u><br />
Das Minnespiel, die Liebeswerbung, der Anreiz zur Paarung, erfolgen spielerisch. Beispiele dafür sind das Bewältigen von Aufgaben, das Aufrichten von Hindernissen (z. B. das Lösen von Rätseln), Scheinkämpfe (z. B. die jap. Kissenschlacht (Shindai Sutram)), das Überraschen, das Sich-zieren etc. (vgl. auch (5), S. 54).</p>
<p><a id="gemeinschaft4"></a><u>Zu (4): Rollenspiele</u><br />
Nicht nur in der Partnerbeziehung sondern allgemein im sozialen Leben und – last not least – auch bei den heiligen Handlungen finden Rollenspiele statt. Rollenspiele mit Verkleidungen erfreuten die Menschen schon früher z. B. bei Tournieren, Karussels, Schäferspielen und sonstigen Mummenschanz und heute noch im Karneval und bei der Mode. Nach Virginia Satir (10) trägt jedes Mitglied einer Gruppe mehrere „Hüte“, d. h. er spielt verschiedene Rollen gleichzeitig. Auch bei der Kommunikation konkurrieren verschiedene „Rollen“ miteinander  wie z. B. beim „inneren Team“ nach Friedemann Schulz von Thun ((11)).</p>
<p><a id="gemeinschaft5"></a><u>Zu (5): Kultspiele und Feste</u><br />
„Im Spiel „spielt“ etwas mit, was über den unmittelbaren Drang nach Lebensbehauptung hinausgeht und in die Lebensbetätigung einen Sinn hineinlegt. …. Mit dem Spiel erkennt man den Geist. .. Spielend springt der sprachschöpferische Geist immer wieder vom Stofflichen zum Gedachten hinüber. Hinter jedem Ausdruck für etwas Abstraktes steht eine Metapher und in jeder Metapher steckt ein Wortspiel“ schreibt Huizinga. Durch Metapher und Mythos wird eine zweite Welt neben der Natur erschaffen. Die Götter, das kosmische Geschehen und das Leben werden durch Spiel gedeutet und bei Festen im Spiel nachgeahmt. Magische Praktiken sollen das chaotisch Dunkle und Irrationale in eine heilsame Ordnung bringen. An diesem Kult-Spiel nimmt in der Regel die ganze Gemeinschaft teil und erfährt durch die Verbildlichung des heiligen Geschehens und durch seine stellvertretende Verwirklichung ihre Identität. Manchmal müssen in einem fest gelegten Rahmen besondere Aufgaben gelöst und Kämpfe bestanden, d. h. Spiele gewonnen werden – wie z. B. auch bei Initiationsriten und Brautwerbung (s. (5) S. 12-13).</p>
<p><a id="gemeinschaft6"></a><u>Zu (6): Rechtsstreit</u><br />
Auch der Rechtsstreit ist ein an feste Regeln gebundener, an einem „geheiligten Ort“ ausgetragener Wettstreit, bei dem es oft vorwiegend um den Gewinn von Ehre  und „das Prinzip“, also die geheiligte Ordnung, geht. Gekämpft wird mit Worten und der Ausgang ist oft ungewiss – wie bei einem Glücksspiel. Früher hat sogar das Los, ein Glückspiel, ein Gottesurteil, ein Orakel, ein Kampf, ein Duell &#8211; auf jeden Fall ein Spiel entschieden und die (Rechts-) Ordnung wiederhergestellt – und damit, archaisch gedacht, dem Willen der Götter genügt (vgl. (5) S. 89ff).</p>
<p><a id="gemeinschaft7"></a><u>Zu (7): Kampf, Jagd und Sport</u><br />
Der Kampf mit den Waffen, sofern er beschränkenden Regeln folgt und den Gegner als gleichberechtigt anerkennt, hat den Charakter eines Wettkampfes bzw. eines Rechtsstreits, in dem es auch immer um Ruhm und Ehre geht. Gelten keine einschränkenden Regeln mehr und wird der Gegner als minderwertig angesehen wie z. B. beim Überfall, beim Partisanenkrieg, beim Genozid oder beim totalen Krieg, so geht mit den Spielmodalitäten auch der letzte Rest von Menschlichkeit im Krieg verloren.  Dem gegenüber steht das Ideal vom Helden, vom Ritter, vom Samurai, der die Auffassung vertritt, „dass das, was für einen gewöhnlichen Menschen Ernst ist, für den Tapferen nur Spiel sei“ – aber dafür eben oft ein heiliges Spiel.  ((5) S. 116). Den Ritter und Samurai zeichnen Mut und Treue aus. „Treue ist die Hingabe an eine Person, Sache oder Idee, ohne die Gründe für diese Hingabe weiter zu diskutieren“ ((5) S. 117). Das hat die Treue mit der Liebe, aber auch mit dem Wesen des Spiels gemein.<br />
Während heute der Krieg nicht mehr diesen heiligen, nicht hinterfragbaren Regeln folgt, hat in unserer Zeit der Sport, der sportliche Wettkampf, die Rolle des ritterlichen Kampfes der Helden um Ruhm und Ehre übernommen, was auch dadurch deutlich wird, dass hier die Sprache des Kampfes gesprochen wird: es wird geschossen, gekämpft, bezwungen, gesiegt etc.</p>
<p><a id="gemeinschaft8"></a><u>Zu (8): Wirtschaft und Politik</u><br />
Im Barock und Rokoko wird das der Politik eigene spielerische Element in der Kabinettspolitik mit ihren Intrigen und Abenteuern und der Bildung von Klubs und Geheimbünden besonders deutlich. „Die Politik hat immer noch recht viel von einem Glücksspiel an sich, und das Herausfordern und Aufreizen, das Bedrohen und Beschimpfen des Gegners, das Riskieren, wie weit zu gehen er sich wohl getrauen mag, ist in ihr in reichlichem Maße vorhanden“ ((5), S. 202).</p>
<p>„Der Handelswettbewerb blieb anfangs in seinen Formen primitiv….Erst durch den modernen Verkehr, die kaufmännische Propaganda und die Statistik wird der Handelswettbewerb intensiv“ (z. B. “Blaues Band“) ((5) S. 216). Spielerische Elemente tauchen in der Werbung und in Kreativitäts-Workshops auf, die Innovationen fördern sollen. Man denke z. B. an das Brainstorming-Seminar, bei dem es darum ging, Walnüsse so zu knacken, dass die unter der Schale liegende Nussfrucht nicht beschädigt wurde. Über den spaßigen, spielerischen Gedanken, ein Männchen in die Nuss zu bringen, der von innen die Nuss öffnen sollte, kam man zur Lösung, das Problem mit in die Nuss geleiteter Pressluft zu sprengen. Jens Bergmann berichtet, dass kürzlich das still gelegte Bergwerk Göttelborn im Saarland mit 100 Mio € „Spielgeld“ zu einem Ideen-Spielfeld umgestaltet wurde. Wissenschaftler, Studenten, Künstler und hoch begabte Kinder wurden eingeladen, um Wissen, Kreativität, Ideen und deren Verarbeitung zu Tage zu bringen. Im Spielfeld Göttelborn übernehmen die Mitspieler unterschiedliche, im Konflikt liegende Rollen wie Bürgermeister, Projektleiter, Investoren etc und spielen ein Spiel, ähnlich wie „Monopoly“ oder die „Siedler von Catan“. Gewinner ist der, der genügend Mitstreiter findet und der so am weitesten mit seinen Plänen kommt. Dieses Spiel erbringt keine verwertbaren Ergebnisse, sondern transportiert nur die Botschaft: „Hier darf man spinnen!“ Und das lockt angeblich interessante Leute mit Ideen an. Im Stadtteil Schulzenfeld von Völklingen mit einer in Auflösung und Verfall liegenden Werkswohnsiedlung ist Spielen mit Planung und Architektur erlaubt: In dem Spiel „Anliegen frei“ „darf an-, um- und neu gebaut werden, solange der Gesamteindruck nicht leidet….  Die Mitspieler schlagen unabhängig voneinander ihre Anliegen vor, bewerten sie alle gegenseitig und handeln die Realisierung aus. Je positiver eine Idee bewertet wird, desto mehr soziale Rendite kann mit ihrer Umsetzung erzielt werden. Das Ergebnis sei eine „Art Entscheidungsökonomie“ für die Bewohner der Siedlung. Ein Vorteil des Spiels sei seine Unverbindlichkeit, die die Freiheit zu denken ermöglicht. Entsprechendes wurde in Leipzig entwickelt: das Netzwerk Südost und das von dem Tischler, Sozialarbeiter und Regionalmanager Georg Pohl erfundene, von der Unesco ausgezeichnete Spiel „Xaga“ (Herstellung von Häusern, Fabriken, Parks etc. aus Knetgummi). Pohl ist „davon überzeugt, dass Spiel für viele gute Zwecke nützlich sind: Stadtentwicklung und Stadtmarketing, Jugendarbeit, Personalentwicklung – die ganze Welt lasse sich auf spielerische Weise verbessern.“  Managementberater Tom Werneck meint sogar: „Spiel und spielerische Verfahren werden unsere Gesellschaft schon in kurzer Zeit einschneidender verändern als der Computer in den vergangenen 30 Jahren.“ (12). Eine schon in den 20-er Jahren verwirklichte Idee einer Spiel-ähnlichen Parallel-Ökonomie sind die Tauschringe.</p>
<p><a id="gemeinschaft9"></a><u>Zu (9):  Philosophie und Wissenschaft</u><br />
Nach festen Regeln gekämpft wird nach Huizinga auch im gegenseitigen Fragenstellen, im Wettstreit, die Rätsel der Welt zu lösen, im wissenschaftlichen Streitgespräch und Diskurs (z. B. Martin Luther und Johannes Eck). In der archaischen Religion und in der Philosophie geht es um den Streit zwischen polaren Urgegensätzen. Der Stil und die Form dieses Streites haben viel mit dem Spiel gemeinsam. Dieser wissenschaftliche, philosophische Wettkampf schafft Ordnung in einer komplexen, sonst unbegreiflichen Welt. Mehr zur Unterhaltung stellen die Sophisten ihren Scharfsinn zur Schau in Wortfechtereien und mit ihren Fertigkeiten, andere durch Fallstrickfragen reinzulegen. „All diese Fangschlüsse beruhen auf der Bedingung, dass das Feld logischer Gültigkeit stillschweigend auf einen Spielraum beschränkt wird, von dem man annimmt, dass der Gegner sich an ihn hält, ohne ein „Ja, aber!“, das das Spiel verdirbt, einzuwerfen.“ ((5) S. 163). Man denke an den Witz: „Du hast Hörner, denn du hast ja keine Hörner verloren – also hast du sie noch!“ ((5) S. 169). Mit den Sophisten und anderen griechischen Philosophen beginnt eine philosophische und wissenschaftliche Polemik-Kultur, in der sich oft spitzfindig argumentierende Redekunst mit spielerischem Wettkampf paaren und die sich über das Zeitalter der Scholastik und des Humanismus, über die Salons des Rokoko bis in die Neuzeit erstreckt. Wissenschaftliche Versuche haben viel mit Spiel gemeinsam. „Der Urquell aller technischen Errungenschaften ist die göttliche Neugier und der Spieltrieb des bastelnden und grübelnden Forschers“ sagt Albert Einstein ((13) zitiert nach (5)).</p>
<p><a id="gemeinschaft10"></a><u>Zu (10): Dichtung, Musik, Tanz und andere Künste</u><br />
Eine besondere, Ordnung stiftende Funktion hat die Dichtung und die Musik. „Zauber-sprüche,  sakrale Gesänge, Lyrik, Komödien (entstanden im Rahmen der Dionysosfeste!) Tragödien (gespielter Gottesdienst àKatharsis!), Minnewettstreit, Lehrgedichte, Per-sonifizierungen von Abstrakta, Schaffung von Allegorien, großes Welttheater – alles erwächst im Spiel: „im heiligen Spiel der Gottesverehrung, im fantastischen Mythus, im festlichen Spiel der Werbung, im streitbaren Spiel des Wetteiferns auch mit Prahlen, Schimpf und Spott, im Spiel des Scharfsinns und der Fertigkeit“ ((5) S. 142). Die Sprache spielt  „linkshirnig“ mit Bildern und die Musik „rechtshirnig“ mit Stimmungen. „Wer „Sprachdorn“ für Zunge, „Boden der Windhalle“ für Erde, „Baumwolf“ für Wind sagt, gibt seinen Hörern damit ein poetisches Rätsel auf, das sie stillschweigend lösen“ ((5) S. 149).</p>
<p>Die Welt der Dichtung ist anders als die Realität, aber geheimnisvoll und spannend – genau wie das Spiel. Sie spielt auch mit wahnsinnigen Übertreibungen, Prahlereien, Scherz, Witz und Spott. Sie findet immer wieder statt im Rahmen von Wettkämpfen (in der Antike und auch bei uns: Sängerstreit auf der Wartburg, Meistersinger, Bestseller-Listen!).</p>
<p>Das Lyrische ist mit seiner Sprachmelodie und seinem Sprachrhythmus dem Tanz und der Musik am nächsten ((5) S. 157). Die Musik ist aber eng mit  der kultischen Feier des Sakralen verbunden. In Platons „Gesetzen“ heißt es: „Die Götter haben aus Mitleid für die zum Leiden geborene Menschheit als Ruhepausen für ihre Sorgen Dankesfeste eingesetzt und den Menschen die Musen, Apollo, den Musenführer, und Dionysos als Festgenossen gegeben, damit dadurch diese göttliche Festgemeinschaft die Ordnung(!) der Dinge unter den Menschen stets wiederhergestellt wird“. Platon weist weiterhin darauf hin, „wie alle jungen Geschöpfe ihren Körper und ihre Stimme nicht stillhalten können, wie sie vor Vergnügen sich bewegen und Lärm machen, springen, hüpfen, tanzen und allerlei Laute ausstoßen müssen.“  „Die Tiere aber kennen in allem diesen nicht den Unterschied zwischen Ordnung und Unordnung, der Rhythmus und Harmonie heißt. Uns Menschen ist durch die Götter, die uns als Genossen im Reigen beschieden sind, die von Genuss begleitete Unterscheidung von Rhythmus und Harmonie gegeben“ ((14) zitiert nach (5)). Musik war zuerst „heilige Potenz“ und „emotionale Erregung“, später „sinnvolle Lebenserfüllung“ und „Ausdruck eines Lebens-gefühls“ ((5), S. 204).</p>
<p>Friedrich Schiller nahm an, dass der Mensch durch seinen Spieltrieb die Kluft zwischen der Verankerung in der Wirklichkeit (durch seinen sinnlichen Trieb) und den Prinzipien der Ordnung und Moral (durch seinen Formtrieb) überwinden kann, indem er im Spiel beides verbindet. Spiel hat nach Schiller eine zugleich ästhetische und moralische Qualität. „Der sinnliche Trieb will, dass Veränderung sei, dass die Zeit einen Inhalt habe; der Formtrieb will, dass die Zeit aufgehoben, dass keine Veränderung sei.“ Der Spieltrieb sei nun „dahin gerichtet, die Zeit in der Zeit aufzuheben, Werden mit absolutem Sein, Veränderung mit Identität zu vereinbaren“ ((15) S. 315 (Schiller 14. Brief)). Der sinnliche (Stoff-)Trieb ist auf Erhaltung des Lebens, der Formtrieb auf Bewahrung der Würde ausgerichtet ((15) S. 319 (Schiller 14. Brief)). „Die Schönheit ist das gemeinschaftliche Objekt beider Triebe, d. h. des Spieltriebs. … Da sich das Gemüt bei Anschauung des Schönen in einer glücklichen Mitte zwischen dem Gesetz und dem Bedürfnis befindet, so ist es eben darum, weil es sich zwischen beiden teilt, dem Zwange sowohl des einen als des anderen entzogen“ ((15) S. 319 (Schiller 14. Brief)). „Der Mensch soll mit der Schönheit nur spielen, und er soll nur mit der Schönheit spielen. Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ ((15) S.320 Schiller 15. Brief).</p>
<p>Das Nichtdeterminierte und das Mysterium sind nur in der Kunst, im Symbol, im Spiel erfahrbar. Insofern ist auch eine „Theologia ludens“, der in der Evangelischen Akademie Bad Boll eine umfangreiche Fortbildungsveranstaltung gewidmet war, eine logische Konsequenz.</p>
<p>Auch wenn die plastische Kunst, die Malerei und die Architektur nicht durch die 9 Musen vertreten wurden, weil diese Künste mehr als Handwerk angesehen wurden, so kann doch das spielerische Element bei diesen Künsten nicht übersehen werden. Man denke nur an Moore, Picasso, Klee, Hundertwasser, die Wasserspeier an den gotischen Kathedralen, die Lust-Pavillons des Rokoko, die Irrgärten und Parks, die mit der Natur spielen. Kunst und Technik, Fertigkeit und Formenskraft liegen in der archaischen Kultur noch ungeschieden in dem ewigen Trieb, zu übertreffen und einen Sieg zu erringen.“ So wohnt auch dem Kunststück, dem Probestück, dem Meisterstück ein Spielelement bei. Von Anfang an hat das „heilige“ Kunstobjekt, der Tempel, der Dom, eine Spieler-Gemein-schaft (Schüler, Freimaurer) um einen Meister versammelt, wie es auch heute die verschiedenen Kunstrichtungen tun, die auf „ismus“ enden (5).</p>
<p><a id="gemeinschaft11"></a><u>Zu (11): Freizeit</u><br />
Die Freizeit kann der „Zerstreuung“ (evtl. der „Dereflexion“) und körperlich-psychischer Erholung dienen. Sie kann aber auch zur geistigen Erfrischung genutzt werden. Das meint Aristoteles, wenn er die Muße als den Urgrund von allem bezeichnet, die der Arbeit vorzuziehen und ihr Ziel (τέλος) ist. „Der Genuss (der das Glück bringt) ist dann der beste, wenn der Mensch, der genießt, der beste ist und wenn sein Streben das edelste ist“ ((16) zitiert nach (5)).  Es geht um die Entfaltung der Persönlichkeit in der sozialen Gemeinschaft (πόλις) durch die Entwicklung der Tugenden. Dazu gehört insbesondere, dass man sich geistig mit Dingen beschäftigt, die keinen unbedingt praktischen Nutzen haben, dass man also „spielt“ wie z. B. beim musischen Spiel oder beim philosophischen Gespräch (Symposion). Die Griechen sprechen von Scholē (σχολή). σχολή heißt eigentlich: Anhalten, Rast und sie sagen Scholēn agein (σχολήν ’άγειν), d. h. Muße aktiv verbringen (’άγειν= eine bestimmte Richtung geben), wenn sie ausdrücken wollen, dass sie die Muße bzw. Zeit genießen wollen. Es handelt sich bei der σχολή nicht nur um freie Zeit „von“, sondern in erster Linie um freie Zeit „zu“ etwas.</p>
<p>Wir leben in einer Freizeit-Gesellschaft, in der naturgemäß Spielen einen hohen Stellenwert genießt. Hier werden Spiele über Spiele angeboten, auch solche, die ein Parallel-Leben ermöglichen: z. B. paradiesisches Leben in Clubwelten (Club Med) oder ein Leben in einem virtuellen Parallel-Universum zusammen mit 330 000 Mitspielern  bei dem offenen Multiplayer-Online-Rollenspiel „Second Life (SL)“, bei dem sich jeder Mitspieler die absurdesten Wünsche erfüllen kann. Das Spiel bietet „Freiheit bei gleichzeitiger Strukturierung des sozialen Austausches durch Regeln, auf die sich alle Beteiligten verständigt haben“. (17). Und so werden heutzutage immer neue Spiele, vor allem elektronische Spiele, erfunden und damit die Kindheit fortgesetzt und gleichzeitig die kindliche Kreativität eingeschränkt!</p>
<p><a id="gemeinschaft12"></a><u>Zu (12): Arbeit</u><br />
Zunächst scheinen sich Arbeit und Spiel genauso gegensätzlich zueinander zu verhalten wie Ernst und Spaß. Immerhin kann aber – wie das Spiel &#8211; Arbeit Spaß machen und bei vielen Künstlern und Wissenschaftlern lagen schon immer Arbeit, Spiel und Spaß nahe bei einander. Mihaly Csikszentmihalyi stellte fest, dass Nobelpreisträger und andere kreative Persönlichkeiten der Meinung waren, sie hätten eigentlich in jeder Minute ihres Lebens gearbeitet. Genau so gut ließe sich aber auch sagen, dass sie keinen Tag in ihrem Leben gearbeitet hätten (18). Die Arbeit war für diese Personen offenbar nicht lästig, sondern lustvoll – vielleicht wie ein Spiel.</p>
<p>Es bestehen eben oftmals mehrere Gründe nebeneinander für meine Arbeit, die dann bei mir ganz unterschiedliche Empfindungen auslösen können. Ich kann meine Arbeit unter unterschiedlichen Aspekten betrachten:</p>
<ul>
<li>Arbeit als Mühe</li>
<li>Arbeit als Notwendigkeit und Zwang</li>
<li>Arbeit als Kraft- und Kompetenztraining</li>
<li>Arbeit als Hilfe bei der Strukturierung der Zeit</li>
<li>Arbeit als Selbstbestätigung</li>
<li>Arbeit als Notwendigkeit für Karriere und Image-Zuwachs</li>
<li>Arbeit als Vorwand</li>
<li>Arbeit als Spiel</li>
<li>Arbeit als Zeitvertreib und Abwechselung</li>
<li>Arbeit als Unterhaltung und Kontaktvermittlung</li>
<li>Arbeit als Glückserlebnis (= „Flow“ nach Mihaly Csikszentmihalyi)</li>
<li>Arbeit als Herausforderung und befriedigende Sinnstiftung</li>
</ul>
<p>Wenn ich Arbeit z. B. nur und ausschließlich als Mühe empfinde, wird es mir schwer fallen, in dieser Arbeit einen Sinn zu sehen. Es kann mir aber eine Arbeit große Mühe machen und für mich doch zugleich sehr sinnvoll sein. Gerade dann, wenn ich mich maximal bei einer solchen Arbeit eingebracht habe, kann sich bei oder nach der Arbeit ein Gefühl von Zufriedenheit und Glück oder ein „Flow“-Erlebnis einstellen. Es fällt dagegen schwerer, einen Sinn in einer Arbeit zu erkennen, die für mich nur einen Zeitvertreib darstellt. Zwischen „Arbeit als Mühe“ und „Arbeit als Zeitvertreib“ ist irgendwo „Arbeit als Spiel“ angesiedelt.</p>
<p>Der „Flow“-Forscher Csikszentmihlyi weist darauf hin, dass Arbeit viel eher Spielcharakter hat als die meisten anderen Tätigkeiten; denn bei beiden gibt es:</p>
<ul>
<li>klare Ziele und Ausführungsregeln</li>
<li>Feedback</li>
<li>Konzentration und keine Ablenkung</li>
<li>Kontrolle über die Aufgabenerledigung.</li>
</ul>
<p>Wie bereits erwähnt wurde, hat die künstlerische und die wissenschaftliche Arbeit viel mit dem Spiel gemeinsam. Sie widmet sich zyklusartig bestimmten Projekten. Sie weist oft eine gewisse Freiwilligkeit auf, sie gewährt einen Handlungsfreiraum, sie bietet Möglichkeiten, seine  Kreativität entfalten zu können, und sie vermittelt relativ häufig Befriedigung, „Flow“-Erlebnisse und Freude an den Ergebnissen. Gerade bei künstlerischer und wissenschaftlicher Arbeit wird  mit jeder vollendeten Arbeitsphase ein Zuwachs an Erfahrungen und Fähigkeiten gewonnen, der für den weiteren beruflichen Werdegang förderlich ist. Künstlerische und wissenschaftliche Arbeit weist also sehr häufig fast alle Aspekte eines „Spiels“ auf.</p>
<p>Als extremes Beispiel dafür, wie nahe Arbeit, Spiel und Sinnfindung beieinander sein können, möchte ich den Bericht von Marten DeVries aus einer Niederländischen Psychiatrie anführen, so wie ihn Csikszentmihlyi mitteilt ((18) S. 57-58). Bei den in dieser Klinik routinemäßig durchgeführten Testen auf „Flow“-Erlebnisse (mit der Experience Sampling Method) fiel bei einer an chronischer Schizophrenie leidenden, schon seit über 10 Jahren hospitalisierten Patientin in zwei Testen auf, dass sie einigermaßen positiv gestimmt gewesen war, als sie sich die Fingernägel geschnitten hatte. Daraufhin wurde diese Patientin von einer Maniküre angeleitet, so dass sie auch anderen Mitpatienten die Nägel schneiden konnte. Mit deutlich gebesserter Stimmungslage konnte sie schließlich entlassen werden und sich als selbstständige Nagelpflegerin selbst versorgen. War für sie das soviel Spaß bereitende Nagelschneiden ein Spiel oder war es Sinnerfüllung? Wer weiß! Vielleicht war es beides zugleich.</p>
<p>In der modernen Arbeitswelt kommt es öfter, dass sich Arbeit und Spiel nicht mehr scharf voneinander trennen lassen, z. B. beim Sport, in der Unterhaltungsindustrie, im Multi-Media-Bereich, beim Marketing etc. Die Konkurrenz in der heutigen Wirtschaft bewirkt in zunehmenden Maße eine Wettkampf-Situation. Dieses Wettkampf-Spiel weitet sich dann meist auch auf die Mitarbeiter einer Firma aus.</p>
<p>Moderne Arbeit erfordert immer weniger eine auf die ganze Lebensarbeitszeit ausgerichtete Berufausbildung, dafür aber immer mehr Flexibilität und  Ausweitung der Fertigkeiten, um einen neuen Arbeitszyklus beginnen zu können. Nach Steinbuch ist die Bereitschaft des Menschen, sich belehren zu lassen, gering. Dagegen ist sein Spieltrieb unbändig. Daher lernt er spielend am leichtesten. Das Spiel macht zudem den Menschen offen für die Gemeinschaft der Mitspieler und fördert somit die soziale Vernetzung. So lässt z. B. der Geschäftsführer der Unternehmensberatung Frankfurt Economics Führungskräfte mit Lego-Steinen spielen. Das „Lego Serious Play“ ist für ihn „ein Werkzeug, mit dem wir bei Teamfindungsprozessen und bei der Strategiefindung arbeiten“. Die Spielsituation soll „verhärtete Routinen und Denkblockaden aufbrechen“ (17).  Das Spiel bietet – wie das Kinderspiel &#8211; die Möglichkeit, sich die heute geforderte Flexibilität und Beherrschung immer neuer Fertigkeiten anzueignen. Moderne Arbeit ist sehr stark auf dynamische Kommunikation und soziale Kooperation ausgerichtet. Man spricht sogar von einem globalen „Kommunikations-Zeitalter“. Der Computer und das Internet sind die Spielwiese und zugleich Kulturplattform und Arbeitsfeld für den „global player“. Wieder besteht also eine Parallele zum Spiel. Inwieweit Unabhängigkeit von äußeren Zwecksetzungen und Zwängen, Handlungsfreiheit und Spaß bei der Arbeit realisierbar sind, hängt sehr stark von den Arbeitsbedingungen, aber auch von der inneren Einstellung des Arbeitenden ab!</p>
<p>Es gibt Beispiele, die Menschen uns geschenkt haben, die zeigten, dass selbst unter extremen Arbeitsbedingungen mit viel Zwang, wenig Handlungsfreiheit und fehlendem „Spaß“  Arbeit gewissermaßen als Spiel aufgefasst und dadurch besser bewältigt werden kann.</p>
<p>Als erstes derartiges Beispiel möchte ich das Spiel-Verhalten des Fließbandarbeiters Rico anführen, das Csikszentmihlyi in seinem Buch „Lebe gut!“ ((18) S. 139-140) beschreibt. Rico hatte am Fließband vierhundertmal am Tag im 43 Sekunden-Takt das Lautsprechersystem von Kameras zu prüfen – eigentlich eine langweilige Arbeit. Aber „mit der Eleganz eines Virtuosen“ experimentierte er solange, bis er die Überprüfungszeit jeder Kamera auf 28 Sekunden gesenkt hatte. „Auf diesen Erfolg war er ebenso stolz, wie es ein Olympiasportler gewesen wäre, wenn er die gleiche Anzahl von Jahren damit verbracht hätte, die 44-Sekunden-Marke im 100-Meter-Lauf zu unterschreiten.“  Rico stimulierte übrigens dieser Erfolg, sich in einer Abendschule in Elektrotechnik beruflich weiter zu bilden.<br />
Ein Beispiel für ein Spielanalogon unter Extrembedingungen findet sich in Viktor Frankls Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ (19). Frankl schreibt, er habe sich während der mörderischen Arbeit im KZ intensiv vorgestellt, er würde in einem gepflegten Hörsaal einen Vortrag halten über das, was er da gerade bei dieser Arbeit erlebt. Er behauptet, dass es ihm infolge dieses Gedanken-„Spiels“ gelang, sich von der ganzen Pein ein wenig zu distanzieren und so einen wichtigen Beitrag zu seinem Überleben zu leisten.</p>
<p>Diese beiden Beispiele zeigen uns, dass es vorteilhaft sein kann, auch da noch bei der Arbeit nach Spiel-Aspekten zu suchen, wo wir gewöhnlich die gedankliche Verknüpfung mit einem „Spiel“ weit von uns weisen würden. Gar zu häufig pflegen wir das Spiel abzuwerten und es ausschließlich als etwas nicht Ernsthaftes, nicht Nützliches oder gar Verwerfliches anzusehen &#8211; wahrscheinlich eine Folge der sich immer stärker durchsetzenden calvinistischen und pietistischen bürgerlichen Arbeitsethik, denn bis in das 18. Jahrhundert hatte das Spiel – zumindest in der höfischen Kultur – einen beachtlichen Stellenwert.</p>
<p>Bei Diskussionen über das Thema „Arbeit als Spiel“ zeigte sich, dass Frauen sich viel schwerer damit tun, der Arbeit Aspekte eines Spiels abzugewinnen als Männer, obwohl Csikszentmihalyi meint, dass für viele Frauen Arbeit eher etwas für sie Freiwilliges sei und sie deswegen laut bestimmter Umfragen auch mehr Freude an ihrer Arbeit hätten. Wenn somit Frauen theoretisch eher ihre Arbeit als Spiel erleben könnten, scheinen gerade Frauen sich vehement dagegen zu wehren, ihre Arbeit mit Spielaspekten zu verknüpfen. Das mag daran liegen, dass der Frauenarbeit in der Evolution vorwiegend eine erhaltende und ernährende (trophotrope) Funktion zukam, während Männerarbeit mehr eingreifend schöpferisch (ergotrop) ausgerichtet war. Eine mehr auf Veränderung der Außenwelt orientierte schöpferische ergotrope Aktivität profitiert vom Spiel erheblich stärker als eine auf Bewahrung und Erhaltung bedachte konservative trophotrope Tätigkeit. Das mag der Grund dafür sein, warum Männer so oft wahre Spielkälber sind, Frauen dagegen eher selten!</p>
<p>Nicht bei jeder Arbeit mag die Verknüpfung mit dem Spiel gelingen. Natürlich kann man auch nicht unter Zwang spielen und Spaß haben. So stellte es eine zynische Doppelbindung dar, wenn man von seinen Angestellten auf Befehl „Leistung aus Leidenschaft“ und damit eine Spieler-Mentalität fordert. Trotzdem lohnt es sich bei fast jeder Arbeit nach vielleicht verborgenen Spiel-Momenten zu suchen, denn Flexibilität und Kreativität ist heutzutage so gefragt wie nie zuvor, weil es immer seltener eine lebenslange Fixierung auf eine bestimmte Arbeit geben wird und Beruf immer weniger als Berufung angesehen werden kann, sondern nur noch als Job. Die Jugend stellt sich offenbar darauf ein. Zumindest scheint ihre (nicht sexuelle) „Pubertät“ heute bedeutend länger anzudauern. Eine protrahierte Kindheit bietet eine längere „Spielphase“ mit der Möglichkeit, mehr Fähigkeiten und Flexibilität zu erwerben.</p>
<p>Auf jeden Fall setzt sich die Wirtschaftswelt intensiv mit dem Spielerischen auseinander – und das nicht nur in Assessmentcentern und bei der Personal- und Organisationsentwicklung. Man bemüht sich, bei der Arbeit entstandene interaktive Problemsituationen durch das Spiel zu verstehen und mit Hilfe des Spiels Flexibilität zu entwickeln und kreativ nach Lösungen zu suchen. Der Homo ludens schafft mehr Möglichkeiten als der gewöhnliche homo faber – egal ob diese Möglichkeiten sofort, später oder gar nicht realisiert werden!</p>
<p>Die Wirtschaft hat die Bedeutung des Spiels erkannt. So ist es sicher kein Zufall, dass schon zweimal der Wirtschafts-Nobelpreis für Weiterentwicklung der Spieltheorie vergeben wurde. Gerade im letzten Jahr erhielten ihn wieder zwei  Spieltheoretiker, nämlich Robert Aumann und Thomas Schelling.</p>
<p>Es gibt noch einen weiteren Gesichtspunkt, der es nahe legt, Arbeit aus der Perspektive des Spiels zu betrachten. Heutzutage wird viel weniger für den notwendigen Gebrauch, dafür aber mehr für den Überfluss, für den Luxus und für den Spaß produziert! Arbeit dient dann häufig dem Spiel! Selbst Firmen, die einen praktischen Gebrauchsgegenstand herstellen, bieten zugleich Erlebniswelten an bis hin zum Funpark (z. B. VW). Die Erlebnis- und Spaßgesellschaft ist auch eine Spieler-Gesellschaft!</p>
<p>Für viele Spiele ist das Eingehen eines Risikos charakteristisch. Zumindest besteht fast bei jedem Spiel das Risiko, das Spiel verlieren zu können – abgesehen von Gedanken-Spielen.<br />
Mit einer Spieler-Mentalität wird Risikobereitschaft gefördert. Diese muss der Produzent eingehen, wenn er investiert und neue Produkte entwickelt und diese  benötigt der Konsument, wenn er sich z. B. in ein Auto setzt, um nur aus Spaß durch die Gegend zu fahren, oder wenn er eine Hypothek für sein (nicht lebensnotwendiges) Eigenheim aufnimmt. Aber auch der Eigentümer der Produktionsstätte, der Aktionär ist ein Spieler, wenn er mit seinem Geld spekuliert. Alle folgen dem Motto: No risk – no fun!</p>
<p>Wenn es gelingt, bei meiner Arbeit Spielaspekte zu entdecken, so kann ich die Arbeit anders bewerten. Sie könnte mir dann wohl spannender erscheinen und mehr Freude machen. Es würde mir wohl auch leichter fallen, meine Flexibilität und Kreativität zu steigern.  Die Extrembeispiele von Csikszentmihalyi und Frankl zeigen, dass man auch da noch Spielaspekte bei der Arbeit herausfiltern bzw. einbringen kann, wo man es zunächst für unmöglich halten würde.</p>
<p><a id="gemeinschaft12a"></a><u>Zu (12a): Arbeitslosigkeit</u><br />
Aber was wird aus dem Spiel „Arbeit“, wenn ich arbeitslos werde? Man hat dann keinen Platz mehr, wo man hingehört. Die Ordnung schaffende Arbeit fehlt. Arbeit scheint sich zur Arbeitslosigkeit so zu verhalten wie Struktur zu Strukturlosigkeit bzw. wie Ordnung zum Chaos!</p>
<p>Wenn ich auch noch so sehr von meinem „Arbeitsspiel“ fasziniert sein mag (Leistung aus echter Leidenschaft!), weiß ich als Spieler, dass irgendwann dieses Spiel abgeschlossen sein wird. Spätestens der Tod beendet jedes Spiel! Spielen heißt auch verlieren und loslassen zu können – solche und andere Risiken lassen sich nicht ausschließen.  Vom Spiel Abschied nehmen zu müssen ist auch ein bisschen wie Sterben: Partir, c` est mourir en peu. Angesichts eines solchen „Memento mori“ kommt die Erkenntnis auf, dass alles, was wir haben, nur vorläufig oder vorrübergehend vorhanden ist, als sei es nur für eine Spielrunde verfügbar. Erklären wir uns zu einem solchen Spiel-Risiko bereit und akzeptieren wir die vorgegebenen Spielregeln, so entsteht daraus Freiheit! Spielen zu können, bedeutet frei zu sein und über ein gerade entstehendes Chaos Filter zu schieben, die Ordnungsstrukturen schaffen. Der Sinn eines Spiels liegt immer darin, in einer zufällig entstandenen und vielleicht misslichen Situation kreativ deren Optimierung anzustreben.</p>
<p>Wenn es mir von Anfang an gelungen sein sollte, meine Arbeit durch die „Spielbrille“ zu sehen, bin ich eher bereit, die Frustration einer auslaufenden Tätigkeit oder sogar eine Arbeitslosigkeit zu ertragen. Wenn ich weiß, dass ich mich jetzt für ein neues „Spiel“ bereit machen muss und gleichzeitig anerkennen kann, dass ich bei dem auslaufendem „Spiel“ viel dazu gelernt habe, verbessere ich meine Aussichten, ein neues „Spiel“ zu gewinnen. Im gedanklichen Spiel mit den Möglichkeiten kann ich mich auf eine neue „Spielrunde“ vorbereiten! Vielleicht kann ich mich dann sogar auf ein neues „Spiel“ freuen! Damit werde ich im Falle einer auf mich zukommenden Arbeitslosigkeit ein „down-sizing“ eher vermeiden können &#8211; im Gegenteil: mental bin ich sogar auf ein „up-sizing“ vorbereitet.  Wenn es gelingt, die Arbeit als Spiel anzusehen, ist die Beendigung dieser Arbeit nur das Ende eines Spiels, vielleicht eines verlorenen Spiels. Meine Person und meine Identität werden aber dadurch nicht beschädigt. Ich werde dann kaum entwurzelt und ich falle auch in keine Arbeitslosig-keits-Neurose; denn ich werde mich leichter von dem Verlust distanzieren können. Ich bin nicht die Arbeit, die ich hatte. Es ist nur ein „Spiel“ beendet worden. Es wäre gut für mich und meine Umwelt, wenn ich neue Spiele erfinden oder alte Spiele wie z. B. einen Tauschring mit neuem Leben erfüllen könnte. Ich könnte einen Tauschring aktivieren mit neuen Vertrauen stiftenden Maßnahmen über Internet oder Spiel- und Gesellschaftsabende. Auf jeden Fall kann ich wieder frei werden für die Suche nach neuen Wert- und Sinn-verwirklichungen.</p>
<h4><strong>Spiel in der Psychotherapie</strong></h4>
<p>Wie Hermann Hesse in seinem Alterswerk „Das Glasperlenspiel“ (20) beschreibt und wie das entsprechende Gedicht des Glasperlenspielmeisters Josef Knecht verdeutlicht, verläuft das Leben in „Stufen“:</p>
<blockquote><p>„Und in jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,<br />
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“<br />
Und weiter heißt es:<br />
„Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,<br />
An keinem wie an einer Heimat hängen,<br />
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,<br />
Er will uns Stuf um Stufe heben, weiten.“</p></blockquote>
<p>Diese Stufen entstehen dadurch, dass eine alte Ordnung aus den verschiedensten Gründen  ausgedient hat und nun ein Phasenübergang in eine neue Ordnung ansteht. Eine Spielrunde ist quasi beendet und damit geht auch immer Gewohntes und Gewonnenes und lange Zeit Bewährtes verloren. Die alte Ordnung zerbricht und vor einem macht sich das Chaos breit. Nichts oder alles erscheint möglich. Die Komplexität der Welt hat augenscheinlich zugenommen. Das Chaos kümmert sich auch um keinen (schwachen) Determinismus. Die Fragen nach dem „Wieso?“, „Warum gerade jetzt?“, „Warum gerade ich?“ sind jetzt völlig sinnlos. Alle Aufmerksamkeit sollte nun dem gelten, was jetzt passiert. Die Synergetik zeigt uns, dass gerade in dieser Situation winzige Einflüsse eine große Veränderung bewirken können und daher große Aufmerksamkeit verdienen! Ein Beispiel aus der Physik mag das verdeutlichen. Prallt eine Kugel senkrecht auf eine feine Nadelspitze, so lässt sich nicht vorhersagen, in welche Richtung die auf die Nadelspitze aufsetzende Kugel weiterfällt; denn die Kugel wird immer ein klein wenig abweichend von der Schwerpunktslinie auf die Nadelspitze auftreffen – selbst wenn es sich nur um die Breite eines Moleküls handelt. Dementsprechend fallen die Kugeln immer wieder auf andere Stellen der Unterlage. Die Ursache dafür, wohin die Kugel fällt, ist winzig. Der aber durch diese winzige Ursache ausgelöste Effekt ist recht groß!</p>
<p>Genauso nimmt die Komplexität in einer Krise zunächst zu, weil es anfangs offen ist, wie es weitergeht. In diesem chaotischen Zustand stehen meist mehrere, zunächst völlig gleichberechtigte Möglichkeiten zur Wahl. Diese werden aber durch bestimmte, in unserem Gehirn gespeicherte Muster gefiltert. Dadurch wird die Komplexität reduziert. Bei der Betrachtung des Necker-Würfels (Abb. 4) lassen unsere cerebralen Filter nur zwei Wahrnehmungsmöglichkeiten zu, die beide völlig gleichberechtigt sind, weil sie keine unterschiedlich starken Emotionen und Assoziationen hervorrufen. Das ist anders bei einem ambiguen Bild, bei dem man z. B. abwechselnd einen Einstein-Kopf oder drei badende Nixen erkennen kann. Betrachtet man das Zentrum, so sieht man wohl vorwiegend die nackten Nixen, die die Nase und die Augen- und Jochbeinpartie bilden. Guckt man auf die Peripherie, so erscheint der Einstein-Kopf. Ein Liebhaber der Relativitätstheorie wird vielleicht eher und andauernder Einstein erblicken. Ein der weiblichen Erotik aufgeschlossen gegenüberstehender Jemand wird längere Zeit die nackten Nixen sehen.  Dadurch, dass man mit beiden Varianten spielen kann, wird eine Fixierung auf die reine Wissenschaft oder auf die pure Erotik verhindert. Das alles kann unbewusst oder vorbewusst ablaufen. Der bewusste Wille, geleitet von den bewussten Anteilen des Über-Ichs und des Gewissens, tut sich schwer damit, einen der beiden Aspekte des ambiguen Bildes auszublenden. Das durch die zwei Wahrnehmungs-möglichkeiten definierte Spiel mit diesem Bild verhindert aber, dass man sich auf eine gedankliche Vorstellung fixiert, dass man in eine Hyperreflexion gerät bzw. dass man einem psychischem „Quasi-Attraktor“ anheim fällt.</p>
<p>Genau diesen Gefahren will der Psychotherapeut bei seinem Klienten entgegenwirken. Und genau deswegen kann das Spiel bzw. Spielaspekte in der Psychotherapie so hilfreich sein. Fixierungen auf neurotische Muster werden dadurch aufgeweicht. Letztlich bringt das Spiel  durch Hineinnehmen des Zufalls Bewegung in das Leben und wirkt den lebensfeindlichen Kräften entgegen: dem  Versinken im Chaos  bzw. dem Stillstand infolge Erstarrung. Gleichzeitig folgt aber das Spiel genauen Regeln und schafft dadurch Ordnung und zwar eine dynamische Ordnung (Abb. 6).</p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/07/abb6_das-spiel-als-vermittler-zwischen-chaos-und-ordnung_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Abb. 6 Das Spiel als Vermittler zwischen Chaos und Ordnung (Wolfgang Hoffmann)" title="abb6_das-spiel-als-vermittler-zwischen-chaos-und-ordnung_wolfgang-hoffmann" width="500" height="400" class="aligncenter size-full wp-image-21" /><br />
<em>Abb. 6:  Das Spiel als Vermittler zwischen Chaos und Ordnung bzw. Zufall und Regel bzw. unvorhersehbarem Schicksal und Freiheit</em></p>
<p>Das Spiel ermöglicht es, die Wirklichkeit auf ein abgegrenztes und damit überschaubares „Spielfeld“  abzubilden. So gesehen ist die Psychologie mit ihren vielen Spielarten wie die Wissenschaft überhaupt immer auch ein Spiel. Analog dazu kann die Alchemie nach C. G. Jung auf seine analytische Psychologie,  geschichtliche Verläufe auf individuelles Verhalten und das menschliche Individuum auf ein bestimmtes „Menschenbild“ abgebildet werden. Dadurch wird das ungeheuer komplexe, unfassbare Phänomen „Mensch“ und „menschliche Seele“  spielerisch begreifbar und es lässt sich dem Spiel, der Interaktion zwischen Chaos und Ordnung, ein Sinninhalt zuordnen (Abb.7).</p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/07/abb7_steuerung-der-interaktionen-zwischen-chaos-und-ordnung-durch-den-sinn_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Abb. 7 Steuerung der Interaktionen zwischen Chaos und Ordnung durch den Sinn (Wolfgang Hoffmann)" title="abb7_steuerung-der-interaktionen-zwischen-chaos-und-ordnung-durch-den-sinn_wolfgang-hoffmann" width="500" height="400" class="aligncenter size-full wp-image-22" /><br />
<em>Abb. 7: Steuerung der  Interaktionen zwischen Chaos und Ordnung durch den Sinn</em></p>
<p>Die Orientierung zum Sinn hin ist ein finales Denken, das immer mit einer gewissen Unsicherheit gepaart ist und damit auch etwas von der Vielfältigkeit des Chaos durchweht ist. Finales Denken macht die Handlungsfreiheit bewusst. Das kausale Denken will dagegen alles durch eine rigide Ordnung erklären („so und nicht anders!“) und fördert dadurch leicht Fixierungen. Das Spiel wirkt diesen Fixierungen entgegen. Es ist auf ein Ziel hingerichtet und hat damit auch finalen Charakter!</p>
<p>Es ist sicher kein Zufall, dass sich in der Psychotherapie viel Spielerisches etabliert hat,  z. B.</p>
<ul>
<li>Rollenspiel, Psychodrama</li>
<li>Aufstellungen verschiedener Art</li>
<li>Tanz- und Musiktherapie</li>
<li>Malen und plastisches Gestalten</li>
<li>Spiel mit Vergleichen, Verfremdungen und Übertreibungen</li>
<li>……………………………………………</li>
</ul>
<p>Aufstellungen mit Spielaspekten sind  z. B. Familienausstellungen, Familienstrukturen, inneres Team (Friedemann Schulz von Thun (11)), Tetralemma (Matthias Varga von Kibéd (21)).</p>
<p>Angeregt durch das Buch von Fritz Simon mit dem Titel „Radikale Marktwirtschaft“ (22) habe ich mit Erfolg mit einem Spiel experimentiert, bei dem die Klienten auf einem virtuellen Marktstand das, was sie für die anderen tun wollen und was ihren Wertvorstellungen entspricht, als Waren (W) anbieten, oft allerdings als „Package“. Dafür erwarten sie mit einer Währung bezahlt zu werden, die ihren Bedürfnissen (B) entspricht. Da kann es vorkommen, dass manche Waren sehr begehrt sind, aber nicht im Angebot sind, oder dass Waren angeboten werden, die keiner kaufen will – zumindest nicht zu dem geforderten Preis bzw. als „Package“ zusammen mit unerwünschten Beigaben (23).</p>
<p>In der Logotherapie kommt das Spielerische besonders in der paradoxen Intention zutage. Auch sonst  kann uns in der Logotherapie das Spiel enorm dabei unterstützen, den weiten Raum an Möglichkeiten zu erkunden, wie Sinn erfahren und verwirklicht werden könnte. Viktor Frankl weist immer wieder darauf hin, dass der Mensch sich nur in dem Maße selbst verwirklichen und seine Persönlichkeit weiter entwickeln kann, in dem er Sinn erfüllt.</p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/07/abb8_persoenlichkeitsentwicklung_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Abb. 8 Persönlichkeitsentwicklung (Wolfgang Hoffmann)" title="abb8_persoenlichkeitsentwicklung_wolfgang-hoffmann" width="500" height="400" class="aligncenter size-full wp-image-23" /><br />
<em>Abb. 8: Persönlichkeitsentwicklung durch die verschiedenen logotherapeutischen Möglichkeiten der Sinn- uns Werteverwirklichung</em></p>
<p>Wie Abb. 8 verdeutlichen soll, gibt es nach Frankl für die Sinnfindung und Sinnverwirklichung drei Wege, nämlich</p>
<ol type="a">
<li>über schöpferisches, gestaltendes, sinnvolles Tun („Schöpferische Werte“),</li>
<li>über die liebevolle Zuwendung zu anderen Menschen oder wohltuenden Dingen („Erlebniswerte“),</li>
<li>über die Möglichkeit, auch Verluste und unabwendbares Leid für andere vorbildhaft zu erdulden (Einstellungswerte gegenüber negativem Schicksal) oder für glückliche Fügungen zu danken und andere an der Freude darüber zu beteiligen (Einstellungswerte gegenüber positivem Schicksal). Das entspricht etwa den drei Qualitäten in Goethes Ausspruch: „Edel (s. (c)) sei der Mensch, hilfreich (s. (a)) und gut (s. (b))“.</li>
</ol>
<p>Die Verwirklichung der schöpferischen Werte erfolgt mehr auf die Außenwelt bezogen durch Arbeit und mehr auf die Innenwelt ausgerichtet in der Pflege der eigenen Gesundheit (vgl. Pfeilrichtungen in den entsprechenden Feldern in Abb. 8). Auf welche Weise Spielaspekte bei der Arbeit nützlich sein können, haben wir bereits oben erwähnt. Spielerisch lernen wir am leichtesten. Das Spiel entspannt uns. Sportliches Spiel der Muskeln und Gliedmaßen fördert ebenfalls unsere Gesundheit.<br />
Erlebniswerte stiften Sinn, wenn man sich z. B. nach außen seinen sozialen Beziehungs-möglichkeiten zuwendet oder mehr nach innen gewandt seine Achtsamkeit verfeinert. Beziehungen werden durch den sozialen Aspekt des Spiels hergestellt und vertieft. Flirt und Spiel, z. B. das heimliche Spiel der Augen, der Hände, des Fächers etc.) steht am Anfang der Liebe. Die Achtsamkeit kann durch Musik und spielerische Bewegungen (z. B. Feldenkrais) gefördert werden.<br />
Bei den Einstellungswerten gibt es im Falle eines positiven Schicksals mehr nach außen gerichtete Potentiale des Dankens und Teilens der eigenen Freude mit anderen. Selbst noch bei negativem Schicksal besteht nach Frankl im Inneren die Möglichkeit, durch eine entsprechende Einstellung das Leiden in eine Leistung zu verwandeln und damit zu beweisen, dass der Mensch selbst in Extremsituationen seine Würde zu bewahren vermag. Der Dank für ein positives Schicksal kann durch entsprechende Spiele (Musik, Tanz, Dichtung und Kunst) zum Ausdruck gebracht werden und selbst ein schweres Schicksal lässt sich mit Gedanken-spielen, mit Musik, Dichtung und Kunst ein wenig leichter ertragen &#8211; man erinnere sich nur der Gedankenspiele von Frankl im KZ.</p>
<p>Das Schicksal bringt immer wieder alte Ordnungen zu Fall, aber es bietet oft auch neue Spielmöglichkeiten an, wenn alte Ordnungen stürzen. Immer wieder müssen wir Leid und Frustrationen ertragen und erdulden. Dabei werden in unserem Psychophysikum regressive und aggressive Impulse wach werden. Durch diesen Gefühls-Urwald müssen wir aber durch, um den Übergang in eine neue Phase, Hesse würde sie „Stufe“ nennen, zu bewältigen. Diesen Urwald nannte ich das Toleranzfeld ((24), (25) (tolus = Last, tolerare = dulden, ertragen) (s. Schema Abb. 9, links oben, s. Ausschnitt davon Abb. 9, rechts oben). Wie im Märchen  muss ich mich in diesem Toleranz-Urwald vielen Aufgaben stellen, die mich manchmal an meine Grenzen führen, ehe ich meine (innere) „Prinzessin“ lieben bzw. befreien oder meine (innere) „Hexe“ verbrennen kann. Könnte das Agieren im Spannungsfeld von Akzeptanz = “Liebe“ und Regression/Aggression bzw. von geistiger und psychischer Dimension mit dem Wandel auf den verschlungenen Wegen des Toleranz-Urwaldes nicht vielleicht auch zu einem Spiel ausgestaltet werden (s. Abb. 9, unten)? Nicht nur der homo faber hat die Möglichkeit, sich in den homo ludens verwandeln!</p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/07/abb9_1_sinn-und-werte_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Abb. 9-1 Sinn und Werte (Wolfgang Hoffmann)" title="abb9_1_sinn-und-werte_wolfgang-hoffmann" width="480" height="300" class="aligncenter size-full wp-image-24" /></p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/07/abb9_2_toleranz_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Abb. 9-2 Toleranz (Wolfgang Hoffmann)" title="abb9_2_toleranz_wolfgang-hoffmann" width="480" height="300" class="aligncenter size-full wp-image-25" /></p>
<p><img src="http://wolfgang-hoffmann.info/wp-content/uploads/2008/07/abb9_3_kontemplation-aktion-transformation_wolfgang-hoffmann.gif" alt="Abb. 9-3 Kontemplation Aktion Transformation (Wolfgang Hoffmann)" title="abb9_3_kontemplation-aktion-transformation_wolfgang-hoffmann" width="480" height="300" class="aligncenter size-full wp-image-26" /><br />
<em>Abb. 9:  Mögliche Spielwege bei Frustrationen und Leid (=Phasenübergängen)</em></p>
<p>Die Suche nach Spielaspekten oder das Spiel selbst kann uns darin unterstützen , unseren potentiellen Freiraum zu entdecken und nach Sinnvollem und Wertvollem zu suchen und dieses dann auszugestalten. So hat das Spiel einen wohl begründeten Platz in der Psychotherapie; denn es bietet viele Vorteile &#8211; insbesondere auch in der Logotherapie (logotherapeutische Zielsetzungen in Klammern):</p>
<ol>
<li>Erweiterung des Gesichtsfeldes und Förderung der Flexibilität (Freiraum entdecken, Selbstdistanzierung)</li>
<li>Förderung der Kreativität (schöpferische Werte, Erlebniswerte)</li>
<li>Gewinn an Freiheit, Unabhängigkeit und Distanz (Selbstdistanzierung, Selbsttranszendenz)</li>
<li>Steigerung der sozialen Kontakte (Erlebniswerte)</li>
<li>Förderung der Risikobereitschaft (Distanzierung und Überwindung von Ängsten)</li>
<li>Zunahme der Fähigkeit, Frustrationen und Verluste (z. B. Arbeitslosigkeit) zu ertragen (Einstellungswerte zu negativen Schicksal)</li>
<li>Zugewinn an Erkenntnis und Erfahrungen (Einstellungswerte)</li>
<li>Entstehen von Freude und Begeisterung (Erlebniswerte, Einstellungswerte zu positiven Schicksal)</li>
</ol>
<p>„Spiel“ ist ein Thema, das heute in der Luft liegt. „Spiel“ kann missbraucht werden; es lässt sich aber auch gut gebrauchen. Ohne irgendein Risiko einzugehen ist bei jedem Problem zumindest die Frage erlaubt: Was würde sein, wenn es nur ein Spiel wäre? Vielleicht eröffnet mir diese Frage neue, bisher übersehene Perspektiven und Entwicklungspotentiale und eventuell wächst in mir die Lust daran, neue Spiele zu finden und zu erfinden. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich das Aufsetzen der „Spielbrille“ lohnt!</p>
<p><u>Literatur</u></p>
<ol>
<li>Hermann Haken, Arne Wunderlin: „Selbststrukturierung der Materie“, Vieweg Verlag, Braunschweig, 1991</li>
<li>Hermann Haken: „Erfolgsgeheimnisse der Natur“, Deutsche Verlagsanstalt, 1986</li>
<li>Hermann Haken / Günter Schliepek: „Synergetik in der Psychologie“, Göttingen u. a., 2006</li>
<li>Kenneth J. Gergen: „Das übersättigte Selbst“, Carl-Auer-Systeme, Heidelberg, 1996</li>
<li>Johan Huizinga: „Homo ludens“, Rowolt, Reinbeck bei Hamburg, 19. Aufl. 1999</li>
<li>Ali Wichmann in einem Interview mit G. Fischer und  Ch. Sommer, Brand 1, 08/06, S. 60ff</li>
<li>Manfred Eigen / Ruthild Winkler: „Das Spiel – Naturgesetze steuern den Zufall“, R. Piper, München –  Zürich, 2. Aufl. 1976</li>
<li>Stefan Scholl: „Mit Vollgas in die Kurve“, Brand Eins 08/06, S. 100f)</li>
<li>Aristoles: „Nikomachische Ethik“ IV</li>
<li>Virginia Satir: „Selbstwert und Kommunikation“, J. Pfeiffer, München, 12. Aufl. 1996</li>
<li>Friedemann Schulz von Thun: „Miteinander Reden“, Bd. 3, Rowolt, Reinbeck bei Hamburg, 1999</li>
<li>Jens Bergmann: „Der Sandkasten des Saarlandes“, Brand Eins 08/06, S. 84ff</li>
<li>Albert Einstein zitiert nach Christoph Rosol, Susanne Utzt: „Doktorspiele“, Brand Eins</li>
<li>Platon: „Gesetze II“: S. 653 (zitiert nach (5))</li>
<li>Friedrich Schiller: „Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen“;<br />
Werke in 12 Bänden , 14. und 15. Brief, Bd. 11 -12, Verl. U. Weichert, Berlin, 1910(?), S. 314 ff</li>
<li>Aristoteles: Politik VIII, S. 1399a (zitiert nach (5))</li>
<li>Peter Laudenbach: „Machen Sie Ihr Spiel“, Brand Eins 08/06, S. 89 &#8211; 95</li>
<li>Mihaly Csikszentmihalyi: „Lebe gut!“, S. 57, Klett-Cotta, Stuttgart, 1999</li>
<li>Viktor E. Frankl: „…trotzdem Ja zum Leben sagen“, dtv, München, 25. Aufl. 2005</li>
<li>Hermann Hesse: „Das Glasperlenspiel“, Suhrkamp Verlag, 1960, S. 605</li>
<li>Insa Sparrer, Matthias Varga von Kibéd: „Ganz im Gegenteil“, Carl Auer, 2000</li>
<li>Fritz B. Simon: „„Radikale“ Marktwirtschaft“, Carl-Auer-Systeme, Heidelberg, 1992</li>
<li>Wolfgang Hoffmann: „Toleranz“, Vortrag bei der Frühjahrstagung der Sektion Logotherapie in Wirtschaft und Arbeitswelt der Deutschen Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse (West), 2003</li>
<li>Wolfgang Hoffmann: „Der Wille zur Gesundheit“, Vortrag auf der Herbsttagung der Gesellschaft<br />
für Logotherapie und Existenzanalyse Ost, 2003</li>
<li>Wolfgang Hoffmann: „Macht Gesundheit Sinn?“ Medizinische Welt, 2005, S. 256ff</li>
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		<title>Herzlich Willkommen!</title>
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		<pubDate>Thu, 08 May 2008 20:22:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Hoffmann</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Willkommen auf meiner Website! Auf dieser Website werden Sie in Zukunft mehrere Artikel von mir vorfinden! Ich freue mich über Ihre weiteren Besuche!
Mit herzlichem Gruß!
Wolfgang Hoffmann
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<p>Mit herzlichem Gruß!</p>
<p>Wolfgang Hoffmann</p>
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