Ausschnitt aus der Rede von Wolfgang Hoffmann zur Konfirmation seines Enkels,
gehalten am 29.04.2018 in Langenau.
Er hatte sich folgenden Konfirmationsspruch ausgesucht:
„Dein Glaube hat Dir geholfen; gehe hin in Frieden!“ (Luk. 7.50)
Fünf Argumente gegen den Unglauben
Wieso lehnen so viele den Glauben an Gott ab? Ich denke, es werden hauptsächlich diese fünf Haupt-Gründe gegen einen Glauben an Gott angeführt, die aber m. E. alle nicht stichhaltig sind:
- Grund: Unsichtbarkeit und Unbeweisbarkeit Gottes
- Grund: angebliche Unvereinbarkeit des Gottesglaubens mit der Wissenschaft
- Grund: Erschwertes Verständnis biblischer Sprache und biblischer Geschichten
- Grund: Insuffizienz der „Vertreter Gottes“ auf Erden
- Grund: Die Theodizee-Problematik
1. Grund: Unsichtbarkeit und Unbeweisbarkeit Gottes
Als ich Konfirmand war, hat mir mal ein Mann im mittleren Alter seinen Nicht-Glauben damit begründet, dass er nur glauben könne, was er sehe – nach der Vogel-Strauß-Taktik: „was ich nicht sehe, gibt es nicht! Basta!“. Das hat mich damals schon zum Widerspruch angeregt; denn es ist ja bekannt, dass ich nur das sehen kann, für das in meinem Gehirn bereits ein abgespeichertes Muster vorhanden ist. So erklären sich ja viele optische Täuschungen.
Im Alltagsleben haben wir uns daran gewöhnt, die Existenz von vielem nicht anzuzweifeln, obwohl sie unseren Augen verborgen ist wie z. B. die Rückseite des Mondes, was Matthias Claudius zu dem Lied (EG 482,3) veranlasst hat:
„Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen
und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil unsere Augen sie nicht sehen“.
Dass man an Gott nicht glauben kann, weil man ihn nicht sehen kann, ist natürlich ziemlich naiv, genauso wie auch der angebliche Ausspruch des ersten Menschen im Weltraum, des sowjetischen Astronauten Juri Gagarin, vor 57 Jahren: „Ich bin in den Weltraum geflogen, aber Gott habe ich dort nicht gesehen“ – ein naiver Spruch deswegen, weil Gott ja geradezu dadurch definiert ist, dass er unsere Erkenntnisfähigkeiten übersteigt. Deswegen kann ich auch Gott nicht irgendwo geografisch verorten, auch nicht im Himmel.
Anmerkung (zu „Himmelreich“): In den Evangelien bezeichnet das Wort „Himmelreich“ den Herrschaftsbereich Gottes, an dem die Seligen und Geretteten Gott schauen dürfen. Wörtlich heißt es öfter bei Mattheus „Königreich der Himmel“ (Plural! Griech.: βασιλεία τῶν ουρανῶν (basileia ton ouranon)) oder „Königreich Gottes“ (βασιλεία τοῦ Θεοῦ (basileia tou theou)) in den anderen Evangelien.
Die Begriffe „Himmel“ und „die Himmel“ einschließlich des „7. Himmels“ haben sich nicht nur als Redensart erhalten, sondern sie sind auch archetypisch als Ursymbol in unserer Seele tief eingegraben. Jesus spricht vom „Himmelreich“ („Königreich Gottes“) immer wieder nur in Gleichnissen: „Das Himmelreich ist … wie ein Senfkorn (Mt 13.31-32 /Mk 4.30-32), wie ein Schatz (Mt 13.44-46), wie eine Perle (Mt 13.45), wie ein Fischfang (Mt 13.47-50)“. Als Jesus von den Pharisäern gefragt wurde, wann das Reich Gottes komme, antwortete er: „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte. Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es! oder: Dort ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch“. (Lukas 17.20-21)
Der Gagarin-Ausspruch ist ein gutes Beispiel dafür, wie manche gegen die Bibel argumentieren, wenn sie sich aus der Schrift ein bestimmtes Wort (wie z. B. „Himmel“) heraussuchen, das heute in uns ein ganz anderes Bild hervorruft als zu biblischen Zeiten ohne dabei zu bemerken, um was es eigentlich geht und was eigentlich gemeint ist (vgl. 3. Grund).
2. Grund: angebliche Überlegenheit der Wissenschaft gegenüber dem Gottesglauben
Obwohl Gott gerade nach den Aussagen der Bibel dadurch charakterisiert ist, dass wir ihn nicht erkennen, nicht begreifen und uns deswegen auch kein Bild von ihm machen können und sollen, wollen wir wie schon der ungläubige Apostel Thomas erst glauben, wenn wir Beweise sehen und es fällt uns schwer, die Antwort von Jesus zu akzeptieren: „Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben“ (s. Joh. 20.19-29).
Offenbar wollen wir uns nicht mit dem Unbestimmten, Unlogischen, Ambivalenten, Unbegreifbaren u. s. w. zufrieden geben, obwohl uns das alles von unserer Gefühlswelt bzw. unserem Unterbewusstsein her vertraut sein müsste (z. B. durch unsere Träume). Wir streben dagegen nach Klarheit, logischem Verständnis und Überprüfbarkeit und treiben deswegen Wissenschaft und Forschung und vertrauen dabei besonders den experimentell überprüfbaren Naturwissenschaften, insbesondere der – dank der Mathematik – exaktesten aller Naturwissen-schaften, der Physik.
Die in der Schule gelehrte klassische Physik und Chemie und die durch die Elektrochemie bestimmte biologische Physiologie beruhen auf den Erkenntnissen des 19. Jahrhunderts. Damals konnte man noch davon ausgehen, dass jeder Wirkung eine Ursache vorausgeht und dass das Geschehen in der Natur mit relativ einfachen, meist mathematisch formulierten und gut verständlichen Gesetzen exakt beschreibbar ist.
Die Einführung der speziellen und allgemeinen Relativitätstheorie Einsteins (1905 und 1915) forderte dann unser Anschauungsvermögen schon stärker heraus wie z. B. mit der Annahme eines vierdimensionale Raum-Zeit-Kontinuums und der Äquivalenz von Masse und Energie : E=±mc².
Aber zunächst blieb der Glaube ungebrochen, dass alle Naturvorgänge scharf berechenbar seien unter von unserem Verstand gut begreifbaren Voraussetzungen. Das Leben und die nachfolgende Evolution seien z. B. durch zufällige Mutationen entstanden, so glauben wir bis heute, und sie würden diesen Naturgesetzen auch folgen, wobei die Umwelt die zufällig entstandenen Arten nach ihrer Anpassungsfähigkeit begünstige bzw. auswähle.
Wozu braucht man da noch einen Schöpfer-Gott?
Die heile Welt der Kausalität brach aber durch die Entwicklung der Quantentheorie ab 1900 zusammen. Dabei kam es zu einer m. W. einmaligen Entwicklung: sowohl der Begründer der Quantentheorie, der Nobelpreisträger Max Planck, als auch die Physiker, die die Quantentheorie weiterentwickelt haben, wie die Nobelpreisträger Albert Einstein, Niels Bohr, Werner Heisenberg, Louis-Victor Piere de Broglie, Erwin Schrödinger, Richard Feynman, Enrico Fermi und viele andere, sie alle sträubten sich gegen die Folgerungen, die sich aus der von ihnen entwickelten Quantentheorie ergaben. Richard Feynman behauptete schlichtweg: „Ich denke, man kann mit Sicherheit sagen, dass niemand die Quantenmechanik versteht (I think it is safe to say that no one understands quantum mechanics)“.
Gerade Einstein hat sich bis zu seinem Lebensende immer wieder neue Experimente ausgedacht, mit denen er die Quantentheorie mit ihren Ungeheuerlichkeiten zu widerlegen gedachte, aber jedes Mal musste er erkennen, dass er sich geirrt hatte, weil die Experimente die Quantentheorie bestätigten. Die Quantentheorie, so unverständlich sie auch seien mag, funktioniert prächtig. Ihr ist das geliebte Smartphone, der Computer, der Fernseher, ja praktisch unser ganzes elektronisches Equipment und leider auch die Atombombe zu verdanken. Nach dem gelungenen Nachweis der Teleportation von verschränkten Quanten, die Einstein als „spukhafte Fernwirkung“ ablehnte, arbeitet man jetzt an weiteren Innovationen wie z. B. einem superschnellen Quantencomputer oder einer extrem sicheren Quanten-Daten-Verschlüsselung.
Ungeheuerliche Zumutungen, die das zuvor bestehende Weltbild zerstörten, gab es als Folge der Quantentheorie einige! So bricht die Quantenphysik z. B. mit dem in der klassischen Physik geltenden Realitätsanspruch, dass physikalische Eigenschaften objektiv existieren, unabhängig von einer Messung dieser Größen, dass also das Ergebnis jeder denkbaren Messung schon vor der Durchführung der Messung feststeht. In der Quantenmechanik ist es dagegen so, dass erst der Messvorgang, erst die Beobachtung, die Wirklichkeit herstellt. Das Experiment, die Beobachtung, das Bewusstsein, entscheidet, ob z. B. ein Lichtteilchen (ein sog. Photon) oder ein Elektron oder ein Atom oder ein ganzes Molekül als Teilchen oder als Welle wahrgenommen wird. Scherzhaft gesagt, ist das so wie mit dem Staub in unserer Wohnung. Ob Staub wirklich wird, hängt vom Beobachter ab: Meine Frau sieht Staub, ich sehe dagegen keinen Staub, nur Sauberkeit. Gibt es weder meine Frau noch mich als Beobachter, gibt es quantenmechanisch gedacht nur einen diffusen.
Bevor eine Beobachtung statt findet, gibt es nur Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeiten, dass sich die Bewegungen, Prozesse, Beziehungen, Verbindungen und Informationen des zunächst bestehen-den Wahrscheinlichkeitsfeldes, das einem Informationsfeld entspricht, zu einer bestimmten Wirklichkeit verdichten. Es gibt keine eindeutigen Ursache-Wirkung-Beziehungen.
Hans-Peter Dürr, der Nachfolger Heisenbergs auf dem Münchner Lehrstuhl für Theoretische Physik, drückt das so aus (Hans-Peter Dürr: Warum es ums Ganze geht) drückt es so aus: „Die Zukunft ist offen, jedoch nicht ganz zufällig, denn es lassen sich immer noch bestimmte Wahrscheinlichkeiten angeben. … In jedem Augenblick wird die Welt neugeschaffen, jedoch im Angesicht, im „Erwartungsfeld“, der ständig abtretenden Welt“ (Dürr) und unter Einhaltung von Naturgesetzen wie den Erhaltungssätzen für Energie, Impuls und Ladung.
Der Nobelpreisträger Werner Heisenberg kam auf seine statistische Deutung der Quantentheorie, als er nachts in einem Park einen Mann spazieren gehen sah, den er immer nur dann erkennen konnte, wenn er unter dem Lichtkegel einer Laterne auftauchte, und der wieder im Dunkel verschwand, wenn er sich von der Laterne entfernte. Es war nicht ganz sicher, ob der Mann unter der nächsten Laterne des Hauptweges wieder auftauchte, oder ob er vielleicht bei einem Seitenweg abbog oder ob er eventuell auch über den Rasen weiterlief. Wie der Mann im Park verschwindet ein Teilchen hier und entsteht wieder dort, so dass ein Beobachter meint, es hat sich von hier nach dort bewegt; aber dass ist nur der Gedankengang des Beobachters. Das Teilchen könnte auch zwischen den beiden Beobachtungen ganz andere Wege eingeschlagen haben. In der Quantenmechanik gibt es immer ein unentschiedenes Dazwischen.
Wenn wir also die Materie immer mehr zerkleinern mit der Absicht, die kleinste elementare, reine Materie zu finden, das gedankliche „Atom“ der altgriechischen Philosophen Leukipp und Demokrit, dann bleibt zu unserer Überraschung am Ende nichts mehr übrig, was uns an Materie erinnert.
Hans-Peter Dürr schreibt:
„Materie ist nicht aus Materie aufgebaut!“ „Materie gibt es im Grunde garnicht. … Die Felder der Quantenphysik sind aber nicht nur immateriell, sondern wirken in ganz andere Räume hinein, die nichts mit unseren vertrauten dreidimensionalen Raum zu tun haben. Es ist ein reines Informationsfeld und hat nichts mit Masse und Energie zu tun. Dieses Informations-feld ist nicht nur innerhalb von mir, sondern erstreckt sich über das ganze Universum, weil dieser Quantencode keine Begrenzung hat. …Diese fundamentale Verbundenheit führt dazu, dass die Welt eine Einheit ist. Es gibt streng genommen überhaupt keine Möglichkeit, die Welt in Teile aufzuteilen, weil alles mit allem zusammenhängt.
Materie bildet sich erst als „Als-ob“- Erscheinung bei größeren Anhäufungen der atomaren Gestaltwesen auf einem räumlich höheren Niveau durch Ausmittelung heraus. … `Lebendige´ Materie ist im Grunde dieselbe `Materie´ wie die `tote´ Materie – Materie, die eigentlich keine Materie ist. Auch in der `toten´ Materie herrscht diese Lebendigkeit, doch wird sie dort herausgemittelt. … Lebendige Wesen wie der Mensch sind im Grunde instabil. Ihre scheinbare Stabilität erhalten sie durch dynamisches Ausbalancieren, das ständige Energiezufuhr benötigt.
Die indeterminierte Naturgesetzlichkeit im Mikroskopischen ist demzufolge so verfasst, dass im statistischen Mittel makroskopisch die uns wohlbekannten klassischen Naturgesetze herauskommen. Die Zukunft erscheint in dieser Vergröberung determiniert. Es sieht so aus, als hätten wir ein Kausalgesetz: Aus A folgt B; und das genau, bis auf winzige kleine Abweichungen. Es formiert sich so etwas wie Materie“ (Dürr).
Anmerkung (zur Entstehung der Materie durch „Ausmittelung“): Wenn man noch einmal an den Mann im Park denkt, der Heisenberg als Ideenspender diente, so könnte man sich das Mittelungsverfahren, das zum Entstehen von fester Materie führt, vielleicht so vorstellen, dass bei der Beobachtung vieler Spaziergänger im nächtlichen Park, zwar einige rechts und einige links vom Hauptweg abweichen, aber die meisten dem Hauptweg folgen werden, so dass bei der Mittelung über sehr viele Nachtwanderer, sich die Anzahl der Rechts- und Links-Abweichler gegenseitig aufhebt, und es dann so aussieht, als wären alle den Hauptweg gefolgt. Das anfangs bestehende „Wahrscheinlichkeitsfeld“ hat sich dann auf den Hauptweg konsolidiert.
Die Mittelung bei lebendiger Materie mit der ihr innewohnenden Instabilität gleicht dann wohl eher einem Mann, der seinen Spaziergang mitten auf dem Parkrasen beginnt, ohne dass Wege vorgegeben sind, so dass die Fortsetzung seines Weges zunächst in alle Richtungen seiner Umgebung im 360°-Umfang gleich wahrscheinlich ist. Bei einer Mittelung über sehr viele Personen mit derartigen Ausgangsbedingungen würden sich die verschiedenen Bewegungsrichtungen gegenseitig aufheben, so dass es so aussehen würde, als hätte sich keiner fortbewegt (bzw. als ob alle tot wären?). Erst wenn man den Personen von einer bestimmten Seite her einen Anreiz bietet, ihnen z. B. eine Tüte Zuckermandeln vor die Nase hält, dann werden sich die meisten in diese Richtung bewegen. Damit sie den Weg weiter verfolgen, müssen die Tüten mit Zuckermandeln immer wieder erneuert werden, was einer ständigen Energiezufuhr von außen entspricht. Bei der Mittelung über viele dem Zuckermandelangebot folgenden Personen wird es dann so aussehen, als hätte sich ihr Parkspaziergang zu einer ganz bestimmten Route verfestigt.
Letztendlich ist also Wirklichkeit „nicht dingliche Wirklichkeit. Wirklichkeit ist reine Verbundenheit oder Potentialität. Wirklichkeit ist die Möglichkeit, sich unter gewissen Umständen als Materie und Energie zu manifestieren, aber nicht die Manifestation selbst“ (Dürr).
Tote und lebendige Materie entstehen also aus etwas Nicht-Materiellen als dem Ursprünglichen, „aus etwas, das mehr dem Geistigen ähnelt.. Die Natur ist demnach in ihrem Grunde nur Verbundenheit, das Materielle stellt sich erst hinterher heraus. Wir können kaum über Verbundenheit nachdenken, ohne zu überlegen, was womit verbunden ist. Es gibt nur wenige Substantive in unserer Sprache, die Verbundenheit elementar ausdrücken: Liebe, Geist, Leben. Letztlich sind dafür eher Verben geeignet: leben, lieben, fühlen, wirken, sein“ (Dürr).
Heisenberg zieht daraus den Schluss: „Die Quantenmechanik ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass man einen Sachverhalt in völliger Klarheit verstanden haben kann und gleichzeitig doch weiß, dass man nur in Bildern und Gleichnissen von ihm reden kann“ (Werner Heisenberg: Der Teil und das Ganze). Geht es einem nicht genauso mit dem Glauben?
Sein „Verständnis“ des nicht unmittelbar Vorstellbaren verdankt Heisenberg wie alle modernen Physiker der höheren Mathematik, die – wie übrigens auch die Musik – die Grenzen unseres verstandesmäßigen Vorstellungsvermögens und anschaulichen Begriffsvermögens zu überschreiten vermag und die dann zu einer Art mikro – und makrokosmischen Universalsprache wird.
Kardinal Michael von Faulhaber (1869 – 1952) behauptet sogar: „Religion und Mathematik sind nur verschiedene Ausdrucksformen derselben göttlichen Exaktheit“. Warum sollen wir das Sinn stiftende Prinzip nicht Gott nennen und als Gott verehren dürfen, das wir hinter der wunderbaren Schönheit des Lebens und der verschwenderischen Vielfalt der Natur und des Kosmos als Wirkkraft erahnen, aber eher mit der Musik und der Kunst als mit dem Verstand erfassen können?
Diejenigen, die den Glauben für veraltet und überflüssig halten, weil ja die Naturwissenschaft alles viel klarer und eindeutiger beschreibt, müssen sich belehren lassen, dass die hehrste aller Naturwissenschaften, die Physik, letztendlich auch nur in Bildern und Gleichnissen redet – wie die Bibel. Moderne Physik und christliche Verkündigung bedienen sich folglich einer gleichartigen Ausdrucksform. Das naturwissenschaftliche Wissen reicht nicht aus, den Glauben überflüssig zu machen. Allerdings sollte der Glaube auch nicht das Wissen verdammen. Beim christlichen Glauben geht es nicht um naturwissenschaftliche Erklärungen, sondern darum, wie man leben und handeln soll, wie man das „Himmelreich“ in sich selbst entdecken kann (s. Lukas 17,21) und wie einem der Glauben helfen kann, u. a. den wahren Frieden zu finden.
„Man glaubt gar nicht, wieviel man glauben muss, um ungläubig zu sein“, sagte der schon zitierte Kardinal Faulhaber; denn gerade die modernen Naturwissenschaften verlangen ja von uns viel Unverständliches zu glauben. Die meisten Menschen trauen heute mehr ihrem Verstand als ihrer Seele. So sind sie heutzutage allzu gern bereit, den für sie unverständlichen hoch abstrakten mathematischen Aussagen einer abgehobenen Experten-“Priesterkaste“ zu folgen und deren naturwissenschaftlichen-physikalischen Verkündigungen für wahr zu halten – auch wenn ihr laienhaftes Verständnis und Anschauungsvermögen streikt, während sie den religiösen Erzählungen viel misstrauischer begegnen, obwohl diese für die menschliche Seele viel einsichtiger sind. Die Seele (mit ihrem Unterbewusstsein) und der (an die Sprache gebundene) Verstand haben jeweils ihre eigene Sprache, wie der Psychiater und große Seelenkenner Carl Gustav Jung betont (1875 – 1961). Dieser Einsicht versperren wir uns meist!
Die Aussagen über die Quantentheorie sind unendlich vieldeutig und schwammig. Vieldeutig sind zwar auch unsere Gefühle, die beim Hören der biblischen Erzählungen entstehen, aber sie erscheinen uns verständlich und vertraut, weil unsere Emotionen mit in unserem Unterbewusstsein gespeicherten Bildern und Symbolen verbunden sind, auf die die Quantentheorie und die Wissenschaft ganz allgemein nicht zurückgreifen kann. Jedenfalls sind die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaften keineswegs eingängiger als die Geschichten, Gleichnisse und Bilder der Bibel, die an die in unserem persönlichen und kollektiven Unterbewusstsein abgelegten archetypischen Symbole und Komplexe anknüpfen, so dass unsere Seele und unser Geist sie leichter begreifen können als unser Verstand die abstrakten Aussagen der Wisssenschaft, obwohl in jeder Wissenschaft die real bestehende Komplexität stets auch noch reduziert wird. In Wirklichkeit müssten also die wissenschaftlichen Beschreibungen viel, viel komplexer und damit wohl auch rein mathematisch nicht mehr zu erfassen sein.
Heiner Geissler zieht in seinem Artikel „Wo ist Gott?“ im Tagesspiegel vom 8.07.2002 folgendes Fazit:
„Da die Existenz Gottes der Vernunft nicht widerspricht, die Vernunft aber nicht alles erfasst, was existiert, bleibt Raum für die Religion und für den Glauben an Gott. Wo wir Gott finden, muss jeder selber entscheiden: In der kosmischen Singularität vor dem Urknall, in der Liebe der Menschen, in der Überwindung des Bösen, in der Musik von Bach, Mozart und Beethoven oder zum Beispiel in dem Menschen Jesus, dessen Botschaft so einzigartig ist, dass man sie als göttlich bezeichnen kann. Bis dahin kann ich alles mit der Vernunft begründen und erfassen. Der Schritt darüber hinaus führt zum Glauben, zur Religion“.
Ich bin oben näher auf die Quantentheorie eingegangen,
1.) weil gerade sie als die Glanzleistung unseres wissenschaftlichen Denkens beispielhaft zeigt, dass hier die moderne Naturwissenschaft unser verstandesgemäßes Vorstellungsvermögen übersteigt,
2.) weil sie uns daher nur noch in Gleichnissen und Bildern vermittelt werden kann und
3.) weil sie als das Ursprüngliche eine „reine“ Verbundenheit beschreibt, die man auch als eine Art von „Liebe“ bezeichnen könnte.
Gerade den letzten Punkt finde ich äußerst bemerkenswert: kommt doch die Quantentheorie zu dem Schluss, dass Beziehung und damit so etwas Ähnliches wie „Liebe“ der Anfang und die Grundlage alles dessen ist, was es gibt. Das lässt sich im geistigen Bereich auch in der christlichen Religion wiederfinden! Die Liebe als das Wichtigste und Größte überhaupt preist ja auch der Apostel Paulus im 1. Korinther-Brief: „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen (1. Kor. 13.13)“ und der Heilige Antonius von Padua fasst das noch einmal zusammen: „Die Liebe ist die Seele des Glaubens, sie macht ihn lebendig; ohne die Liebe stirbt der Glaube“.
3. Grund: Erschwertes Verständnis biblischer Sprache und biblischer Geschichten
Warum tut sich unser Verstand mit dem Glauben und der Bibel so schwer? Sind z. B. die Gleichnis-Geschichten nicht großartig? Ähneln sie nicht oft einem kurzen Video-Clip, in dem – manchmal mit Augenzwinkern und Humor, manchmal auch provozierend – Jesus erzählt, worauf es ihm ankommt und worum es beim Glauben geht. Überhaupt ist die Bibel voller schöner Geschichten, in denen der Glaube an Gott erklärt wird.
Ein Grund für das erschwerte Verständnis dieser Erzählungen mag darin liegen, dass nicht wenige Bibelstellen interpretationsbedürftig, ja verwirrend, widersprüchlich oder gar unverständlich sind, insbesondere, wenn man sie wortwörtlich nimmt und die dahinter stehende Aussage nicht erkennen kann oder will. So gibt es gleich am Anfang des Alten Testaments zwei Schöpfungsgeschichten (Gen 1.1 und Gen 2.4 – 3.24), die unterschiedlich sind. Offensichtlich geht es in den beiden Geschichten nicht um eine naturwissenschaftliche Darstellung der Entstehung des Kosmos und des Menschen, sondern darum, welche Beziehung Gott zu dem von ihm geschaffenen Kosmos und zu dem von ihn gestalteten Menschen hat.
Das Wort „glauben“ hat zwei Bedeutungen: 1.) für wahr halten und 2.) vertrauen. Das Vertrauen, dass es Gott gibt, der hinter allem steht, der allem einen Sinn gibt und der ein Gott der Liebe und Barmherzigkeit ist, sollte m. E. der wesentliche Kern eines Glaubens sein.
Das „Für-wahr-halten“ kann zu Missverständnissen führen, wenn das mit Beschreibung der historischen und naturwissenschaftlichen Wirklichkeit (Realität) gleichsetzt wird. Letzteres tun fundamentalistische Christen, die dann z. B. anhand von Bibelstellen ausrechnen, dass Gott die Welt vor 6000 Jahren geschaffen hat, und letzteres machen auch die Bibelkritiker, wenn sie in der Bibel nach widersprüchlichen Aussagen suchen und damit die Unglaubwürdigkeit der Bibel und so ihren Atheismus gegründen.
Auch für den Gläubigen ist die Bibel manchmal schwer zu begreifen, weil die Texte aus längst vergangenen Zeiten stammen, deren Sprache, Bilder, Symbole und Geschichten heute oft nicht mehr verstanden werden, und die dann in der kirchengeschichtlichen Vergangenheit z. T. verschieden ausgelegt wurden und teilweise zu heute nicht mehr nachvollziehbaren dogmatischen Festlegungen führten. Als relativ „harmloses“ Beispiel dafür, wie sich das Wortverständnis im Laufe der Zeiten geändert hat, können die Worte „Himmelreich“ bzw. „Reich Gottes“ dienen, wie die folgende Anmerkung zeigt.
Anmerkung (zum Wortverständniswandel): In der Anmerkung zu der Bedeutung des Wortes „Himmelreich“ (s. S. 1 (1. Grund)) wurde erwähnt, dass im Neuen Testament der Herrschaftsbereich Gottes, in dem die Seligen Gott schauen dürfen, in der griechischen Originalsprache „Königreich“ (βασιλεία (basileia)) genannt wird. Welche Vorstellungen verbinden wir mit den Worten „Königreich“ und „Reich“? Denken wir da an die konstitutionellen Monarchien unserer europäischen Nachbarländer mit nur noch präsentierenden Monarchen oder taucht da das Bild eines Märchenkönigreichs in uns auf mit einem alten, manchmal in Filmen schon etwas trottelig dargestellten König, der seine Macht und seine Tochter an einen Prinzen übergeben will, wenn dieser sich durch besondere Fähigkeiten auszeichnet? Die Juden zu Jesu Zeiten hatten den grausamen, von den Römern abhängigen König Herodes noch gut in Erinnerung, aber wahrscheinlich dachten sie lieber an das jüdische Großreich der Könige David und Salomon, während uns diese orientalischen Königreiche recht fern sind.
Für uns Deutsche ist das Wort „Reich“ inzwischen problematisch geworden, weil es bei uns im Rahmen der Vergangenheitsbewältigung hauptsächlich im Zusammenhang mit dem „Dritten Reich“ und seiner Gewaltherrschaft gebraucht wird. Auch das „Wilhelminische Kaiserreich“ wird als „imperialistisch“ diffamiert. An das alte erste Kaiserreich, das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“, wird kaum jemand denken, das in seiner „Reich-weite“ im christlichen Abendland einen multinationalen „Be-Reich“ von Recht und Frieden sichern sollte, aber in dem der Kaiser sich seine Macht immer wieder von den Reichsfürsten erbetteln oder erkaufen musste [so das nebenbei gesagt das alte Reich kein „Imperium“ war, wie zwar der lateinische Titel lautete, und wie später die Engländer und Franzosen das Wort „Reich“ mit „Empire“ übersetzten – alles Worte die sich vom lat. Wort „imperare“ = „herrschen, befehlen“ ableiteten]. Trotzdem ruft der immer mit Gott oder den Göttern in Verbindung stehende Begriff „König“ (incl. „Königreich“) in uns archetypische Vorstellungen wach, die dem Titel „Präsident“ fehlen.
Die Ausführungen der obigen Anmerkung zeigen aber auch, dass sich die bei den Worten „Königreich“ oder „Reich“ in uns entstehenden Assoziationen nur schwer mit der Vorstellung von „Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde“ aus dem Glaubensbekenntnis in Einklang bringen lassen.
Zu den Bedeutungswandel von einzelnen Worten kommen noch unterschiedliche Bedeutungen infolge verschiedener Übersetzungsmöglichkeiten. Als Beispiel hierfür mag der bei der Erörterung des 5. Grundes erwähnte Anfang des 22. Psalms dienen („Eli, Eli, lema sabachthani“) dienen (s.u.).
Zusätzlich zu den sprachlichen Problemen gibt es im christlichen Glauben inhaltliche Heraus-forderungen wie die Kreuzes-Theologie, die schon in frühester christlicher Zeit Paulus im 1. Korinther-Brief zu dem Satz veranlassten, dass der christliche Glaube „für die Juden ein Ärgernis und für die Heiden eine Torheit“ sei (1. Kor. 1.23).
Anmerkung (zu 1. Kor. 1.23): Genau heißt es: „Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkünden Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen und die göttliche Schwachheit ist stärker, denn die Menschen sind“ (1. Kor. 1.22 – 25).
Wenn wir heutzutage mit bestimmten vorgefassten Meinungen oder mit unserer „scharfen“ Verstandeslogik die Bibel kritisch durchleuchten, historisch erklären und wenn dann Theologen wie Rudolf Bultmann (1884 – 1976) die Bibel „entmythologisieren“, erscheint vielleicht vieles zunächst unserem Verstand einleuchtender. Aber mir ging es nicht selten dann so, dass irgendwie die alten Texte für mich ihre Kraft verloren hatten. Meine Seele und meine Gefühlswelt scheint die ursprüngliche Fassung der Geschichten viel besser einzusehen als mein analysierender Verstand. Rein verstandesmäßig mag ich es irgendwie „interessant“ finden, wenn z. B. ein Wissenschaftler herausgefunden zu haben glaubt, dass vielleicht zwei Personen mit dem Namen Abraham, die zu verschiedenen Zeiten lebten, zu einer Abraham-Geschichte (Gen. 11.27 – 25.10) verschmolzen wurden, und sich nun Historiker, Archäologen und Theologen einen heftigen Schlagabtausch über dieses Thema liefern. Manchmal helfen mir auch solche wissenschaftlichen Untersuchungen, die Bibel besser zu verstehen. Aber es ist gut, nach der wissenschaftlichen Exegese noch einmal in sich hinein zu horchen und zu fühlen. Wenn ich dann bemerken sollte, dass die biblische Geschichte nach der kritischen Analyse ihren Zauber und ihre heilende Kraft für mich verloren hat, so tue ich wahrscheinlich gut daran, mich an Luthers Warnung zu erinnern, dass die Vernunft „die höchste Hure“ sei, „die der Teufel hat“. Die heilende Kraft vieler biblischen Geschichten entfaltet sich wohl nur dem, der sie in sich aufnimmt wie ein Demütiger, wie ein „Armer (=Bettler) im Geiste“ (s. Bergpredigt, 1. Seligpreisung Mt. 5.3) oder wie ein Kind (s. Markus 10.14: „Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen“). Ernst Wichert soll mal gesagt haben: „Der Glaube ist nur für Kinder und Weise, für die Intellektuellen ist der Atheismus“.
Ich denke, wir sollten uns immer bewusst sein, dass wir Gott in seiner unendlichen Größe nie vollständig erfassen und verstehen können. Wie ein Hund uns wohl nur als den großen „Über-Hund“ wahrnehmen wird und mit uns nur in der Sprache „Wau-Wau“ kommunizieren kann, so sind wir Menschen immer wieder versucht, auf Gott menschliche Eigenschaften zu projizieren, obwohl wir wissen, dass wir uns von Gott kein Bild machen können und sollen. Trotzdem sprechen wir Menschen im Gebet zu Gott wie zu einem Menschen in verschiedenen menschlichen Rollen.
Wahrscheinlich macht der Hund das ganz ähnlich so mit uns, indem er z. B. in uns mal eine Hundemutter, mal einen Hunde-Spielgefährten oder mal einen Leitwolf sieht (letzteres vielleicht als unbewussten Hunde-Archetypus, denn ihm wird in seinem Leben kaum ein Wolf begegnet sein). So vermittelt uns die Bibel in auf uns Menschen zugeschnittenen Bildern, Geschichten und Gleichnissen eine Gottes-Vorstellung.
Es gibt wohl keinen, den diese unterschiedlichen Interpretationen des Glaubens an Gott – genauso wie die Vielfalt der Religionen – nicht verwirren. Offenbar gibt es viele Möglichkeiten zu glauben. Aber anstatt nun deswegen den Glauben für absurd zu halten, tue ich m. E. gut daran, meinen Weg zu Gott zu suchen und mich dabei von meiner mir tradierten Kultur, von meinen Ahnen und von meiner Kirche leiten zu lassen, in die ich nun einmal hineingeboren worden bin bzw. in die mich Gott hineingebracht hat, wie ich als Gläubiger sagen darf.
Ergänzende Anmerkung (Feministische Einwände gegen den männlichen Gottes-Titel): Feministinnen der Gender-Ideologie haben beim Bibelstudium immer wieder Schwierigkeiten mit dem Gebrauch des grammatikalisch(!)-männlichen Artikels „der“ vor dem Wort „Gott“ und mit dem in der Bibel vorherrschenden männlichen Gottesbild (Gott als der Vater, als der Herr, der Schöpfer, der Gerechte, der Strafende, der Beschützende, der Barmherzige etc.). Fleissig haben daher feministische Theologen/innen nach der Erwähnung weiblicher Eigenschaften Gottes gefahndet und im Internet eine Liste von Bibelstellen zusammengestellt, in denen Gott eine weibliche, mütterliche Seite zugeschrieben wird. Da wird dann Gott z. B. zur Henne, weil es im Psalm 17.8 heißt: „beschirme mich unter dem Schatten Deiner Flügel“. Die Mutter-Seite Gottes wird z. B. deutlich bei Hosea 11.1-9, wo Gott von seinem Mutterschoß spricht und von sich selbst sagt: „Denn Gott bin ich und nicht Mann“ (Hos. 11.9).
Die feministischen Theologen/innen müsste es eigentlich beruhigen, dass es in Gen. 1.27 heißt: „Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und er schuf sie einen Mann und ein Weib“. Das heißt doch, dass Gott männliche und weibliche „Bilder“ in sich trägt, die er dann auf den Menschen übertragen hat (wobei es fataler Weise für das Wort „Mensch“ leider immer noch keine grammatikalisch-weibliche Form gibt. Lediglich im Dialekt wird gelegentlich von „das Mensch“ gesprochen). Es freut wohl auch das Gender-Völkchen, dass bei Jahwe nie der Besitz eines Phallus erwähnt worden sei – im Gegensatz zu dem kanaanäischen Gott El.
Der weibliche Aspekt Gottes wird dadurch noch deutlicher, dass „ruach“, das hebräische Wort für den Geist Gottes, ein grammatikalisch weibliches Geschlecht hat. Die „ruach“ leitet den Beginn der Schöpfungsgeschichte ein: „und die „Ruach“ schwebte auf dem Wasser“ (Gen 1.2). In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments (= Septuaginta) und dem auf Griechisch geschriebenen Neuen Testaments wird die „Ruach“ (= Wind, Hauch, Atem, Lebensodem) mit das „Pneuma“ (τό πνεῦμα) übersetzt, ein Wort mit grammatikalisch-neutralen Geschlecht, das dann in der lateinischen Übersetzung zu „spiritus“ mit grammatikalisch-männlichen Geschlecht wird – wie das deutsche Wort „Geist“.
Im Internet findet sich zu diesem Thema der Artikel „Gott als Mutter?“ von Ludger Schwienhorst-Schönberger in der Internationalen Katholischen Zeitschrift Communio (Ausgabe 1/2015), indem der Autor auch eine Stellungnahme des Papstes Johannes Paul I erwähnt. Bei Papst Johannes Paul I geht es hauptsächlich um einen Kommentar von Augustinus (354- 430) zum Psalm 27.10: „Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, JHWH nimmt mich auf“. Dazu schreibt Augustinus im Kommentar von Gott JHWH: „Er ist Vater, weil er gründet, weil er ruft, weil er befiehlt, weil er herrscht; Mutter, weil er wärmt, weil er nährt, weil er stillt, weil er umschließt“ (= „Pater est, quia condidit, quia vocat, quia iubet, quia regit; mater, quia fovet, quia nutrit, quia lactat, quia continet“). Papst Johannes Paul I hatte dann noch auf Meister Eckhart (1260 – 1328) verwiesen, der auch die Doppelmetapher von Gott als Vater und Mutter kannte und schrieb: „Die Dinge (=Schöpfung) sind nicht nur aus sich selbst wie aus einem Vater, sondern auch in sich selbst wie in einer Mutter hervorgebracht worden“. (Eigene Übersetzung von: „Res productae a deo non solo sunt ab ipso ut a patre, sed et sunt in ipso ut in matre“).
In diesem Artikel erwähnt der Autor auch Joseph Ratzinger / Papst Benedikt XVI., der bei der Auslegung des Vaterunsers die Frage stellte: «Ist Gott nicht auch Mutter? Warum ist ‹Mutter› in der Bibel ein Bild, aber kein Titel Gottes?» Ratzinger vermutet, dass eine Muttergottheit „das Verhältnis von Gott und Welt mehr nach dem Modell der Emanation «aus dem Mutterschoß des Seins» fassen und folglich zu einem pantheistischen Gottesverständnis tendieren“ würde, und er fährt fort: «Aber auch wenn wir keine absolut zwingenden Begründungen geben können, bleibt für uns die Gebetssprache der ganzen Bibel normativ, in der […] trotz der großen Bilder von der mütterlichen Liebe ‹Mutter› kein Gottestitel, keine Anrede für Gott ist.»
Ich persönlich würde es außerordentlich bedauerlich finden, wenn jetzt ein Kampf um einen weiblichen Titel-Proporz Gottes entstehen würde, weil durch diesen Machtkampf (Kampf nach Männerart!) einmal mehr das dienende, sich hingebende, ernährende weibliche Prinzip zugunsten des handelnden, kämpfenden männlichen Prinzips aufgegeben würde. Paradoxer Weise wird m. E. durch ein solches Gerangel die Balance zwischen männlichem und weiblichem Prinzip gestört. Es wäre so, als ob unser Immunsystem nur noch ergotrop und nicht mehr auch trophotrop oder unser vegetatives Nervensysten nur noch sympathikoton und nicht mehr vagoton reagieren würde. Beides führt zu Krankheit!
Nicht nur für Katholiken besteht die Möglichkeit, mit Maria das weibliche Prinzip spirituell zu verehren (indem Maria angerufen, aber nicht angebetet wird). Bezeichnenderweise hat schon in der frühen Christenheit Maria viele Attribute von heidnischen Göttinnen wie Isis, Artemis und Athene übernommen, so dass vermutlich die Volksfrömmigkeit die von der Kirche vorgegebenen Grenzen manchmal überschritten haben wird. Menschen wollen Gott eben als Menschen und Frauen als Frau sehen und verstehen. Wir Menschen tun uns schwer zu akzeptieren, dass wir uns von Gott kein Bild machen dürfen und dass Gott gerade derjenige ist, der unser Verstehen weit übersteigt und eben nicht als einer verstanden werden kann, der wie ein Mensch, wie ein Mann oder eine Frau, „denkt“ und „handelt“.
Wenn das alles noch nicht ausreicht, den Hunger nach Gender-Gerechtigkeit zu stillen, könnte, wie Adolf Hitler es tat, das Wort „Gott“ durch das Wort „die Vorsehung (weibl.!) ersetzt werden, oder für „Gott“ wird der Ausdruck „das Wesen (neutr.!), das wir alle so sehr verehren“ eingesetzt , wie in Heinrich Bölls Satire „Dr. Murks gesammeltes Schweigen“.
4. Grund: Insuffizienz der „Vertreter Gottes“ auf Erden
Viele Glaubensabtrünnige weisen gerne auf Verfehlungen von einzelnen Kirchenmitgliedern, einzelnen Kirchenamtsträgern (z. B. bei den Missbrauchskandalen) oder der Kirchen als Institution hin und erklären dann die gesamte von den Kirchen verkündigte Glaubenslehre für unglaubwürdig. Der schon oben zitierte Kardinal Faulhaber hält dagegen: „Kein vernünftiger Mensch beurteilt den Baum nach dem Fallobst“. Die Kirchen werden von Menschen gebildet und da gibt es Menschen mit gutem und mit schlechtem Charakter. Auch eine Airline hat gutes, verantwortungsvolles Personal, aber auch mal insuffiziente oder zickige Stewardessen oder schlimmstenfalls einen psychisch kranken Piloten, der das ihm überantwortete Flugzeug zu einem erweiterten Selbstmord missbraucht, oder eine Airline kann auch mal Flugzeuge gekauft haben, bei denen sich technische Mängel herausstellen. Wird man deswegen das Fliegen mit Flugzeugen aufgeben (auch wenn das vielleicht für die Umwelt gut wäre)?
Mag die Kirche ihre Mängel haben und kündigt auch Gott seinen insuffizienten Angestellten wie überhaupt allen Sündern nicht, so steht doch andererseits fest, dass die meisten in der Kirche aktiven Menschen „wackere und redlich sich abmühende Arbeiter im Weinberg des Herrn“ sind und dass die Kirche auch zu allen Zeiten viele vorbildliche Menschen hervorgebracht hat und dass ohne die Kirche und ihre Lehrer die wenigsten Menschen lebenswichtige Glaubensinhalte und Glaubensmöglichkeiten vermittelt bekommen hätten. Bei der psychotherapeutischen Arbeit konnte ich immer wieder erleben, dass auch Menschen, die die Religion und den Glauben an Gott weit von sich wiesen, zu ihrer großen Überraschung feststellen mussten, dass sie in ihrem Unterbewusstsein (z. B. in Träumen und Imaginationen) über hilfreiche Ressourcen in Form religiöser Bilder und Symbole verfügten, die ihnen offenbar in ihrer Jugend vermittelt worden waren und die sie jetzt Krisen besser bewältigen ließen.
5. Grund: Die Theodizee-Problematik
„Krise“ ist das Stichwort für den fünften und von mir jetzt als letzten genannten Grund gegen einen Gottesglauben. Er hat wohl das größte Gewicht. Er ist möglicher Weise auch das am häufigsten genannte Gegenargument gegen den Glauben. Dabei geht es um die uralte Frage: Wie kann Gott das viele Böse, Schlimme, das Leid und das Unrecht zulassen. Es geht um die Gerechtigkeit bzw. die Rechtfertigung Gottes, die mit dem griechischen Fachwort „Theodizee“ bezeichnet wird. Über das Theodizee-Problem haben sich schon in uralter Zeit auch nicht christlich-jüdisch geprägte Menschen Gedanken gemacht. Ist Gott garnicht gütig, barmherzig und gerecht oder ist er garnicht allmächtig oder gibt es gar überhaupt keinen Gott?
Ich habe viele Menschen kennen gelernt, die sich wegen der unbeantwortbaren Theodizee-Frage vom Glauben abgewandt haben. Auch meine Schwiegermutter konnte nicht mehr an Gott glauben, nachdem sie als 16 – 17-jähriges Mädchen von Ostpreußen in die Kohlebergwerke des ukrainischen Donezgebietes verschleppt worden war und dort unsagbares Leid erfuhr.
Es gibt eben neben dem selbst verschuldetem Leid wie z. B. schwere Krankheiten, die durch eine falsche Lebensweise oder einen risikofreudigen Lebensstil verursacht wurden, auch das völlig unverschuldete Leid wie das meiner Schwiegermutter.
Ein solches Leid musste auch der Psychiater Viktor Emil Frankl durchstehen, der als Jude vier KZs einschließlich Ausschwitz als einziger seiner Familie überlebte und der über diese KZ-Zeit ein Buch mit dem bezeichnenden Titel „Trotzdem Ja zu Leben sagen“ schrieb. Er behandelt darin die „Pathodizee“, die Rechtfertigung des Leidens. Leid ist für ihn die „Bewährungsprobe“ der „menschlichen Freiheit“: Der Mensch hat nicht nur die Freiheit, Böses zu tun. Der Mensch ist auch frei, seine Fähigkeit zu beweisen, dass er sein Leiden in eine Leistung verwandeln kann und damit Menschen als Vorbild dienen kann. Frankl nennt als Beispiel dafür KZ-Mitgefangene, „die aufrecht gehend, mit einem Gebet auf den Lippen in den Gasofen gegangen wären“.
Ein anderer für uns vorbildlicher KZ-Gefangener war Dietrich Bonhoeffer, der sich von seinem Glauben trotz des erfahrenen Leids einschließlich des bitteren Ende durch seine Hinrichtung nicht abbringen ließ. Ihm verdanken wir wunderbare Verse voller Gottvertrauen wie das bekannte Lied:
„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag“
und das tröstliche Trauergedicht:
„Wir treten aus dem Schatten bald in ein helles Licht.
Wir treten durch den Vorhang vor Gottes Angesicht“.
Viktor Frankl behauptete einmal sehr provokativ: „Jeder erlebt sein Auschwitz!“. Jedenfalls stellt das Leben uns immer wieder, besonders angesichts der „Tragischen Trias“ (=Dreiheit, Ausdruck von Karl Jaspers) von Leid, Schuld und Tod, vor Aufgaben, die wir nach besten Vermögen zu lösen haben. Wie in einer Schulprüfung ist es sinnlos zu fragen, warum diese Aufgabe gestellt wurde. Sinnvoll ist es einzig und allein, sich zu fragen, wie diese Aufgabe bestmöglich gelöst werden kann. Wenn Jesus am Kreuz die Anfangsworte des 22. Psalm herausschreit: „Eli, Eli, lema sabachthani“, so wird das üblicher Weise mit „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ übersetzt – eine Frage nach dem Grund des Leidens (Kausalfrage), die nach Frankl nicht weiterführt, die aber wohl auf einem Übersetzungsfehler beruht; denn sowohl im Hebräischen als auch in der griechischen Übersetzung bei Matth. 27.46 fragt der Psalmist und damit auch Jesus wohl mehr nach dem Zweck des Leidens: „Mein Gott, mein Gott, wozu hast Du mich verlassen?“ (Finalfrage, eingeleitet mit dem griechischen Wort ʿίνατί (=Hinati) – eine Frage also nach der Aufgabe, die Gott Vater ihm mit dem Leid stellt – ganz im Sinne Frankls Verständnisses vom Aufgabencharakter des Lebens und Leidens. Von da aus ist es auch zu verstehen, wenn der Psalmist (und somit auch Jesus) seinen Glauben an Gott und sein Vertrauen zu Gott nicht verliert, sondern im Gegenteil nicht von Gott ablässt: „Du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an“ (Psalm 22.11b).
Der Psalmist des 22. Psalms verhält sich da wie Hiob, der ohne jegliche Schuld unsagbares Leid erfährt, der aber seinen Glauben an Gott und sein Vertrauen zu Gott nicht aufgibt. Als Hiob das Schreckliche erfährt, das ihm widerfahren ist, betet er „Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der Herr hat`s gegeben, der Herr hat`s genommen. Der Name des Herrn sei gelobt!“ (Buch Hiob 1.21). Hiob macht Gott nicht zum Angeklagten, weil Gott ihm sein vermeintliches Recht auf ein gutes Leben zerstört hat, sondern er dankt Gott, dass er ihm überhaupt sein Leben geschenkt und dass er ihm dann so vieles gegeben hatte, wenn auch nicht als Dauer(leih)gabe! Das ganze Leben ist ja schließlich auch nur eine Leihgabe auf eine unbestimmte Zeit!
Kein Mensch hat ein Anrecht auf Leben, erst recht nicht auf ein angenehmes „gutes“ Leben. Mit der Geburt sind wir schon alt genug zu sterben, wie es der Mystiker Meister Eckhart von Hochheim (um 1260 – 1328 ) ausdrückt. Wir sind unser ganzes Leben lang umzingelt von unsagbar vielen Gefahren. Wir haben damit allen Grund, Gott zu danken, wenn wir wieder einen Tag in Gesundheit und Wohlergehen verbringen durften, was nicht selbstverständlich ist, was wir aber meist für selbstverständlich halten und daher das Danken vergessen. Wenn aber Unglück über uns hineinbricht, sind wir sehr aufgebracht und machen Gott schwerste Vorwürfe oder „bestrafen“ ihn mit der Leugnung seiner Existenz (die in der Antike bis heute übliche Verbannung aus der Erinnerung (= Damnatio memoriae))!
Nach unseren menschlichen Vorstellungen und Maßstäben hätte ein allmächtiger, liebender Gott alle Gefahren und alles Übel und Böse von seiner Schöpfung fernzuhalten (obwohl wir selbst oft nicht mal unserem eigenen Leib gegenüber so handeln). Als der verzweifelte Hiob schließlich doch nach dem Grund seines Leidens fragt, antwortet Gott ihm: „Weißt du des Himmels Ordnungen, oder bestimmst du seine Herrschaft über die Erde?“ (Hiob 38.33). Hiob muss wie Sokrates eingestehen, dass er ein Nicht-Wissender ist: „Darum bekenne ich, daß ich habe unweise geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe“ (Hiob 42.3). Gott gibt Hiob auch dadurch seine Unwissenheit zu erkennen, dass Hiob keine Kenntnisse über die Schöpfung und ihre Gesetzmäßigkeiten hat, indem er spricht: „Wo warst du, als ich die Erde gründete?“ (Hiob 38,4). Gott verdient als Schöpfer und Spender des Lebens allein deswegen schon unser Vertrauen, auch wenn wir sein Handeln bzw. Nicht-Handeln nicht nachvollziehen können. Hiob kennt nicht die Naturgesetze, denen wir unser Leben verdanken und denen wir unterworfen sind. Wie ich oben bei den Ausführungen über die Quantentheorie erwähnte, herrscht aber in der Natur ein ständiger Wandel, ein immerwährendes „waberndes Quantenwahrscheinlichkeitsfeld“, eine „Beständigkeit der Unbeständigkeit“. Das Leben ist charakterisiert durch Instabilität, durch das Fließgleichgewicht in der Natur, durch das ständige „Stirb und Werde“, das „Fressen und Gefressen werden“. Warum das „Gefressen werden“ oft so grausam sein muss, warum Opfer z. B. bei Kriegen oder Naturkatastrophen so sehr leiden müssen, wird uns unverständlich bleiben. Manchmal allerdings setzt das Leid auch Weiterentwicklungen und Reifungsprozessse in Gang, die ohne den unerwünschten schweren Schicksalsschlag nicht zustande gekommen wären.
Anmerkung (Frankls „Experimentum crucis“): Frankl wertete in seinem Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ Auschwitz für die Entwicklung seiner Logotherapie als „Experimentum crucis“: „Die eigentlich menschlichen Urvermögen der Selbsttranszendenz und Selbstdistanzierung … wurden im KZ existentiell verifiziert und validiert“.
[Die Logotherapie ist nach Frankl eine auf Sinn (=Logos) ausgerichteten Psychotherapie].
[Experimentum crucis = lat. Kreuzesversuch, bei dessen Scheitern die dem Experiment zugrunde liegende Theorie wiederlegt worden wäre].
Auch bei mir selbst und bei vielen meiner Patienten konnte ich die Beobachtung machen, dass ein Leid bedeutende positive Veränderungen zur Folge hatte, womit ich aber nicht sagen will, dass wir Gottes Gründe für das Schreckliche, das uns zustoßen kann, durchschauen können. Dass Gott eine Vorstellung von Gerechtigkeit hat, die nicht unserem menschlichen Gerechtigkeitsempfinden entspricht, macht Jesus ja auch in den Gleichnissen von dem verlorenen Schaf (Luk. 15.1-6) oder vom verlorenen Sohn (Luk. 11-32) oder von der Belohnung der Arbeiter im Weinberg (Matt. 20.1-16) deutlich, aber in den Gleichnissen müssen wir uns eingestehen, dass Gottes Gerechtigkeit am Ende barmherziger ist als die unsere.
Ein ständiges „gutes Leben“ würde einem Stillstand oder einem unbegrenzten Wachstum entsprechen. In der Natur führt beides zum Tode: sowohl der Stillstand als auch unbegrenztes Wachstum. Dem Stillstand fehlt die Instabilität als Grundvoraussetzung für Lebendigkeit. Das unbegrenzte Wachstum muss dagegen irgendwann an eine Grenze stoßen, wo die Energie bzw. die Ressourcen nicht mehr ausreichen, so dass ein Kollaps oder Absterben die Folge ist. Je verbohrter und maßloser wir an einem wachsendem Wohlergehen festhalten und zu keiner rechtzeitigen Umkehr bereit sind, desto schlimmer und verheerender wird das Wachstum zusammenbrechen und desto unvermeidlicher ist dann das unsere Maßlosigkeit begrenzende Leid. Dessen muss sich ja der einzelne Mensch nicht nur als Individuum sondern auch als Mitglied einer Gesellschaft gewahr sein, die für einen momentan noch wachsenden Wohlstand die vorhersagbaren Wirtschafts-, Umwelt- und Klima-Katastrophen ignoriert.
In unserer Verantwortung steht nur, zu unserem und unseres Nächsten Leid keinen Beitrag zu leisten. Das unabwendbare schicksalhafte Leid, das Gott in seiner Unerforschbarkeit und nach seinem Maßstab über uns verhängt, haben wir – wie z. B. Hiob oder wie Dietrich Bonhoeffer – demütig und gehorsam anzunehmen und wir können nur um ein gütig bemessenes Maß zu bitten, wie es Eduard Mörike mit dem Gedicht ausdrückt:
„Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht erschüttern!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden“.
Im Glauben an die Gegenwart Gottes und seine Güte und Barmherzigkeit hoffen und wünschen wir, dass es dann am Ende in den Heilungsgeschichten heißt:
„Dein Glaube hat Dir geholfen; gehe hin in Frieden!“ (Luk. 7.50).
Und vom Frieden Gottes heißt es im Brief an die Philipper (Phil. 4.7): „Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird Eure Herzen und Eure Gedanken in Christus Jesus bewahren“ (Einheits-Übersetzung). Dieser Friede ist die eigentliche Heilung vom Leid!
Anmerkung (zu Heilung durch Glauben): Inzwischen ist sogar wissenschaftlich z. B. durch die Untersuchungen von Aaron Antonovsky bewiesen worden, dass der Glauben einen wichtigen Beitrag zur Widerstandsfähigkeit und zur Gesundheitsentstehung (Salutogenese) leisten kann. Hiroshi Oda konnte zeigen, dass der Glaube auch eine Rolle bei den sehr seltenen Spontanheilungen bei Krebserkrankungen zu spielen vermag. Aber ein Glauben, der nur das Ziel verfolgt, seine Gesundheit zu stärken, ist natürlich kein Glauben mehr, sondern nur noch eine zweckgebundene Autosuggestion!
Trotzdem Ja zum Glauben sagen
Es gibt mindestens die oben aufgeführten fünf Argumente, nicht an Gott zu glauben, aber ich hoffe, dass ich mit meinen Ausführungen auch darlegen konnte, dass es mehr Gründe gibt, am Glauben festzuhalten, als Gründe, von ihm abzulassen. Unser Glauben, unsere Religion, unsere Kirche beruhen auf den großartigen Erzählungen der Bibel. Allein die Berichte der Evangelien mit den Berichten über Jesus, seinen Gleichnissen und seinen Predigten sind heute so hochaktuell wie damals. Von ihnen geht eine große Kraft aus. Der Glaube vermittelt uns und unserem Leben Sinn. Der Glaube gibt uns – wie ein weithin sichtbarer starker Turm – Orientierung für unser Handeln und er bietet uns auch eine Heimat.
Wie der Glaube an Gott in diesem Sinne gelebt und erlebt werden kann, wenn man nicht den Argumenten der Atheisten folgt, deutet das folgende Gedicht von Rainer Maria Rilke an:
„Ich kreise um Gott, um den uralten Turm
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.“
Gott und damit auch der Glaube an Gott wird in diesem Gedicht mit einem „uralten Turm“ verglichen. Ein solcher Turm ermöglicht stets eine Orientierung. Sein Alter und seine Höhe veranlassen uns ehrfürchtig nach oben zu schauen. Wahrscheinlich haben sehr viele Generationen an ihm gebaut. Teile von ihm mögen verwittert oder von Efeu oder Rosen umwachsen sein. Einige der dort angebrachten Inschriften mögen schwer oder garnicht lesbar sein. Dem Turmfalken aber bietet er Schutz. Er baut sein Nest in ihm und er kann von dort die Umgebung weit überblicken.
Der Sturm rüttelt an dem Turm, vielleicht ringt er auch mit ihm (wie Jakob am Fluss Jabbok (Gen. 32.23-33)) und kommt so mit dem Turm in einen innigen Kontakt. Er nimmt so den Turm und gleichzeitig sich selbst wahr und kann aber auch durch sein Heulen von anderen wahrgenommen werden.
Die dritte Möglichkeit ist, den Turm in seiner majestätischen Größe und Heiligkeit durch einen „großen Gesang“ zu preisen. Die Musik ist vielfältig und vieldeutig und geht tiefer in unser Herz ein als in unseren Verstand. Bei dem Wort „Großer Gesang“ denke ich zuerst an Händels strahlendes „Halleluja….he shall reign for ever and ever, King of Kings, Lord of Lords, Halleluja“ aus seinem Oratorium Messias. Oder ich denke an die von Luther verfasste „evangelische Nationalhymne“ „Eine feste Burg ist unser Gott“, deretwegen um 1900 viele Kirchen mit wehrhaften Türmen wie eine romanische Burg gebaut wurden. Oder ich stimme auch nur einen kleinen Dank-Gesang an wie: „Schön ist es auf der Welt zu sein, sprach die Biene zu dem Stachelschwein!“.
Wichtig ist es, das Zentrum nicht aus den Augen zu verlieren, seine Umlaufbahn zu stabilisieren und somit für Sicherheit zu sorgen. Das Kreisen um den Turm führt zu ständigen Wiederholungen ähnlich dem Wechsel von Tag und Nacht. Durch die Wiederholungen werden Rituale eingeübt. Rituale führen zu einer Beständigkeit. Rituale strukturieren und ordnen den Alltag wie das tägliche Gebet und das Zähneputzen. Wenn man nicht aufhört, sein Leben lang treu um „Gott den uralten Turm“ zu kreisen, wird man mit der Zeit an dem Turm immer wieder neue Details erkennen und an ihm sicher auch ganz besonders schöne Stellen entdecken und lieben lernen. Das Kreisen um den Turm ermöglicht dem Turmfalken, dem Sturm und dem Gesang und seinem Sänger in ständiger Bewegung zu bleiben wie ein kreisförmig um den Turm schwingendes Pendel, das desto weiter und freier schwingen kann, je höher der Turm ist, an dem es aufgehängt ist. Wer sein Leben an Gott, bildlich gesprochen an der Turmspitze festmacht, für den gilt auch der Satz „Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2. Kor. 3.17).